Typ-1-Diabetes 30.000 deutsche Kinder sind zuckerkrank

Sie müssen mehrmals täglich ihren Blutzucker kontrollieren und sich Insulin spritzen: Immer mehr Kinder erkranken an Typ-1-Diabetes. Warum sich die Autoimmunerkrankung ausbreitet, ist Medizinern ein Rätsel.
Blutzuckermessgerät, Stechhilfe und Blutzuckerteststreifen: Utensilien für Diabetiker

Blutzuckermessgerät, Stechhilfe und Blutzuckerteststreifen: Utensilien für Diabetiker

Foto: Jens Kalaene/ dpa

Die Mutter hat den Notarzt alarmiert. Der kleine Marco* ist apathisch, weint oft, will ständig trinken. Er hat Diabetes. Als die Ärzte die Diagnose stellen, ist Marco gerade zwei Jahre alt. Immer mehr Kinder in Deutschland leiden an Typ-1-Diabetes - und die Krankheit bricht immer früher aus. Die Gründe dafür sind unklar.

"Warum der Typ-1-Diabetes ansteigt - für die Antwort kann man noch einen Nobelpreis gewinnen", sagt Thomas Danne, Chefarzt am Kinder- und Jugendkrankenhaus auf der Bult in Hannover und Vorstandsvorsitzender von diabetesDE, der Deutschen Diabetes-Hilfe . "Es ist wie ein Puzzlespiel."

Diabetes trifft nicht nur Alte und Übergewichtige. Es ist auch die häufigste Stoffwechselerkrankung bei Kindern. Rund 30.000 unter 18-Jährige leiden in Deutschland an Typ-1-Diabetes, die Neuerkrankungen steigen jährlich je nach Quelle um zwei bis vier Prozent. Das Immunsystem entgleist und zerstört die insulinproduzierenden Zellen. Bei Typ-2-Diabetes hingegen, früher Altersdiabetes genannt, wirkt das Insulin oft infolge von Übergewicht nicht ausreichend, der Körper kann irgendwann nicht mehr genug produzieren. Bei Kindern spielt Diabetes-Typ-2 eine geringere Rolle.

Diabetes mellitus

Finnland hat die meisten betroffenen Kinder. Die Gründe dafür sind unklar. "Wir wissen, dass bestimmte Viruserkrankungen das Risiko fördern", sagt Danne. Etwa 20 Gene stehen in Zusammenhang mit Typ-1-Diabetes. Vitamin D-Mangel hat vielleicht einen Einfluss, vermutlich kommt es auch auf Ernährungsbestandteile an. "Sicher ist nur: Süßigkeiten spielen keine Rolle", sagt Danne. "Es gibt eine Menge offener Fragen." Mehr Forschung sei notwendig.

Große Belastung für die Familie

Die jüngsten Patienten sind Kleinkinder - für die Familien eine hohe Belastung. Ein halbes Dutzend Mal am Tag muss der Blutzucker gemessen und etwa viermal Insulin gespritzt werden. Teils müssen die Kleinen nachts geweckt werden. Wachstum, Bewegungsdrang und Infektionen beeinflussen den Stoffwechsel in unvorhersehbarer Weise.

Im Extremfall kann ein hoher Zuckerwert tödlich sein. Gefährlich ist auch Unterzuckerung, bei der sich das Bewusstsein trübt. Wenn Kinder älter werden und selbst Verantwortung übernehmen, wird es nicht unbedingt leichter. Gerade bei jungen Erwachsenen, die erste Erfahrungen mit Alkohol machen, besteht eine Gefahr: Alkohol erhöht das Risiko einer Unterzuckerung, genauso wie Ecstasy. "Da hat jemand drei Nächte durchgetanzt. Wenn er dann eine extreme Unterzuckerung hat, rettet ihn nichts mehr", sagt Danne.

An Typ-2-Diabetes - dessen Ursachen genetische Veranlagung, Übergewicht und Bewegungsmangel sind - leiden sechs Millionen Deutsche. Zwar erkranken ebenfalls mehr junge Leute an der Form, aber selten Kinder. "Wir haben ein Problem mit Adipositas und Kindern. Aber Diabetes ist erst die Endstufe", sagt der Vizevorsitzende der Forschergruppe Diabetes am Helmholtz-Zentrum in München, Michael Hummel. "Dass Typ-2-Diabetes bei Kindern wahnsinnig zunimmt, stimmt nicht." Aber: "Wir sehen immer mehr Typ-2-Patienten im Alter von 25 und 35 Jahren."

Im Kampf gegen Fettleibigkeit, aber auch gegen Diabetes haben an die 20 Staaten eine Zwangsabgabe auf zuckerhaltige Getränke erhoben, weitere denken darüber nach, etwa Mexiko. Dort gibt es prozentual schon mehr Übergewichtige als in den USA, und fast jeder Zehnte hat Diabetes.

Eine Zuckersteuer, aber auch Restriktionen bei der Eröffnung von Fast-Food-Restaurants seien auch hierzulande Möglichkeiten, meint Danne. Die Politik sei gefordert. "Was man in Deutschland gerne macht, ist bunte Broschüren drucken. Andere Länder haben einen nationalen Diabetesplan." Die Hilfe für Familien müsse verstärkt, Schulen müssten besser vorbereitet werden.

Typ-2-Diabetes lässt sich mit Abnehmen und Bewegung behandeln. Bei Typ 1 gibt es keine Genesung. "Das Einzige, was wir machen können, ist Insulin geben", sagt Danne. "Was wir anbieten können, sind technische Lösungen." Kürzlich haben Patienten erstmals eine künstliche Bauchspeicheldrüse zu Hause getestet. Das Gerät misst automatisch den Zucker im Gewebe und gibt die richtige Insulinmenge ab. Bis zur Marktreife wird es aber dauern - eine Hoffnung, vielleicht für Kinder, bei denen jetzt Diabetes festgestellt wird.

*Name von der Redaktion geändert

Sabine Dobel, dpa