Neuinfektionen in Deutschland Was nützt die HIV-Prophylaxe?

Bisher versagt Deutschland bei der Aufgabe, die Zahl der HIV-Neuinfektionen zu senken. Mit Spannung beobachten Experten, ob ein Prophylaxe-Medikament etwas bewirken kann.
Blister mit Medikament für HIV-Vorbeugung

Blister mit Medikament für HIV-Vorbeugung

Foto: Britta Pedersen/ ZB

Die tägliche Dosis gegen HIV kommt in kleinen Plastikbeutelchen. Seit 2016 ist die sogenannte Prä-Expositionsprophylaxe, kurz PrEP, in der EU zugelassen. Dabei werden meist zwei Wirkstoffe in einer Tablette kombiniert, Tenofovir und Emtricitabin - bekannt wurde die Therapie unter dem Markennamen Truvada.

Interessant ist das nach Angaben der Deutschen Aids-Gesellschaft vor allem für eine kleine Gruppe mit hohem Risiko: Männer und Transgender, die auch ungeschützten Sex mit häufig wechselnden Männern haben sowie Partner unbehandelter HIV-Infizierter.

Lange Zeit mussten sich Interessierte das Medikament bei fragwürdigen Quellen im Ausland bestellen. Doch seit Oktober ist es in Deutschland erschwinglicher. Der Preis sank durch eine Initiative von mehreren Hundert auf 50 Euro monatlich - bezahlen müssen ihn die Bezieher aus eigener Tasche. Inzwischen sind bereits mehr als tausend Rezepte eingelöst worden, sagt der HIV-Forscher Hendrik Streeck. Er leitet eine Begleitstudie, die der Frage nachgehen will: Infizieren sich von nun an nachweislich weniger Menschen mit dem Virus?

Besonders viele Neuinfektionen in Berlin

In anderen Ländern wie Großbritannien wurde in dem Zusammenhang bereits ein Rückgang beobachtet. In Deutschland hingegen stagniert die Zahl der Neuinfektionen seit Jahren. Im Vorjahr steckten sich nach Berechnungen, die das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlichte, 2500 Männer und 570 Frauen mit dem Immunschwäche-Virus an. Stark betroffen ist Berlin, wo Streeck nun auch viele PrEP-Verschreibungen zählt.

Die Vorbeugung mit Tabletten ist, wie erwähnt, für Menschen mit besonders hohem Infektionsrisiko gedacht, nicht für jedermann. Die Form der Anwendung ist recht neu, das Medikament an sich jedoch schon seit Jahren für die Therapie HIV-Infizierter zugelassen. Es enthält Wirkstoffe, die die Virusvermehrung in den Zellen hemmen und bietet bei regelmäßiger Einnahme einen hohen, aber keinen 100-prozentigen Schutz vor HIV.

Menschen, die das Medikament nehmen wollen, müssen sicher sein, dass sie HIV-negativ sind. Wenden sie es trotz bereits erfolgter Ansteckung an, drohen Resistenzen. Eine Gefahr außerdem: Die Tabletten schützen nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen wie Syphilis. Darauf müssen Mediziner bei den Nutzern ebenso achten wie auf mögliche Nebenwirkungen, etwa für die Niere. Noch ist aber nicht ganz klar, wie dieses wichtige Monitoring gesichert werden kann - denn auch dabei stehen die Zeichen auf Selberzahlen.

Der Weg zur PrEP führt bis jetzt nur über eigens geschulte Ärzte und 20- bis 30-minütige Beratungen in einer am Projekt beteiligten Apotheke. Beim Kauf bekommen Kunden neben Infomaterial und Antworten auf Fragen rund um die korrekte Einnahme auch den Hinweis zur Studie von Hendrik Streek von der Universität Duisburg-Essen.

Nutzer mit überdurchschnittlichem Einkommen

Was weiß der Forscher dank Onlinefragebogen inzwischen über die Nutzer? Bislang seien es eher Menschen mit überdurchschnittlichem Einkommen, die sich die PrEP leisteten, sagt Streeck. Sie hätten sie teils schon aus dem Ausland bezogen, teils aber auch noch keine Erfahrung damit.

Befragte hätten oft angegeben, schon vorher keine Kondome benutzt und bereits andere sexuell übertragbare Erkrankungen gehabt zu haben, sagt Streeck. Als Grund für den Kondomverzicht würden Erektionsstörungen genannt, aber auch der Wunsch des Partners. Die Motive für das Interesse an der PrEP seien gemischt. "Viele wollen zusätzlichen Schutz", sagt der Forscher. Spätestens in einem Jahr will er Bilanz ziehen.

Ein etwas anderes Bild zeichnet die Berliner Apothekerin Claudia Neuhaus. "Das sind sehr gewissenhafte Menschen", sagt sie über die PrEP-Nutzer. Sie gäben an, trotz der Medikamente Kondome zu benutzen. Gerade in Beziehungen, in denen ein Partner HIV-positiv ist, gehe es um zusätzliche Absicherung, falls zum Beispiel das Kondom reißt.

Am Medikament verdienten Apotheken rund zehn Euro, sagt Neuhaus. Wegen der aufwendigen Beratung bleibe unter dem Strich nichts übrig. "Das ist Pionierarbeit. Wir möchten die Verbreitung von HIV minimieren."

HIV/Aids - Die Fakten

In Frankreich zahlt die Kasse

Die Zahlen müssten runter, gibt auch Erik Tenberken als Ziel an - es gelte jetzt, die Versorgung mit der PrEP zu stabilisieren. Der Kölner Apotheker hat eine Firma, in der Medikamente individuell für Patienten in kleine Beutelchen verpackt werden, vor allem um etwa in Altenheimen die Einnahme zu erleichtern. Einem solchen Blisterzentrum können Hersteller Rabatte gewähren, nicht aber Apotheken.

Tenberken nutzte diesen Umweg und holte mehr Apotheken mit HIV-Expertise ins Boot, was Fachkreise begrüßten. Weitere Initiativen zögen womöglich nach, so Tenberken. Im Ruhrgebiet etwa gibt es einen weiteren Ansatz zur PrEP-Abgabe, allerdings mit noch überschaubaren Nutzerzahlen.

Das RKI schreibt in einem aktuellen Bericht: "Es wird interessant sein zu verfolgen, wie viele Menschen von dieser neuen Möglichkeit Gebrauch machen werden und ob die Zahl der PrEP-Nutzer so groß wird, dass sich dies auf die HIV-Neuinfektionszahlen auswirkt."

Ein Blick nach Frankreich legt nahe, dass es wohl auch in Deutschland noch mehr Bedarf gäbe: Dort beugen Hendrik Streeck zufolge etwa 4500 Menschen mit der PrEP vor, allerdings könne sie dort auch von den Kassen übernommen werden. Eine Übernahme der Kosten auch hier fordert die Deutsche Aids-Hilfe schon länger. Und die Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter (Dagnä) rechnete vor, dass die Prophylaxe günstiger sei als die langfristige Behandlung HIV-Infizierter. Es geht um Tausende Fälle, die demnach in den nächsten Jahren vermeidbar wären.

Von Gisela Gross, dpa/joe
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