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05. April 2013, 08:06 Uhr

Trend Detox

Der Mythos von der bösen Schlacke

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Müde, abgespannt, ausgelaugt? Kein Wunder: Fastfood und Stress machen unseren Körper fertig. Findige Verkäufer bieten ein Wundermittel dagegen an: Entschlackung - oder neudeutsch Detox. Doch der teure Zauber ist wissenschaftlich unhaltbar.

"Detox auf die Schnelle", "Detox Delight", "Detox in the City": Entgiftungskuren sind schwer im Trend. Fastenwillige wollen damit einen fahlen Teint bekämpfen, das Immunsystem stärken und wieder neuen Schwung ins Leben bringen.

Hinter den Detox-Kuren steckt die Idee, dass nicht allein zu viel Essen, Alkohol oder Nikotin den Menschen dick und krank machen. Sondern auch die Spuren verschiedener Chemikalien. Diese Stoffe sollen sich den Detox-Anhängern zufolge als Schlacke im Körper ablagern. Experten halten das Konzept für Humbug.

Wer detoxt, verzichtet einige Tage auf übersäuernde Lebensmittel wie Fleisch, Käse, Weißmehl, Süßigkeiten, Alkohol, Nikotin und Kaffee. Vor dem Start kommt die Darmentleerung, dann sind zwei Obst- und Gemüsetage zur Entlastung angesetzt. Die Ernährung in den Folgetagen ist ballaststoffreich und besteht ausschließlich aus Obst und Gemüse - oder aus Rohkostsäften. Zur Abrundung der Kur gehören meist Massagen, Körperpeelings und Bäder. Auch Sauna, Yoga und Pilates werden empfohlen.

Als Detox-Tag preisen die Anbieter Empfehlungen wie diese an:

6.30 Uhr: Los geht's lauwarm

Den Tag mit warmem Wasser und dem Saft einer halben Zitrone beginnen. Das soll den Stoffwechsel in Schwung bringen und Nieren und Leber stimulieren.

7.00 Uhr: Yoga für den Schwung im Tag

Das Blut soll Yoga in Wallung bringen. Dadurch werde die Lymphzirkulation angeregt und die Entgiftung gestartet.

8.15 Uhr: Smoothie gibt Kraft

Kraft tanken mit einem Smoothie aus Babyspinat oder Rucola, einer halben Gurke, einer Selleriestange, einem halben grünen Apfel, Ingwer, frischen Kräutern, Flachssamen, einem Esslöffel Erbsenprotein und Wasser.

9.00 Uhr: Viel trinken für die Nieren

Über den Tag verteilt soll man insgesamt zwei Liter Wasser trinken. Das soll helfen, wasserlösliche Gifte auszuscheiden.

11.00 Uhr: Schutz aus grünem Tee

Den Anweisungen zufolge soll man bis zu vier Tassen grünen Tee am Tag trinken, weil der reich an Antioxidantien sei, die den Körper vor freien Radikalen schützten.

12.00 Uhr: Saures soll gesund machen

Jetzt gibt es Kefir oder Sauerkraut, weil die Milchsäurebakterien das Immunsystem stärken und die Verdauung auf Trab bringen sollen.

12.30 Uhr: Nährstoffreicher Salat

Mittags kommt grüner Salat mit rotem, gelbem und orangefarbenem Gemüse auf den Tisch, das dem Körper jene Nährstoffe geben soll, die er zum erhofften Entgiften benötigt.

15.00 Uhr: Schwitzkur für die Gesundheit

In 30 Minuten in der Infrarotkabine sollen stattliche 600 Kilokalorien verbrennen. Angeblich knacken die Infrarotstrahlen fettlösliche Ablagerungen im Körper.

18.00 Uhr: Suppe statt Schnitzel

Zum Abendessen gibt es Gemüsesuppe mit Kräutern und Olivenöl.

21.30: Endlich Entspannung und dann ab ins Bett

In der Badewanne entspannen und anschließend heißt es: Licht aus. Denn Detox-Prozesse sollen am besten im Schlaf ablaufen.

Schlacke? Gibt es im Körper nicht

"Die Detox-Tipps einzeln für sich genommen sind nicht per se schlecht, aber tatsächlich werden hier Halbwahrheiten zusammengerührt und mit haarsträubenden Begründungen zu einem Konzept erhoben, das keiner wissenschaftlichen Überprüfung stand halten würde", sagt Stephan Bischoff, Ernährungsmediziner an der Universität Hohenheim. "In der Sauna werden außerdem keine Kalorien verbrannt, sondern allenfalls Wasser und Salze ausgeschieden."

Prinzipiell müsse ein gesunder Körper nicht entgiftet werden. "Diese propagierte Schlacke gibt es nicht", betont Bischoff. Und wenn ein Mensch tatsächlich vergiftet sei, helfe ihm auch Detox nicht. "Das meiste, was der gesunde Mensch an belastenden Stoffen über die Ernährung aufnimmt, kann er ohne fremde Hilfe wieder ausscheiden." Gegen ein zeitlich begrenztes Innehalten sei aber generell nichts einzuwenden. "Die Idee ist sogar steinalt. Was früher schlicht als Heilfasten bezeichnet wurde, hat nun einen neuen Stempel bekommen und wird teuer vermarktet", so Bischoff. "Das ist nichts anderes als Bauernfängerei."

Getestete Detox-Produkte sind wirkungslos

Tees, Duschgels, Shampoos und Nahrungsergänzungsmittel werden als Detox-Produkte gekennzeichnet, die dem Körper angeblich bei der Entgiftung helfen sollen. Die gemeinnützige Stiftung "Sense About Science" hat 15 Produkte mit Detox-Label untersucht, vom Wasser bis zum Peeling, und alle Produkte als wirkungslos eingestuft.

Auch der Physiologe Simon Brookes von der Flinders University im australischen Adelaide sieht die Trendkur skeptisch: "Detox ist der reinste Blödsinn", schreibt er in einer Stellungnahme. "Unsere Nieren, unsere Leber und der Verdauungstrakt entfernen oder neutralisieren Gifte innerhalb weniger Stunden von selbst", so Brookes. Die Annahme, man könne die Entgiftung mit Wundermitteln beschleunigen, sei Humbug.

Schädlich sind kurze Detox-Auszeiten nicht. "Alles, was länger als ein bis zwei Wochen geht, könnte den Menschen in eine Nährstoffunterversorgung katapultieren", sagt Ernährungsmediziner Bischoff. Zum Abnehmen tauge Detox nicht. Allenfalls Körperempfinden und Geist könne die Abstinenz entlasten. "Man kann damit aber weder falsche Ernährungsgewohnheiten kompensieren noch gesundheitliche Probleme lösen", sagt er. Was helfen würde, ist bekannt: viel frisches Obst und Gemüse, kein Junk-Food und ausreichend Bewegung. "Wenn nun ausgerechnet Detox-Diäten jemanden auf den richtigen Weg bringen - warum nicht", sagt Bischoff. So recht glauben kann er das allerdings nicht.

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