Transgender in China Wenn Selbstverstümmelung die letzte Chance scheint

In China werden Transgender diskriminiert und geächtet: Oft sehen sie sich gezwungen, unsichere Hormonpräparate auf dem Schwarzmarkt zu kaufen - oder sogar ihre Genitalien zu verstümmeln.

Viele Transgender in China sind verzweifelt (Symbolbild)
Setsuko N/ iStockphoto/ Getty Images

Viele Transgender in China sind verzweifelt (Symbolbild)


Mit 16 Jahren versuchte Alice, sich den Penis mit einem Skalpell abzuschneiden. In einem Online-Tutorial hatte sie zuvor eine Anleitung gesehen. Nach dem ersten schmerzhaften Schnitt hörte sie auf. Statt ins Krankenhaus zu gehen, hielt sie den Eingriff geheim.

"Ich war verzweifelt und verängstigt", sagt die heute 23-Jährige, die aus einer ländlichen Region im Osten Chinas kommt. "Ich hatte das Bauchgefühl, dass ich es hinter mich bringen müsste."

So wie Alice geht es in China vielen Transgendern. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Nur wenige medizinische Einrichtungen bieten professionelle Beratung über Hormonbehandlungen an. Geschlechtsangleichungen sind nur mit Zustimmung der Familien möglich. Doch aus Angst, verstoßen zu werden, trauen sich viele nicht, ein solches Gespräch mit ihren Angehörigen zu führen. "Es war eine große Sorge, die mich von innen aufgefressen hat", sagt Alice.

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International kämpfen Transgender in China mit weitverbreiteter Diskriminierung, eingeschränktem Zugang zu Behandlungen und einem Mangel an Information. Auch die hohen Kosten trieben viele Transgender zu unkontrollierten, riskanten Behandlungen oder gefährlicher Selbstverstümmelung.

Testosteron, illegal im Internet bestellt

"Diskriminierende Politik und Gesetze haben vielen Menschen das Gefühl gegeben, dass sie keine andere Wahl haben, als mit extrem gefährlichen Selbstoperationen ihr Leben zu riskieren und unsichere Hormonpräparate auf dem Schwarzmarkt zu beschaffen", sagt die China-Expertin von Amnesty International, Doriane Lau.

Auch Jiatu litt unter seinem ursprünglich weiblichen Körper. Er begann vor drei Jahren, sich Testosteron zu spritzen, das er illegal aus Thailand bestellt hatte. "Es gibt keinen anderen Weg, das zu beschaffen", sagt er. Erfahren habe er davon durch andere Transgender-Männer in Onlineforen.

Laut Amnesty International informieren sich Transgender im Internet oder bei Freunden über die Hormonbehandlungen. Dabei kaufen sie die Medikamente meist zu überteuerten Preisen auf dem Schwarzmarkt, wo die Gefahr groß ist, dass sie an unsichere oder gefälschte Präparate gelangen. Ärzte im öffentlichen Gesundheitswesen sind kaum eine Hilfe.

Im März akzeptierte China zwar Empfehlungen des Uno-Menschenrechtsrates, die Diskriminierung von Homosexuellen und Transgendern zu verbieten. Doch in der Realität sehen sich diese in China verstärkt im Visier staatlicher Überwachung und Zensur.

Und auch, wenn die Weltgesundheitsorganisation (WHO) offiziell "Geschlechtsidentitätsstörung" als Diagnose aus ihrem weltweiten Handbuch entfernte, gelten in China Transgender weiterhin als "psychisch krank".

Alice macht die konservative Haltung der chinesischen Gesellschaft verantwortlich dafür, dass die Regierung ihre Politik bezüglich Homosexuellen und Transgendern nur langsam ändert. "Was die Regierung tun kann, wird beschränkt durch die aktuellen Ansichten der Gesellschaft. Wir müssen warten, für die nächste Generation wird es besser."

2018 ließ sich Alice bei einer Operation die männlichen Sexualorgane entfernen. Um nicht die Einwilligung der Familie vorweisen zu müssen, ging sie dafür nach Thailand. Die Kosten von umgerechnet 11.400 Euro übernahm ihre Freundin. "Es fühlt sich natürlicher an", sagt Alice. "Mir geht es viel besser im Kopf."

kry/AFP



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andre_sokolew 15.10.2019
1. Minimaler Vorsprung
Deutschland und Westeuropa (aber durchaus nicht alle Länder der EU) haben einen kleinen Vorsprung, was die Akzeptanz von Homosexuellen und Transgendern betrifft, gegenüber China, Russland und Saudi-Arabien (und anderen Ländern). Tausend Jahre und mehr galt das bei uns als krank. "Was die Regierung tun kann, wird beschränkt durch die aktuellen Ansichten der Gesellschaft." Ich fürchte, so ist es. "für die nächste Generation wird es besser." Ich hoffe, so ist es.
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