Tod nach Zahn-OP "Vollnarkose nie leichtfertig machen"

Noch ist nicht geklärt, wer für den Tod des 18-Jährigen bei einer stundenlangen Wurzelbehandlung verantwortlich ist. Der Hamburger ist nicht der Erste, der nach einer Vollnarkose beim Zahnarzt gestorben ist.

Ärzte bei einer OP
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Ärzte bei einer OP


Der Tod des 18 Jahre alten Patienten in einer Hamburger Zahnarztpraxis wirft viele Fragen auf. Welche Umstände genau zu dem tragischen Ende der umfangreichen Behandlung unter Vollnarkose geführt haben, ist bislang nicht klar. Das vorläufige Obduktionsergebnis lautet nach Angaben von Oberstaatsanwältin Nana Frombach: Todesursache Herzversagen aufgrund einer kardiologischen Vorerkrankung und aufgrund der Belastung durch die mehrstündige Operation.

Ambulante Zahn-OPs unter Vollnarkose sind für Kinder besonders riskant, denn bei ihnen kommt es eher als bei Erwachsenen zu Sauerstoffmangel - mitunter mit tödlichem Ausgang: Jeanette (3), Celine (10) und Hannes (2) etwa sind gestorben, weil es bei ihnen Komplikationen gab.

Der Anästhesist von Hannes wurde verurteilt, weil Überwachungspersonal fehlte und das Narkosegerät veraltet sowie falsch eingestellt war. Jeannette waren unter Vollnarkose kariöse Milchzähne behandelt und teils entfernt worden. Sie erhielt zu wenig Sauerstoff und erlitt einen Herzstillstand. Die Narkoseärztin wurde in zweiter Instanz freigesprochen. Auch Celine wurde wegen Karies unter Vollnarkose behandelt. Im Aufwachraum war die Mutter mit dem Kind allein, ein Atemstillstand wurde zu spät bemerkt. Celine starb sieben Tage später. Das Verfahren gegen den Zahnarzt und den Anästhesisten wurde gegen Geldauflagen eingestellt.

Allein die Narkose Schuld?

Im Fall des in Hamburg verstorbenen 18-Jährigen wird die weitere rechtsmedizinische Untersuchung noch mehrere Wochen dauern. Gestern bereits hatte die Staatsanwaltschaft mitgeteilt, dass alle Narkosegeräte sichergestellt worden seien. Ermittelt wird bislang gegen den Anästhesisten, nicht gegen die behandelnde Zahnärztin.

Petra Tietze-Schnur vom Bundesverband für Ambulantes Operieren hält das für falsch. "Natürlich muss überprüft werden, ob der Anästhesist Fehler gemacht hat. Aber vermutlich hat doch die Zahnärztin diese lange Behandlungszeit verursacht." Eine achtstündige OP sei in Fällen von Karies und Wurzelkanalbehandlungen eigentlich unvorstellbar. "Wir haben die Regel, dass Patienten so lange im Aufwachraum bleiben, wie die Operation gedauert hat. Das funktioniert bei acht Stunden in einer ambulanten Arztpraxis nicht."

Die Zahnärztin hatte im Interview mit dem Hamburger Abendblatt gesagt, der tragische Todesfall habe "sicher nichts mit der Zahnbehandlung zu tun", sondern müsse mit der Narkose zusammenhängen.

Ob die Zahnarztpraxis aber die definierten Mindeststandards für Narkosen eingehalten hat, ist bislang offen. Neben einem erhöhten Raum- und Gerätestandard ist vorgesehen, dass ein Anästhesist bei der Ein- und Ausleitung der Narkose qualifiziertes Assistenzpersonal dabei haben muss, das nicht mit anderen Aufgaben betraut sein darf. So beschlossen es die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und der Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA) 2012 nach mehreren Todesfällen.

Enge Abstimmung zwischen Operateur und Anästhesist

Für Narkosen in Zahnarztpraxen müssten zudem "spezielle Anforderungen an die Lagerung in der horizontal oder halbsitzend eingestellten zahnmedizinischen Behandlungseinheit" gegeben sein. Der Kopf und der Körper müssen sicher stabil, druckstellenfrei und achsengerecht gelagert werden können, eine "Lagerung in ausgestreckter Körperhaltung muss gewährleistet werden". Die Mindestanforderungen wurden bereits 2010 in der "Deklaration von Helsinki zur Patientensicherheit in der Anästhesiologie" benannt.

Schwierige Operationen gehörten nicht in die Arztpraxis, sondern in eine Klinik oder spezialisierte Zentren, sagt Petra Tietze-Schnur. "Wenn ein Patient Vorerkrankungen hat wie hier vermutlich einen Herzfehler, muss umso mehr überlegt werden, ob eine Vollnarkose der richtige Weg ist."

Das sieht auch Dietmar Oesterreich so, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. "Wenn eine Zahnarztpraxis Narkosen anbietet, braucht sie ein Konzept, qualifiziertes Personal und einen separaten Aufwachraum, in dem der Patient überwacht wird." Die Hauptverantwortung für die Narkose und für die Frage, ob diese überhaupt durchführbar ist, liege beim Anästhesisten, aber der behandelnde Arzt müsse sich genau mit ihm abstimmen.

"Wir empfehlen, sehr streng zu prüfen, ob eine Vollnarkose wirklich unumgänglich ist oder ob der Patient nicht auch mit einer lokalen Betäubung behandelt werden kann", sagt Oesterreich. Eine Narkose solle nie leichtfertig gemacht werden.

Gefährlicher Wettbewerbsdruck

Sogenannte Wunschnarkosen, die Patienten selbst bezahlen, gibt es in der Zahnmedizin vor allem bei Operationen an den Weisheitszähnen. Denn die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten nur bis zum zwölften Geburtstag. Zahnmedizinische Narkosen würden aber schlecht bezahlt, so Petra Tietze-Schnur. "Selbstständige Anästhesisten stehen hier teils auch unter Wettbewerbsdruck und trauen sich vielleicht nicht, dem operierenden Arzt zu widersprechen."

Immerhin 8,4 Millionen ambulante Operationen wurden 2014 mit den gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet, die Zahlen steigen stetig. Wie oft in Zahnarztpraxen unter Narkose operiert wird, ist nicht bekannt - auch nicht die Zahl der Fälle, in denen etwas schiefgeht. Dass die Praxen kaum kontrolliert werden, kritisierten Experten unter anderem 2012 auf SPIEGEL ONLINE - geändert hat sich seither nichts.

Verantwortliche Mediziner in der Pflicht


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