Typ-1-Diabetes Hoffnung auf Impfung

Immer mehr Menschen leiden an Typ-1-Diabetes. Kann die Wissenschaft den Trend aufhalten? Bei der Behandlung von Typ-1-Diabetikern setzen Mediziner Hoffnung in eine Insulin-Impfung.

Eine Frau spritzt sich Insulin: Eine Impfung könnte Typ-1-Diabetikern künftig helfen
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Eine Frau spritzt sich Insulin: Eine Impfung könnte Typ-1-Diabetikern künftig helfen


Ständiger Durst, häufiges Erbrechen, schnelle Gewichtsabnahme: Meist beginnen die Symptome eines Diabetes vom Typ 1 in der Kindheit oder Jugend. Etwa 35.000 Kinder bis 19 Jahre leiden daran. Insgesamt rund 300.000 Menschen in Deutschland sind Typ-1-Diabetiker. Deren Immunzellen attackieren jene Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die für die Insulinproduktion zuständig sind.

Sind etwa 80 bis 90 Prozent dieser Betazellen zerstört, bricht die Autoimmunerkrankung aus. Bereits in der Frühphase des Typ-1-Diabetes bilden sich verschiedene Autoantikörper, also Antikörper, die gegen körpereigene Eiweiße wie Insulin gerichtet sind.

"Wie wir nun festgestellt haben, eignen sich diese Autoantikörper als Marker für eine Frühdiagnose bei Typ-1-Diabetes", sagt Anette-Gabriele Ziegler, Expertin für Typ-1-Diabetes am Helmholtz Zentrum München. "Bevor sich also die Erkrankung klinisch zeigt, können wir abschätzen, ob und in welchem Zeitraum bei einem Kind ein Typ-1-Diabetes ausbricht."

Frühe Diagnose verhindert schwere Stoffwechselentgleisungen

Studien haben gezeigt: Kinder ohne Autoantikörper erkranken fast nie an Typ-1-Diabetes. Von jenen, die einen Autoantikörper bilden, erkranken 15 Prozent und von jenen mit zwei Autoantikörpern erkranken 70 Prozent in den nächsten zehn Jahren. "Die frühe Diagnose bietet uns die große Chance, schwere Stoffwechselentgleisungen zu verhindern, die ansonsten bei einem Drittel der Kinder zu erwarten wären", sagt Ziegler. "Außerdem haben die Familien die Möglichkeit, langsam in die veränderte Situation hineinzuwachsen."

Den Forschern geht es aber auch um die Frage, wie sich das Fortschreiten der Erkrankung hinauszögern lässt. Gemeinsam mit einem Team aus Australien haben Ziegler und ihre Mitarbeiter eine Impfung mit Insulin als Nasenspray entwickelt. Zielgruppe sind Kinder, die Verwandte mit Typ-1-Diabetes und bereits typische Autoantikörper im Blut haben.

Derzeit wird die Impfung mit 120 Kindern erprobt. "Die Studie ist noch nicht abgeschlossen, aber es gibt ermutigende Hinweise darauf, dass das Immunsystem auf die Impfung reagiert und Prozesse startet, die die Autoimmunreaktion abschwächen", sagt Ziegler. Mittlerweile arbeitet sie daran, die Impfung bereits bei Kleinkindern mit genetischer Veranlagung, aber ohne Autoantikörper einsetzbar zu machen. "60 bis 80 Prozent der Kinder erkranken nämlich bereits in den ersten zwei Lebensjahren."

Künstliche Bauchspeicheldrüse

Typ-1-Diabetiker, müssen täglich mehrmals ihre Blutzuckerwerte messen. Insbesondere im Kindesalter ist das psychisch belastend. "Wir haben bisher kein System, dass den Patienten erlaubt, ihren Diabetes und das Messen zwischendurch mal zu vergessen", sagt Ziegler. Sie legt daher große Hoffnung auf eine Entwicklung von Medizinern des Kinder- und Jugendkrankenhauses "Auf der Bult" in Hannover: die künstliche Bauchspeicheldrüse.

Dabei handelt es sich um einen geschlossenen Kreis, bestehend aus einem winzigen Messgerät und einer Insulinpumpe. Der unter die Haut implantierte Sensor misst fortlaufend den Gewebezucker, ein externer Computer berechnet die jeweils nötige Insulindosis, und die Insulinpumpe passt die abgegebene Insulinmenge an. Die Studiengruppe unter Leitung von Olga Kordonouri und Thomas Danne schätzt, dass bis zur Serienreife noch einige Jahre vergehen werden.

Am Universitätsklinikum der TU Dresden arbeiten Mediziner unter Leitung von Stefan Bornstein an neuen Therapieverfahren, die die Insulinproduktion im Körper zumindest teilweise wieder herstellen und helfen, Unterzuckerungen zu vermeiden. Dafür werden insulinproduzierende Zellen aus Spender-Bauchspeicheldrüsen in die Leber implantiert. "Das kann eine deutliche Lebensverbesserung für die Patienten bedeuten", sagt Bornstein.

Bisher kann das Verfahren nur sehr wenigen Diabetikern im Dresdner Transplantationszentrum angeboten werden. Aber auch Menschen, deren Bauchspeicheldrüse entweder bei einem Unfall zerstört wird oder chronisch entzündet ist, und die so quasi über Nacht zum Typ-1-Diabetiker werden, können von einem solchen Eingriff profitieren. Vergangenes Jahr bewahrten die Dresdner Mediziner so ein Unfallopfer davor, zum Typ-1-Diabetiker zu werden.

Die Forscher verfolgen zudem ein weiteres Projekt:Ein kleiner Bio-Reaktor, auf dem Bauchfell implantiert und im Format einer Schuhcremedose, enthält insulinproduzierende Zellen menschlichen Ursprungs. Eine spezielle Membran lässt Insulin nach draußen, aber die für die Inselzellen gefährlichen Antikörper nicht nach innen. In einem ersten klinischen Versuch konnte die Funktion der Spenderinseln über fast ein Jahr erhalten werden. Dabei hatte der Patient stabile Blutzuckerwerte und er musste auch kein Immunsuppresiva nehmen, um Abstoßungsreaktionen zu vermeiden. Für Bornstein ist das "ein Durchbruch in der Zelltherapie".

insgesamt 7 Beiträge
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chen-men 28.05.2014
1. Impfung?
Eine Impfung will gerichtete Antikörperbildung anregen - die soll aber doch gerade verhindert oder gemindert werden. Es handelt sich eher um eine "Desensibilisierung" (wie vielfach bei Allergien bewährt), oder?
THINK 28.05.2014
2.
Zitat von sysopAPImmer mehr Menschen leiden an Typ-1-Diabetes. Kann die Wissenschaft den Trend aufhalten? Bei der Behandlung von Typ-1-Diabetikern setzen Mediziner Hoffnung in eine Insulin-Impfung. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/typ-1-diabetes-mediziner-entwickeln-insulin-impfung-a-972050.html
Wenn es die Krankheit Diabetes nicht geben würde, dann würde sie die Krankheits-Industrie erfinden. Damit wird am meisten Geld verdient. Man müsste Ärzte danach bezahlen, wie viele Patienten sie dazu gebracht haben, *ohne* Medikamente zu leben, anstatt Ärzte zu Pharma-Vertretern zu degradieren.
Babsi03 28.05.2014
3. Wieder...
die nächste Sau die durch Dorf getrieben wird. Mit Typ I lässt es sich gut leben - ich tu das bereits seit 21 Jahren, hab 3 gesunde Kinder und weniger Einschränkungen als so mancher Allergiker und übrigens keinerlei Folgeerkrankungen bisher. Also, schön dass geforscht und experimentiert wird, aber schon vor Jahren hat man erzählt bald gäbe es dies, bald könne man das...
Mobi 28.05.2014
4. Ich als Typ-1 Diabetiker,
erkrankt im Jahre 2000, mittlerweile 22 Jahre alt (tolles Jubiläumsgeschenk) beobachte die Forschung seit geraumer Zeit und es geht sehr langsam voran. Anfangs noch mit Spritzen therapiert, mittlerweile froher Nutzer einer Insulinpumpe, bin extremst wütend auf Firmen wie Lilly. Sie kauften Forschungslabore auf damit bloß keine Umsatzeinbußen beim Insulin etc. zu erwarten sein werden. Mehr wollte ich garnicht loswerden. Soviel zum Thema das geholfen werden will. Zum Kotzen.
ozbourne 29.05.2014
5. Interessiert sich die Pharmaindustrie für Typ I Diabetes?
Ich bin seit 1970 Typ I Diabetiker, also mittlerweile seit 44 Jahren (Jahrgang 65). In den 70er Jahren gab es nur Schweine- und Rinderinsulin. Das hat bei mir nicht funktioniert. Ende der 1970er wäre ich fast gestorben. Mein Glück war, dass die Häufigkeit des Typ II Diabetes zu dieser Zeit im Aufschwung war und die Pharmaindustrie ein Humaninsulin produziert hat mit dem ich überleben konnte. An manchen Tagen habe ich Angst, dass es in der Apotheke kein Humaninsulin mehr gibt.
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