Kommentar zum Transparenzkodex von Pharmafirmen Ein Revolutiönchen

Pharmakonzerne legen offen, welchem Arzt in Deutschland sie wie viel Geld zahlen. Alles transparent, alles gut? Nein: Die Initiative weckt nur den Anschein von echter Klarheit.
Ärzte: Spielfiguren der Pharmaindustrie?

Ärzte: Spielfiguren der Pharmaindustrie?

Foto: imago/ Science Photo Library

575 Millionen Euro zahlten Pharmaunternehmen im Jahr 2015 an Ärzte, medizinische Organisationen und Institutionen. Im Durchschnitt erhielt ein Mediziner 1600 Euro für Vorträge, Beratungen und Fortbildungen.

Dass die Zahlen auf dem Tisch liegen, ist eine kleine Revolution in Deutschland. Zwar ist die Zeit der Familienurlaube in südeuropäischen Luxushotels auf Pharmakosten schon länger vorbei. Aber großzügige Zahlungen für Fortbildungen, Beratungen oder Reisen sind an vielen Stellen noch immer gang und gäbe. Die neuen Zahlen gewähren jetzt erstmals einen tieferen Einblick in diese Verstrickungen zwischen Medizinern und Pharmaunternehmen, die längst nicht jeder Arzt für problematisch hält. Das ist ein bedeutender Fortschritt.

Die Offenlegung der Verbindungen muss den Blick der Patienten dafür schärfen, dass ihr Doktor beeinflussbar ist - auch wenn er eigentlich nur nach bestem medizinischem Wissen und Gewissen handeln sollte.

Genau hier ist das Loblied auf den Transparenzkodex aber auch schon zu Ende. Denn leider muss man sagen: Der Sound ist gut, die Komposition ist schlecht. Der Transparenzkodex, den sich der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (VfA) und der Verein Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA) in Eigeninitiative auferlegt haben, hat gravierende Mängel:

1. Ein Arzt wird namentlich nur dann genannt, wenn er dem auch zustimmt. Von den rund 71.000 Medizinern, die Zuwendungen erhalten haben, wollten das nur etwa 20.000. Wer seinen Arzt des Vertrauens in den Dokumenten nicht findet, kann also nicht sicher sein, dass der Doktor nicht doch Geld bekommen hat.

2. Bei der Initiative machen nicht alle Pharmaunternehmen mit. Die teilnehmenden Firmen repräsentieren nach eigenen Angaben 75 Prozent des deutschen Marktes für verschreibungspflichtige Medikamente. Der Rest versteckt sich im Dunkeln.

3. Welche Summen einzelne Ärzte für Studien und umstrittene Anwendungsbeobachtungen erhalten, wird gar nicht dokumentiert. Diese Zahlungen machen aber Millionen aus.

4. Es gibt keine zentrale Sammelstelle für die Daten. Möchte man wissen, ob Dr. A Geld für Reisen oder Dr. B. Beratungshonorare bekommen hat, müsste man auf der Internetseite jedes einzelnen der 54 Pharmaunternehmen zunächst umständlich die Tabellen aufstöbern. Außerdem gibt es für die Datenaufbereitung kein einheitliches Format, und nicht alle Dokumente lassen sich automatisch durchsuchen.

Bei so großen Hürden kann von echter Transparenz nicht mehr die Rede sein. Zwar haben jene Ärzte, die der Veröffentlichung ihres Namens zugestimmt haben, ihren Patienten und der Gesellschaft einen wichtigen Dienst erwiesen. Auf Nachahmer bei den Ärzten und Institutionen bleibt allerdings lediglich zu hoffen.

Die USA machen es besser

Dass es viel besser geht, machen die USA vor: Dort sind seit 2013 alle Unternehmen durch den "Physician Payment Sunshine Act" gesetzlich verpflichtet, einer Behörde Zahlungen an Ärzte zu melden. Neben dem Namen umfassen die Angaben den Grund für die Zahlung und die Höhe. Die Daten werden in eine zentrale, öffentlich zugängliche und durchsuchbare Datenbank eingepflegt, in der jeder nach seinem Mediziner suchen kann.

Eine ähnliche Regelung in Deutschland lehnt Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) auf Nachfrage aber ab: "Neben den bereits bestehenden gesetzlichen Regelungen zur Transparenz und Korruptionsbekämpfung sind zurzeit keine weiteren Gesetze geplant", heißt es aus seinem Ministerium.

Ohne ein Gesetz wird es aber nicht funktionieren. Erst wenn alle Ärzte, Institutionen und Forschungseinrichtungen angeben, wie viel Geld sie zu welchem Zweck von Pharmafirmen bekommen, können wir auch von echter Transparenz in Deutschland sprechen. Und wenn die Konzerne die Daten an einem Ort öffentlich zugänglich und durchsuchbar machen.

Bis dahin bleibt die Transparenzoffensive verdienstvoll und interessant - aber auch ein halbherziger Versuch, Licht in das Dunkel der Verstrickungen zu bringen. Hell leuchten soll hier vor allem das Image der Pharmabranche.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.