Transparenzkodex Darum haben Ärzte Geld von der Pharmaindustrie genommen

SPIEGEL ONLINE hat die Namen von rund 20.000 Medizinern veröffentlicht, die mit Pharmafirmen in Verbindung stehen. Viele reagierten empört. Hier erzählen Ärzte ihre Sicht der Dinge.

Arzt hält einen Vortrag
Getty Images

Arzt hält einen Vortrag

Von


Die Resonanz war riesig: Auf die Veröffentlichung der Datenbank von SPIEGEL ONLINE und des Rechercheverbunds Correctiv mit den Namen von rund 20.000 Medizinern, die mit Pharmaunternehmen in Verbindung standen, hat die Ärzteschaft teilweise empört reagiert.

Das Ziel der Initiative ist, auf ein relevantes Problem aufmerksam zu machen: Ein Arzt, der sich von Pharmaunternehmen bezahlen lässt, ist unter Umständen nicht mehr unabhängig. Untersuchungen belegen das: Wer viel Geld - für welche Dienstleistung auch immer - erhält, verschreibt in der Regel auch mehr teure Originalmedikamente. Sogar Essenseinladungen können einen Einfluss haben.

Viele Mediziner sind dennoch davon überzeugt, unabhängig zu handeln. Manche wiederum rechtfertigen die Zahlungen damit, dass es gute Gründe gebe, warum sie mit der Pharmaindustrie kooperierten. Hochkarätig besetzte Fortbildungen etwa sind meistens pharmafinanziert.

Die Datenbank ist durch den sogenannten Transparenzkodex entstanden - eine Eigeninitiative des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (VfA) und des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA). 54 Firmen haben sich verpflichtet, einen Teil der Zahlungen an Ärzte im Detail offenzulegen.

Von den mehr als 71.000 Medizinern, die von Pharmafirmen Zahlungen erhalten haben, erhielt jeder im Schnitt etwa 1600 Euro. Rund 20.000 haben zugestimmt, dass ihr Name in Kombination mit den an sie geleisteten Zahlungen veröffentlicht wird. Mehr als 50.000 lehnten das ab.

Viele Ärzte fühlen sich durch die Veröffentlichungen nun an den Pranger gestellt und bestraft. Dabei sind gerade die aufgeführten Mediziner Vorreiter, weil sie sich aktiv für mehr Transparenz einsetzen. Zweifelhaft ist vor allem das Verhalten der Kollegen, die eine Veröffentlichung ihrer Pharmakontakte abgelehnt haben und bisher nirgendwo auftauchen.

"Wir brauchen ein Gesetz, das alle 400.000 Ärzte in Deutschland zu einer Auskunft verpflichtet", sagt Christiane Fischer von der pharmakritischen Initiative Mezis (Mein Essen zahl ich selbst). "Es muss angegeben werden, wie viel Geld sie für welche Leistungen bekommen haben."

Zudem brauche es eine Obergrenze bei Vortragshonoraren. "Denn in solchen Zahlungen sind oft Gelder versteckt, die mit der erbrachten Leistung nicht mehr zu rechtfertigen sind", so Fischer. Mezis hält es für zweifelhaft, dass ein Transparenzregister ausgerechnet von der Pharmabranche selbst geführt werden darf.

Die in der Datenbank aufgeführten Mediziner, Apotheker und Angehörige medizinischer oder pharmazeutischer Heilberufe haben Zahlungen vor allem in diesen Kategorien erhalten:

  • Reise- und Übernachtungskosten rund um Fortbildungsveranstaltungen
  • Tagungs- und Teilnahmegebühren für Fortbildungen. Ärzte erhalten mitunter sogar für die Teilnahme Geld oder bekommen die Reise- und Hotelkosten erstattet, obwohl sie nur Zuhörer sind.
  • Sponsoringverträge: Die Firmen finanzieren die Vorbereitung, Ausrichtung oder Durchführung von Fortbildungsveranstaltungen.
  • Honorare für Beratungen und Dienstleistungen
  • Erstattung von Auslagen

Wie sind die Zahlungen entstanden, was könnte man anders machen? Und wie schaffen es Mediziner ohne Pharmabranche: Drei Ärzte erzählen:

Wie sind die Zahlungen im Einzelfall entstanden? Und wie könnte man es anders machen? Drei Mediziner erzählen:

Euros für Ärzte

insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
maxweber 05.08.2016
1. Gähn...
Das ist nach der Opel-"Dieselgate"-Inszenierung nun schon die zweite Spiegel-Kampagne, die partout nicht ins Laufen kommt. Kein anderes Medium hat sich bisher drangehängt. Der Spiegel hat ganz offensichtlich ein Problem.
sinasina 05.08.2016
2. Sehr geehrter Herr Dr. Uhl
Sehr geehrter Herr Dr. Uhl, es ist sehr bedauerlich dass Sie aus der Veröffentlichung von Spiel-Online den Rückschluss ziehen, nie wieder der Veröffentlichung Ihrer Daten zuzustimmen, weil Sie der Auffassung sind, die Veröffentlichung der Daten hätte Ihnen sehr geschadet. * Ich als Patient jedenfalls habe ganz andere Rückschlüsse gezogen, dass sich mein Arzt nicht auf der Liste befand - vor allem da bekannt ist, dass er sehr häufig an Kongressen teilnimmt. * Sehen Sie sich doch als Vorreiter für einen offenen Umgang und helfen mit, dass etwas, was es schon lange gibt - sich aus der Schmuddelecke befreit. Auch Demokratie, Frauen- und Kinderrechte sind nicht vom Himmel gefallen. Viele Menschen mussten erst dafür eintreten. Manchmal aus voller Überzeugung des Herzen, manchmal eher wie die Jungfrau zum Kinde – aber sie alle haben etwas wichtiges bewirkt: Dass wir heute in einer offenen Gesellschaft leben können, die dem einzelnen Menschen so viel Freiraum einräumt, wie nie zuvor.
sinasina 05.08.2016
3. Sehr geehrter Herr Dr. Schade
Sehr geehrter Herr Dr. Schade, es ist doch sehr gut, dass Sie der Veröffentlichung zugestimmt haben. Damit gehören Sie zu den Vorreiter für einen offenen Umgang und helfen mit, dass etwas, was es schon lange gibt - sich aus der Schmuddelecke befreit. Auch Demokratie, Frauen- und Kinderrechte sind nicht vom Himmel gefallen. Viele Menschen mussten erst dafür eintreten. Manchmal aus voller Überzeugung des Herzen, manchmal eher wie die Jungfrau zum Kinde – aber sie alle haben etwas wichtiges bewirkt: Dass wir heute in einer offenen Gesellschaft leben können, die dem einzelnen Menschen so viel Freiraum einräumt, wie nie zuvor. * Als Patient habe ich jedenfalls ganz andere Rückschlüsse gezogen, dass sich mein Arzt nicht auf der Liste befand - vor allem da bekannt ist, dass er sehr häufig an Kongressen teilnimmt. Und viele Menschen sehen dies wohl ganz ähnlich. * Eigentlich wäre es doch schon lange die Aufgabe von Herrn Dr. Montgomery (Marburger Bund, Präsident Bundesärztekammer und Vorstand des Weltärztebundes) gewesen, durch offnen Umgang dafür Sorge zu tragen, dass so eine Schmuddelecke erst gar nicht entstehen kann.
bristolbay 05.08.2016
4. Es gibt einfach Lösungen
Man sollte es mal mit einem Pool versuchen. Hersteller zahlen in einen Pott ein und aus diesem werden Kongresse finanziert. Ärzte könnte man die Fahrt- und Übernachtungskosten im Rahmen der steuerlichen Spesenregelung ersetzen und den Herstellern im Rahmen des Kongresses die Möglichkeit geben, über ihre Produkte zu informieren. Zum anderen sollten alle Ärzte ihre Einnahmen aus Zahlungen der Pharmaindustrie offenlegen. Ich habe Bauschmerzen, wenn einer sich nicht transparent darstellt, er könnte mir gesponserte Medikamente verschreiben. Wie sagen doch heute so viele Menschen über den Datenschutz bei Facebook und Co, wenn ich nichts zu verbergen habe ist das doch kein Problem.
Havel Pavel 05.08.2016
5. Was soll daran verwerflich sein, wenn ein Arzt an Kongressen teilnimmt?
Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Ärzte auch an Kongressen oder sonstigen für ihre Berufsausübung föderlichen Fortbildungsmassnahmen teilnehmen und wenn Pharmaunternehmen dafür Kostenanteile tragen, die sie ja wohl steuerlich geltend machen und so lieber interessierten Ärzten zukommen lassen ist das in meinen Augen in Ordnung. Ärzte haben inzwischen durch die gestiegenen Nebenkosten auch keine so fürstlichen Einkünfte mehr und müssen daher auch verstärkt auf die Kostensituation achten. Eine entsprechende Kostenvergütung durch die industrie für die angefallenen Nebenkosten an sich kann so mehr Ärzte ermuntern an Kongressen teilzunehmen. In jeder Steuererklärung müssen ohnehin gewährte Reisekosten und Spesen angegeben werden, die zudem der betroffene Arzt dem auszahlenden Unternehmen auch quittiert hat und somit durch die Finanzbehörden auch abgeglichen werden können. Dies ist in der Wirtschaft gängige Praxis und eine Selbstverständlichkeit, warum soll dies ausgerechnet bei der Ärzteschaft anders sein?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.