Ein rätselhafter Patient Pump, pump, peng

Ein muskulöser Mann hat Schmerzen im rechten Ellenbogen und kann seinen Arm nicht mehr richtig bewegen. Die Ärzte stoßen auf seltsame Hohlräume in seinen Muskeln. Erst hartnäckige Fragen bringen sie zur Ursache.

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Der Mann hat die Schmerzen schon recht lange ausgehalten und gehofft, dass er seinen rechten Arm bald wieder bewegen können würde. Als er sich bei den Ärzten in einem Londoner Krankenhaus vorstellt, berichtet er, dass insbesondere der Ellenbogen schmerze und er den Arm nicht mehr richtig strecken könne - und das schon seit Monaten.

Die Mediziner sind überrascht, schließlich erscheint der 25-Jährige äußerst fit und muskulös. Auf Nachfrage erzählt der Patient, er mache bereits seit vier Jahren Bodybuilding und trainiere dreimal pro Woche im Fitnessstudio. Beim Abtasten des rechten Ellbogens fällt auf, dass die Trizeps-Sehne, also die Verbindung des auf der Rückseite des Armes liegenden Muskels mit dem Ellbogen, scheinbar durchtrennt ist.

Die Ultraschalluntersuchung bestätigt den ungewöhnlichen Befund: Die Trizeps-Sehne ist gerissen - bei so jungen Menschen kommt das höchst selten vor. Aber auch im Muskel entdecken die Ärzte seltsame Veränderungen, wie sie in "BMJ Case Reports" berichten. Es scheinen mehrere kleine Hohlräume in den Fasern zu liegen, die von Fettgewebe und Wassereinlagerungen umgeben sind.

Etwas in den Muskeln gespritzt?

Der Patient ist unruhig und aufgeregt bei der Untersuchung und schwitzt stark. Weil die Mediziner eine Infektion befürchten, nehmen sie ihm Blut ab, finden aber keinerlei Hinweise auf eine Entzündung. Um den Muskel und seine Sehne besser beurteilen zu können, machen die Radiologen der Klinik eine Kernspinaufnahme vom rechten Arm.

Längsschnitt-Aufnahmen vom rechten Oberarm des Patienten: Die hellen Flecken gehören nicht in das Muskelgewebe.
BMJ Case Reports 2017

Längsschnitt-Aufnahmen vom rechten Oberarm des Patienten: Die hellen Flecken gehören nicht in das Muskelgewebe.

Auf den detaillierten Bildern können die Ärzte neben dem Riss der Trizeps-Sehne auch die Hohlräume genauer sehen. Es könnte sich dabei um Hämatome, also Blutergüsse, handeln. Aber auch eine Ansammlung von Proteinen kommt infrage.

Die Ärzte haben jetzt einen Verdacht: Könnte es sein, dass der Mann sich Aufbaumittel in den Muskel gespritzt hat?

Auf wiederholte Nachfrage berichtet der Patient, er habe sich Kokosnussöl in die Muskeln injiziert. Die Mediziner klären ihn darüber auf, dass solche Maßnahmen zu schweren Entzündungen führen können. Auch auf den MRT-Bildern sind Entzündungszeichen rund um die Fremdkörper-Ansammlungen deutlich zu sehen.

Dann besprechen sie mit dem Mann die Operation, bei der sie die Trizeps-Sehne wieder reparieren wollen.

In Vorbereitung auf den Eingriff kontrollieren die Mediziner weitere wichtige Blutwerte - und stoßen auch hier auf krankhafte Veränderungen: Mehrere Leberparameter sind deutlich erhöht, das Regelwerk der Schilddrüsenhormone ist durcheinander ebenso wie das des Testosterons, das viel zu hoch ist.

Nieren entzündet, Fruchtbarkeit gestört

Erneut suchen die Ärzte das Gespräch und befragen ihren Patienten. Schlussendlich berichtet er von einer ganzen Reihe von erschreckenden Maßnahmen, die er ergriffen hat, um seinen Körper in die gewünschte Form zu bringen: Er habe etwa Insulin genommen, weil er sich davon versprach, dass die Muskeln wachsen und das Körperfett schmilzt. Auch Schilddrüsenhormone habe er geschluckt. Neben anabolen Steroiden, also Abkömmlingen des Sexualhormons Testosteron, habe er außerdem verschiedene Proteinmischungen zu sich genommen und sich Vitamin B12 in die Muskeln gespritzt.

All das hat dem Mann offenbar bereits eine Reihe von Problemen und Krankenhausaufenthalten beschert: Er hat drei epileptische Anfälle erlitten und eine schwere Entzündung des Unterhautfettgewebes mit nachfolgender Antibiotikatherapie. Außerdem ist seine linke Schulter chronisch entzündet, nachdem er sich das Gelenk mehrmals ausgekugelt hat.

Die geschluckten Schilddrüsenhormone haben seinen Hormonstoffwechsel so durcheinander gebracht, dass die Mediziner langfristige Auswirkungen auf seine Fruchtbarkeit befürchten. Zudem hat er sich einer Operation unterzogen, weil die überschüssigen Sexualhormone in seinem Körper dazu geführt hatten, dass seine Brustdrüsen wuchsen. Und die zahlreichen Proteinmixturen haben seine Nieren an ihre Kapazitätsgrenzen geführt und Entzündungen ausgelöst.

Und nun, so nehmen die Ärzte an, haben die Anabolika die Sehnen so sehr verhärtet, dass die Trizeps-Sehne seines rechten Arms beim Gewichtestemmen gerissen ist.

Sesam-, Walnuss- oder Paraffinöl

Auf der Suche nach vergleichbaren Fällen stoßen die Autoren auf einige Berichte über Bodybuilder, die sich Sesam-, Walnuss- oder Paraffinöl in die Muskeln gespritzt haben. "Diese wenigen Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs", schreiben die Ärzte um Maria Johnson vom London North West Healthcare NHS Trust.

Mit ihrem Fallbericht wollen sie Aufmerksamkeit für das Thema erzeugen. Denn im Gegensatz zum Einsatz von Anabolika sei vermutlich vielen Ärzten nicht bewusst, welche Praktiken Bodybuilder einsetzen, um ihren Körper in die gewünschte Form zu bringen. Denn kaum einer der Patienten erzähle gern, was er so treibe.

Dabei seien die Folgen höchst unterschiedlich, aber ähnlich dramatisch wie bei dem englischen Patienten: Von schweren Infektionen, Herzinfarkten, Schlaganfällen und einer Öl-Embolie ist die Rede.

Trotz wiederholter Gespräche mit dem Patienten ist auch er nicht bereit, zukünftig auf seine fragwürdigen Selbstversuche zu verzichten. Nachdem die Chirurgen seine Trizeps-Sehne wieder angenäht haben, geht er wieder nach Hause. Die Autoren schreiben: "Der Patient macht mit den unsicheren Praktiken weiter."

DER SPIEGEL
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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
D_v_T 08.04.2017
1.
Es gibt/gab sogar ein Öl auf dem Markt, dass nur für diesen Zweck vertrieben wurde, auch wenn es vordergründig als "Posing Oil" dienen sollte. Insbesondere in lateinamerikanischen Ländern ist diese zweifelhafte Praxis offenbar recht weit verbreitet. Wenn man bei Google "Synthol" eingibt, findet man zahlreiche erschreckende Beispiele. Anabolika/Steroide sind eine Sache - aber sich die Muskeln mit Öl aufzufüllen ist wohl an Absurdität kaum zu überbieten.
touri 08.04.2017
2.
Wenn ich solche Artikel lese frage ich mich immer, wie sich Menschen so etwas selbst antun können. Wenn man nicht gerade Bodybuildingmeisterschaften gewinnen will, dann kommt man auch ohne Hilfsmittel in relativ kurzer Zeit zu einer Top Figur. Dafür muss man halt sinnvoll trainieren und seine Ernährung entsprechend anpassen.
mrotz 08.04.2017
3.
Das ist das Analogon sich beim Professionellen Silikon / Botox unter die Haut spritzen zu lassen oder die Brust mit Silikonkissen ausstopfen. Es ist eine Form psychischer Störung. mfg
Putin-Troll 08.04.2017
4. Diy
Zitat von mrotzDas ist das Analogon sich beim Professionellen Silikon / Botox unter die Haut spritzen zu lassen oder die Brust mit Silikonkissen ausstopfen. Es ist eine Form psychischer Störung. mfg
Das ist eher das Analogon SICH SELBST Botox zu spritzen oder die Brüste auszustopfen.
ohnezweifel 08.04.2017
5. In den Muskeln
hunderttausend volt aber oben brennt die Lampe nicht.
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