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27. Juni 2018, 12:38 Uhr

Überfüllte Rettungsstellen

Notfall Notaufnahme

Gereizte Patienten, lange Wartezeiten, Personalmangel: Von den Zuständen in den Notaufnahmen sind viele genervt. Was die Situation verbessern könnte, zeigt ein Modellversuch in einer Frankfurter Klinik.

Seit Stunden wartet Atilla Öt mit seiner Mutter in der Notaufnahme des Frankfurter Bürgerhospitals. Die 84-Jährige sitzt im Rollstuhl, ihr kürzlich operiertes Knie schmerzt. In Wiesbaden, erzählt der Sohn, habe seine Mutter einmal mit Atemnot fünf Stunden gewartet. Den 93-jährigen Vater hätten sie dort sieben, acht Stunden ausharren lassen. "Ich hab riesigen Stress gemacht dort", sagt Öt.

Auch heute gehört Öt nicht zu den Geduldigsten. Drei Stunden seien sie schon hier, schimpft er und kritisiert grundsätzlich die Zustände in den Notaufnahmen. Er findet, das sei "ein System, das man verbessern müsste".

Damit ist der Wiesbadener nicht alleine. "Im Augenblick sind alle extrem unzufrieden: die Ärzte, die Patienten, das Pflegepersonal", sagt Ferdinand M. Gerlach. Er ist Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen - oder kürzer: einer der sogenannten Gesundheitsweisen Deutschlands. Nach Jahren des Herumdokterns an Symptomen hat der Rat jetzt ein neues Konzept entwickelt und hofft auf einen "Durchbruch", so Gerlach. Dass es dafür höchste Zeit ist, bestreitet niemand. "Große Reformen sind Kinder der Not", sagt der Arzt.

"Jeder sieht sich selbst als Notfall"

Eigentlich ist es im Bürgerhospital heute gar nicht so voll. An diesem Freitagabend warten nie mehr als ein Dutzend Menschen. Krankenschwester Sabine Krannich, 53, sortiert grüne und graue Mappen: Grün für Unfall, Grau für internistisch. Wessen Mappe vorne steckt, der kommt als nächstes dran.

Behice Öts Kladde steckt ziemlich weit hinten. Die Reihenfolge wird nach Dringlichkeit ständig umgeschichtet. "Patienten, die mit dem Rettungswagen kommen, werden immer vorgezogen", erläutert Krannich. Wie die schwangere Frau mit Bauchschmerzen, bei der Assistenzarzt Kai Lohmann im Ultraschall Gallensteine entdeckt.

Das Problem: "Jeder sieht sich selbst als Notfall", sagt Krannich. Einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse zufolge waren in den vergangenen zehn Jahren aber durchschnittlich nur sechs von zehn Menschen, die in Notaufnahmen kamen, tatsächlich so akute Fälle. Ein Gutachten des Instituts für Angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (Aqua) kommt zu einem ähnlichen Schluss.

Angst und Unwissenheit

Dass Patienten mit Lappalien die Notaufnahmen verstopfen, hat viele Gründe. Oft gibt es zu Hause niemanden, der ein Pflaster über eine Wunde kleben kann und sagt: "Halb so schlimm." Angst, Unsicherheit und Unwissenheit spielen bei vielen Patienten und oft auch bei besorgten Eltern eine wichtige Rolle. Zudem wollen auch Hausärzte oder Pfleger etwa in Altenheimen mitunter auf Nummer sicher gehen und verweisen auf die Klinik.

Jasmin Madar, die am Empfangstresen des Bürgerhospitals sitzt, sieht einen weiteren Grund: Die medizinische Fachangestellte glaubt, das Krankenhaus sei für Patienten "das attraktivere System". Beim niedergelassenen Facharzt braucht man einen Termin, muss darauf aber oft lange warten. Außerdem sind die Praxen meist zu, wenn Berufstätige Zeit haben. Die Klinik hingegen vereint viele Fachrichtungen unter einem Dach - und: Man kommt, wann man will.

Das Problem existiert deutschlandweit. Um des Ansturms in den Notfallambulanzen Herr zu werden und für alle Beteiligten nachvollziehbar begründen zu können, welche Patienten sofort drankommen und welche warten müssen, führen Kliniken seit einigen Jahren zunehmend das sogenannte Triage-System ein. Nach festen Kriterien teilen Pfleger dabei die Patienten in fünf verschiedene Dringlichkeitsstufen ein: Wer Anzeichen eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls zeigt, ist sofort an der Reihe, wem die Nase läuft, wird hintangestellt.

Bereitschaftsärzte und Kliniker Tür an Tür

Im Bürgerhospital etwa habe sich die Situation verbessert, seit der Ärztliche Bereitschaftsdienst eine Tür weiter sitzt, berichtet Internist Kai Lohmann. Zu dem Dienst der Praxisärzte schicken er und seine Klinikkollegen alle Patienten, die in der Notaufnahme nichts zu suchen haben.

Video: Notaufnahmen in Not

"Wer hier nicht hergehört, der geht auch wieder", sagt der Arzt. Leute, die etwas Schlechtes gegessen haben etwa, unter einem einfachen grippalen Infekt leiden oder eine schmerzende Schramme haben.

An rund 650 Kliniken in Deutschland gibt es inzwischen solche Bereitschaftsdienst-Zentralen der niedergelassenen Ärzte. Das nimmt zwar den Druck etwas, ist aber noch nicht der große Wurf, an dem der Sachverständigenrat der Gesundheitsexperten tüftelt. Denn an den Notaufnahmen wird eines der großen Probleme der Gesundheitspolitik deutlich: die Trennung in "stationär" und "ambulant", sprich "Kliniken" und "Arztpraxen".

Beschimpft, angespuckt, geschlagen

Im städtischen Klinikum Frankfurt-Höchst wird seit Oktober ein weiteres Modell getestet. Es ist der Versuch, die Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung abzubauen und funktioniert so: Es gibt die Notaufnahme, die Teil des Krankenhauses ist. Und es gibt den Ärztlichen Bereitschaftsdienst, der eine Arztpraxis ist. Wer ein wirklicher Notfall ist, kommt zur Notaufnahme, wer eigentlich zum Hausarzt gehen sollte, geht zum Ärztedienst. Welcher Patient ins stationäre oder ins ambulante System gehört, wird an einem - und das ist das Neue - gemeinsamen Tresen entschieden.

An diesem Tresen sitzt in Frankfurt-Höchst Julia Semmler. Die 41-Jährige arbeitet seit 20 Jahren in Notaufnahmen und hat schon viele unangenehme Situationen erlebt. Erst kürzlich wurde sie als "Pöbel" beschimpft. Der Mann war in zwei Kliniken abgewiesen worden und kam entsprechend geladen an. Das Argument, er sei hier Kunde und daher König, half ihm nicht: Semmler und ihre Kolleginnen riefen den Sicherheitsdienst. Alle Mitarbeiter hier haben ein Deeskalationstraining absolviert. Trotzdem eskaliert die Situation manchmal so, dass die Polizei anrücken muss.

Auch der Chefarzt der Notaufnahme, Peter-Friedrich Petersen, spürt wachsende Aggression unter den Menschen, die in die Notaufnahme kommen. Helfer würden beschimpft, angespuckt, geschlagen, sagt der 55-Jährige.

Petersen ist seit 13 Jahren Notfallmediziner. "Die Arbeitsbelastung ist enorm", berichtet der Arzt, 2017 kamen 45.000 Patienten in die Notaufnahme des städtischen Klinikums. Etwa zwei Drittel von alleine und ein Drittel mit dem Rettungswagen. "Der Platz reicht nicht vorne und nicht hinten" sagt Petersen. "Es gibt auch mal Versorgung auf dem Flur."

Weniger Wartezeit, weniger Aggressionen

Seit der Reform können die Mitarbeiter in Frankfurt-Höchst an manchen Tagen sogar durchatmen. "Der Krawall auf den Fluren hat enorm abgenommen", sagt der Chefarzt. Früher mussten Patienten, die nichts Schlimmes hatten, in Spitzenzeiten fünf, sechs Stunden warten, heute sei die Wartezeit "auf höchstens zwei Stunden" gesunken.

"Die Leute sind froh, dass sie schnell wieder raus sind", sagt der Allgemeinmediziner Ansgar Schultheis, Obmann des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes. "Das ist, was für den Patienten zählt. Und nicht: Wer hat mich behandelt."

Anfangs habe es auf beiden Seiten Skepsis gegeben. Schließlich geht es um Kompetenz, Konkurrenz - und um Geld. Die Erfahrungen in Höchst aber seien positiv, loben sowohl der stationäre Notfallmediziner Petersen als auch sein ambulanter Kollege Schultheis.

Bei Anruf Entscheidung

Auch der Sachverständigenrat plädiert für eine übergeordnete Leitstelle, die Patienten in die richtige Richtung dirigiert. "Wir betrachten die Notfallversorgung als Eisbrecher für die sektorenübergreifende Versorgung der Zukunft", sagt der Vorsitzende Gerlach. Ein neuer Masterplan sieht vor, dass jeder Patient erst zum Telefon greift und in einer Leitstelle anruft. Am Telefon wird geklärt, wie dringend es ist und was zu tun ist. In Zweifelsfällen wird sofort ein Arzt zugeschaltet.

"Wir gehen davon aus, dass wir so rund 30 Prozent aller Anrufe abschließend lösen können", schätzt Gerlach. Zweiter Baustein ist demnach ein Notfallzentrum. "Dort arbeiten niedergelassene Ärzte und Klinikärzte unter einem Dach zusammen", sagt Gerlach. Beim Anruf in der Leitstelle bekommt der Patient einen Termin im Notfallzentrum, wo er ohne größere Wartezeit drankommen soll.

Die wichtigste Neuerung wird man als Patient wohl gar nicht bemerken: Die Notfallzentren sollen "eigenständige organisatorisch-wirtschaftliche Einheiten" sein, finanziert aus einem separaten Topf.

Kliniken warnen: Es könnte noch voller werden

Während es auf der einen Seite in Trippelschritten vorangeht, werden auf der anderen neue Gruben ausgehoben: Denn die Situation könnte sich durch eine andere Reform, die bereits angelaufen ist, verschärfen. Das Ziel der neuen Regelung, die der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenhäusern und Kassen entwickelt hat, ist, die Qualität der Versorgung zu verbessern. Nur die Kliniken, die eine erarbeitete Anforderungsliste erfüllen, sollen weiter an der Notfallversorgung teilnehmen dürfen.

Kritiker wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft fürchten, dass Hunderte Kliniken damit aus der Notfallversorgung rausfallen - und es in anderen dadurch noch voller wird.

Was würde helfen, die Situation ohne jahrelange Reformprozesse zu entspannen? "Mehr Personal", sagen Krankenschwester Krannich und Assistenzarzt Lohmann im Bürgerhospital. Zudem gilt: Keine neue Struktur wird alle Beteiligten glücklich machen. Besucher, die bei der Anmeldung ohne weitere Begründung im Befehlston eine Krankschreibung für eine Woche fordern, wird es wohl auch weiterhin geben.


Zusammengefasst: Die deutschen Notaufnahmen arbeiten am Limit. Es mangelt an Personal, viele Patienten kommen mit Lappalien ins Krankenhaus. Eine Klinik in Frankfurt hat ein Konzept entwickelt, um das zu ändern: Dort behandeln ambulante Ärzte und Klinikärzte Tür an Tür. Wer nur eine Magenverstimmung hat, wird in die Arztpraxis geschickt - echte Notfälle kommen in die Klinik. Ähnliche Notfallzentren könnten bald auch in anderen Teilen Deutschlands die Not der Notaufnahmen lindern.

Von Sandra Trauner, dpa/hei

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