Überfüllte Kliniken Ärztepräsident will Notaufnahmen entlasten

Die Notaufnahmen sind voll mit Patienten, die eigentlich beim Hausarzt gut aufgehoben wären. Ärztepräsident Montgomery setzt jetzt auf eine bessere Zusammenarbeit von Kliniken und Praxen.
Zentrale Notaufnahme eines Krankenhauses in Nordrhein-Westfalen (Archiv)

Zentrale Notaufnahme eines Krankenhauses in Nordrhein-Westfalen (Archiv)

Foto: Bernd Thissen/ dpa

Angesichts überfüllter Notaufnahmen in vielen Kliniken dringen die Ärzte auf mehr Informationen für die Patienten und eine bessere Arbeitsteilung mit niedergelassenen Medizinern.

"Für den Patienten ist sein Problem momentan der Nabel der Welt, sonst wäre er ja nicht in die Notfallambulanz gegangen", sagte Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery. "Besser wäre, wir könnten Patienten von vornherein klarer informieren und in die richtige Versorgungsstufe lenken. Dann werden sie auch von dem Arzt behandelt, dem dies am schnellsten möglich ist."

Dass viele Menschen eher direkt ins Krankenhaus gehen statt zum Hausarzt oder zum ärztlichen Notdienst, habe man sich jetzt 20 Jahre angeguckt. "Wir müssen einfach feststellen, dass Appelle und Hinweise nicht übermäßig viel gefruchtet haben. Darauf müssen wir jetzt reagieren", forderte Montgomery.

"Das sind Patienten, die gehören eigentlich nicht ins Krankenhaus"

Es gehe nicht um Verletzte bei Unfällen oder Menschen, die mit dem Hubschrauber gebracht werden. Im Fokus stünden Menschen, die nicht um die Möglichkeiten ambulanter Bereitschaftsdienste wüssten und deshalb direkt in Notaufnahmen gehen. "Das sind Patienten, die gehören eigentlich nicht ins Krankenhaus. Nur viele wissen das nicht. Der Mensch läuft ja nicht mit dem Sozialgesetzbuch unter dem Arm herum."

Montgomery warb dafür, in Kliniken gemeinsame "Portalpraxen" von niedergelassenen Ärzten und Krankenhausärzten einzurichten, in denen jeder das mache, was er am besten könne. In Portalpraxen soll eine Fachperson etwa vor der Aufnahme in die Notaufnahme entscheiden, ob ein Patient als Notfallbehandelt werden muss oder ein Besuch beim Hausarzt genügt. Je nach Einstufung übernimmt dann die Klinik oder der anwesende hausärztliche Notdienst. Einige Krankenhäuser haben das bereits umgesetzt.

Montgomery betonte zugleich: "Wenn in eine Klinik nachts nur zwei oder drei Notfälle kommen, macht es keinen Sinn, dort eine Portalpraxis einzurichten und neben dem schlaflosen Bereitschaftsdienst aus der Klinik auch noch einen schlaflosen niedergelassenen Arzt zu haben."


Wann in die Notaufnahme, wann zum ärztlichen Notdienst

Der ärztliche Not- oder Bereitschaftsdienst ist für alle dringenden Beschwerden zuständig, mit denen man normalerweise zum Hausarzt gehen würde. Zahnärzte haben einen gesonderten Bereitschaftsdienst. Wer nicht weiß, welchen Arzt er außerhalb der Sprechzeiten seines Hausarztes kontaktieren soll, kann sich unter der Nummer 116117 deutschlandweit kostenlos informieren.

Notaufnahmen sind für lebensbedrohliche Fälle zuständig oder wenn bleibende Gesundheitsschäden zu erwarten sind, falls der Patient nicht schnell behandelt wird. Der Fall ist das etwa nach schweren Unfällen oder bei Verdacht auf einen Herzinfarkt (Engegefühl und Schmerzen in der Brust) oder Schlaganfall (Taubheitsgefühl in Armen oder Beinen, Lähmungen).

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Sicherheitsdienste in Notaufnahmen

In einigen Kliniken mit dramatisch gestiegenem Andrang gebe es inzwischen Sicherheitsdienste in Notaufnahmen. Das betrifft vor allem Einrichtungen in Großstädten.

"Manche Patienten werden teilweise sehr fordernd und aggressiv, wenn sie warten müssen und die Dringlichkeit der anderen Fälle nicht einschätzen können", so Montgomery. Zwar könne man für manche Ungeduld Verständnis haben. Notaufnahmen seien aber für Schwerkranke da. "Andere müssen dann warten, weil wir nach Dringlichkeit vorgehen müssen und nicht nach dem Eintreffen."

Video: So wird entscheiden, wer als Erstes dran kommt

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Dass Menschen schneller ins Krankenhaus gehen, habe sich schon seit längerer Zeit entwickelt. "Wir haben mehr ausländische Patienten mit anderen Gewohnheiten im Umgang mit medizinischen Strukturen", erläuterte Montgomery. "Es gibt auch eine zunehmende Vereinzelung von Menschen, bei denen kein Partner mehr da ist, der nachts erst mal einen warmem Wickel macht oder beruhigende Worte spricht."

Situation in den Notaufnahmen dürfte sich zuspitzen

Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Situation in den bereits stark besuchten Notaufnahmen weiter zuspitzen wird. Hintergrund ist ein Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses, des höchsten Entscheidungsgremiums des Gesundheitswesens, von Mitte April.

Patienten in strukturschwachen Gebieten werden in Notfällen demnach künftig wohl weniger Krankenhäuser vorfinden, die offiziell für solche Situationen eingerichtet sind. Von den heute 1748 Krankenhäusern sollen künftig nur noch 1120 entsprechende Zuschläge bekommen. Somit könnten 628 Häuser aus der Notfallversorgung herausfallen.

Die Patienten, die heute in die Notaufnahmen kommen, werden dann mitunter auf die ohnehin stark frequentierten Stellen in größeren Städten zurückgreifen, echte Notfälle müssen weitere Strecken zurücklegen.

Keine Zuschläge mehr zur Notfallversorgung

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund hat die Bundesländer daher aufgefordert, die Notaufnahmen an ihren Krankenhäusern trotz der neuen Vorgaben zu erhalten. "Auch die Menschen, die kleinere Krankenhäuser in strukturschwachen Gebieten aufsuchen, haben einen Anspruch darauf, im Notfall schnell und gut versorgt zu werden", sagte Marburger-Bund-Chef Rudolf Henke am Samstag bei der Hauptversammlung der Gewerkschaft in Erfurt.

Laut dem neuen Beschluss sollen viele Kliniken künftig keine Zuschläge zur Notfallversorgung mehr erhalten, weil sie Mindestvorgaben des Bundesausschusses nicht erfüllten, sagte Henke. "Das darf aber nicht das letzte Wort in dieser Angelegenheit sein." So hätten die Krankenhausplanungsbehörden der Länder etwa bei regionalen Besonderheiten die Möglichkeit, weitere Krankenhäuser als Spezialversorger auszuweisen, die an der Notfallversorgung teilnehmen.

Am kommenden Dienstag beginnt in Erfurt der Deutsche Ärztetag.

jme/dpa
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