Transplantationsskandal am UKE "Grotesk niedrige Werte"

Die Hamburger Uniklinik steht im Verdacht, Patientendaten bei 14 Lungentransplantationen manipuliert zu haben. Laut einem Prüfbericht sind Krankenakten unauffindbar, Befunde zum Teil "nicht mit dem Leben vereinbar".
Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg

Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg

Foto: Christian Charisius/ dpa

Droht der nächste Transplantationsskandal an einem deutschen Krankenhaus? Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Sie prüft, ob strafrechtlich gegen involvierte Mitarbeiter vorgegangen werden muss. Wegen möglicher Unterdrückung von Urkunden oder technischen Aufzeichnungen sei ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannt eingeleitet worden, sagte eine Sprecherin.

Es geht um Unregelmäßigkeiten bei 14 Lungentransplantationen, die zwischen 2010 und 2012 durchgeführt wurden, neben dem UKE ist auch die mit dem Klinikum kooperierende LungenClinic Großhansdorf, Schleswig-Holstein, in die Vorgänge eingebunden.

Zwei Kommissionen, die insgesamt 25 Fälle aus diesem Zeitraum überprüfen sollten, haben in ihrem Abschlussbericht beklagt, dass viele Originalunterlagen fehlten. In einzelnen Fällen weichen demnach die bei Eurotransplant eingereichten Daten von jenen ab, die von Visiten aus dem Zeitraum vorliegen. Es besteht deshalb der Verdacht, dass Daten verändert wurden, um Patienten einen besseren Platz auf der Warteliste zu beschaffen.

Da die Kommissionen diesen Verdacht weder bestätigen noch ausräumen konnten, schalteten sie die Behörden ein. Die Prüfungs- und die Überwachungskommission von GKV-Spitzenverband, Krankenhausgesellschaft und Bundesärztekammer haben ihre Ergebnisse bereits Mitte Oktober veröffentlicht . Das NDR Fernsehen berichtet in "Panorama 3" am Dienstagabend darüber.

Das UKE betont, dass es keinerlei Anhaltspunkte für Eingriffe in die Rangfolge von Patienten auf der Transplantationsliste gegeben habe.

Nicht einmal Screenshots möglich?

Wie erklärt die Klinik, dass sie den Kommissionen einen Teil der gewünschten Daten nicht Verfügung stellt?

Es habe laut UKE im überprüften Zeitraum 2010 bis 2012 keine technische Möglichkeit gegeben, die erfassten Vitalparameter auszudrucken, die in den elektronisch geführten Patientenakten eingetragen werden. Daher sei es nicht möglich gewesen, die Akten in Papierform vorzulegen. Eurotransplant, der Koordinationsstelle für Organspenden, habe das UKE deshalb handschriftlich erstellte Patientenkurven geschickt.

"Die Kommissionen nehmen zur Kenntnis, dass es dem UKE für einen Zeitraum von drei Jahren nicht möglich war, Patientenakten auszudrucken und bis jetzt nicht einmal Bildschirmausdrucke (sog. Screenshots) von den erbetenen Intensivverlaufkuven gemacht werden konnten, sondern immer nur einzelne Bestandteile (...) zugesendet wurden, die zu einem erheblichen Teil unergiebig waren", schreiben die Kommissionen dazu in ihrem Bericht.

Auch Akten von Patienten, die in der Großhansdorfer Klinik behandelt wurden, waren laut dem Bericht unauffindbar. Die verantwortlichen Ärzte in Großhansdorf gaben demnach an, die Akten seien bei der Verlegung der Patienten zur Transplantation ans UKE regelhaft mitgegeben worden, dort aber nicht mehr auffindbar und auch nicht wieder zurückgegeben worden.

"Keine befriedigende Erklärung"

Das Abhandenkommen der Akten, so die Kommissionen, sei schon mit Blick auf die ärztliche Pflicht zur Dokumentation sowie das Rechnungswesen ein "ganz außergewöhnlicher Vorgang, für den keine befriedigende Erklärung gegeben werden konnte".

Die Kommissionen kritisieren, dass die Klinik wichtige Vitalparameter der Patienten nicht kontinuierlich dokumentiert hat, sondern nur für einzelne Zeitpunkte. Dabei handle es sich zum Teil um "grotesk niedrige" Werte. Dies sei "über Wochen und Monate selbst bei Gesunden nicht mit dem Leben vereinbar". Warum diese Messungen nicht zu entsprechenden medizinischen Maßnahmen oder einer umfassenderen Kontrolle führte, sei "gänzlich unverständlich".

Aus Sicht der Kommissionen stützt dies den Verdacht, dass ihnen Dokumente vorenthalten wurden - oder trägt jedenfalls nicht zu seiner Entkräftung bei.

Das UKE wies den Vorwurf mangelnder Zusammenarbeit zurück. Jedes Kommissionsmitglied habe jederzeit die Möglichkeit gehabt, vollständigen Einblick in die elektronische Krankenakte zu nehmen.

2012 war bekannt geworden, dass Ärzte an mehreren Krankenhäusern offenbar Patientendaten manipuliert und so die Vergabe von Spenderlebern beeinflusst hatten. Der Skandal schlug große Wellen und ließ die Bereitschaft zu Organspenden einbrechen. Die Überprüfung aller Transplantationsprogramme folgte.

wbr/AFP/dpa
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