Umgang mit Krebs "Es gibt viel Raum für Zuversicht"

Eine Tumordiagnose stellt das Leben oft auf den Kopf. Vor dem Weltkrebstag beschreibt der Psychoonkologe Schulz-Kindermann, wie Betroffene damit zurechtkommen - und warum für Todkranke Pläne wichtig sein können.
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SPIEGEL ONLINE: Herr Schulz-Kindermann, zu Ihnen kommen täglich krebskranke Menschen. Worüber redet man, wenn man Angst hat zu sterben?

Schulz-Kindermann: Zunächst einmal: Krebs muss kein Todesurteil mehr sein. Neuere Therapien verlängern die Lebenserwartung heute ganz anders als noch vor zehn Jahren. Darüber aufzuklären, ist natürlich Aufgabe des Arztes. Ich habe aber Patienten, die mehrere Jahre mit einem metastasierten Tumor leben. Für sie ist die große Herausforderung, zu akzeptieren, dass sie nicht mehr geheilt werden können, aber auch nicht zwangsläufig innerhalb kürzester Zeit an ihrer Krankheit sterben.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich dadurch die Themen verändert, denen sich Ihre Patienten stellen müssen?

Zur Person
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Frank Schulz-Kindermann leitet die Spezialambulanz für Psychoonkologie des Instituts für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. In der Abteilung arbeiten mehr als 20 Psychoonkologen, die Krebspatienten und ihre Angehörigen während der Krankheit begleiten.

Schulz-Kindermann: Früher gab es vor allem die Gespräche mit Todkranken und mit Überlebenden. Für letztere war die Aufgabe, nach überstandenem Krebs zurück ins Leben zu kommen. Heute gibt es zusätzlich viele Patienten, die sich Fragen stellen wie: "Was bedeutet palliative Behandlung für mich? Wie kann ich mit dem Krebs leben?"

SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie dabei helfen?

Schulz-Kindermann: Zunächst klären wir mit allen Patienten, wer für sie eigentlich die Fäden in der Hand hält. Ist es der Hausarzt, der Onkologe, der Facharzt, der Palliativmediziner, der Pflegedienst, ein Angehöriger, der Krankenhausbehandler oder möglicherweise der Komplementärmediziner? In dieses Wirrwarr aus Verantwortlichen bringen wir Ordnung und arbeiten die Wünsche, Bedürfnisse und Fragen der Patienten heraus.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr praktisch orientiert.

Schulz-Kindermann: Richtig, das ist zunächst enorm wichtig, denn oft sind die Betroffenen nach der Diagnose mit vielem überfordert. Bei uns können sie sich in Ruhe sortieren. Auf psychologischer Ebene sprechen wir darüber, wie es dem Patienten geht und welche Veränderungen die Krankheit mit sich bringt. Gibt es Schmerzen, Behinderungen, Müdigkeit? Wir reden auch darüber, was die Krankheit für den Partner bedeutet, für die Familie und die Arbeit. Über diese Themen zu sprechen, gelingt den meisten noch ganz gut. Schwieriger wird es, wenn es um das Sterben und die Sinnsuche geht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Psychoonkologe. Muss man mit Ihnen über den Tod sprechen?

Schulz-Kindermann: Nein, keinesfalls. Aber ich biete das Thema an und frage: "Beschäftigt Sie der Tod?" Manche Patienten handeln das kurz für sich ab, andere beschäftigen sich intensiv damit. Beides ist in Ordnung.

SPIEGEL ONLINE : Wie ertragen es Ihre Patienten, wenn sie erfahren, dass sie an ihrem Krebs sterben werden?

Schulz-Kindermann: Das ist sehr unterschiedlich. Häufig gibt es sowohl alltagsorientierte als auch todesbezogene Themen. Manche Patienten planen ihre Beerdigung, suchen den Grabstein aus und schreiben die Gästeliste für die Trauerfeier. Dadurch sind sie aktiv und können ihre Angehörigen entlasten. Mitunter spüren sie viel Lebensenergie und schmieden Reisepläne. Dann wieder dreht sich alles um Abschied und Verlust. Dieses Nebeneinander so widersprüchlicher Gefühle ist - auch für das Umfeld - oft schwer aushaltbar.

Hier finden Betroffene Hilfe

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt diese Ambivalenz?

Schulz-Kindermann: Ich glaube, dass sich die Seele Schutz sucht und sich durch Aktivität ablenkt. Sie kann sich nicht 24 Stunden am Tag mit Tod, Trauer und Trauma auseinandersetzen. Eine junge, schwer krebskranke Frau sprach in einer Sitzung viel von ihrer Beerdigung, vom Sterben, vom Loslassen. Danach schrieb sie mir in einem Brief, dass sie über diese Themen in Zukunft nicht mehr reden wolle. Beim nächsten Treffen fing sie wieder davon an. Ich habe es als ein wichtiges Bedürfnis von ihr gesehen, darüber zu sprechen, und sie darin bestärkt, das Nebeneinander von Verlust und naher Zukunft zuzulassen.

SPIEGEL ONLINE: Sollten Patienten einen Sinn in ihrer Krebserkrankung suchen?

Schulz-Kindermann: Das würde ich selbst nie so formulieren. Aber wenn ein Patient für sich einen Sinn findet, dann unterstütze ich ihn dabei. Fragen wie "Warum? Warum ich? Warum jetzt?" beschäftigen viele.

SPIEGEL ONLINE: Antworten können Sie vermutlich auch nicht geben.

Schulz-Kindermann: Nein, ich nicht. Aber als Therapeut kann ich dem Patienten bei der Suche nach seinen ganz persönlichen Antworten helfen. Denn oft steht hinter dem "Warum?" der schmerzhafte Verlust des persönlichen Narrativs.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Schulz-Kindermann: Eine Krebserkrankung zerstört die eigene Geschichte, den vorgestellten Lebenslauf mit Familie oder Freunden, mit Plänen, Arbeit und Freizeit, die ausgemalte Zukunft. Die Patienten brauchen eine neue Erzählung für ihr Leben. Wir helfen ihnen dabei, dieses neue Narrativ zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die Angehörigen in Ihrer Arbeit?

Schulz-Kindermann: Sie sind ein ganz wichtiges Element. Wir haben hier in der Uniklinik gemeinsame Gruppensitzungen für Krebskranke und Familienmitglieder. Ein Angehöriger kann allein zu mir kommen, und ich biete Partnergespräche an. Da geht es mitunter ganz konkret um Kommunikation mit dem Partner. Sie glauben ja nicht, was alles schiefgehen kann, auch wenn man helfen will.

SPIEGEL ONLINE: Was kann denn so schiefgehen?

Schulz-Kindermann: Es gibt Angehörige, die den Kranken anspornen wollen, ihn aber unter Druck setzen. "Du musst immer positiv denken", lautet dann ein Appell. Andere sind selbst körperlich oder psychisch stark mitgenommen und die nächsten werden zum Vertreter des Patienten. Sie nehmen ihm buchstäblich das Heft aus der Hand und laufen mit der Krankenakte unterm Arm von einem Arzt zum anderen. Der Patient selbst kommt nicht mehr zu Wort und wird immer passiver.

SPIEGEL ONLINE: Auch Ärzte lassen die Patienten oft mit einem Berg von Fragen zurück, manche drucksen herum, wenn es um das Ausmaß der Erkrankung geht. Sollten Ärzte die Hoffnung ihrer Patienten um jeden Preis aufrechterhalten?

Schulz-Kindermann: Hoffnung ist ein extrem starker Motor, und ich finde es sehr sinnvoll, sich maximal mit Hoffnung zu beschäftigen. Das soll aber nicht heißen, dass man nicht ehrlich sein darf zu dem Patienten. Auch ein Mensch mit metastasiertem Krebs kann Hoffnungen haben, die ihn glücklich machen.

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SPIEGEL ONLINE: Welche Ängste plagen ihre Patienten?

Schulz-Kindermann: Sehr verschiedene. Da gibt es die Angst vor Schmerzen, vor Kontrollverlust, vor der Abhängigkeit von anderen. Auch die Angst vorm Alleinsein und vor dem Sterben an sich. Manche befürchten, durch den Tod in eine Art Schwebezustand zu geraten, losgelöst vom Körper, aber für immer gefangen in einem luftleeren Raum. Solche Gespräche können sehr tief gehen und nicht nur die Patienten inspirieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit all dem Leid und Tod um Sie herum um?

Schulz-Kindermann: Ich empfinde das nicht als zu belastend oder kräftezehrend, sondern überwiegend als bereichernd. Es gefällt mir, für mein Gegenüber da zu sein, ihm Respekt und Wertschätzung zu geben und einen geschützten Raum, in dem er alles sagen darf, was ihn beschäftigt. Ich finde meine Arbeit sehr kreativ und anregend. In den Gesprächen gibt es viel Raum für Hoffnung und Zuversicht.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn jemand stirbt?

Schulz-Kindermann: Dann bewegt mich das, manchmal sogar sehr. Mir hilft dann unser Ritual hier am Institut: Wir kommen zusammen und zünden eine Kerze an. Wir sprechen über den Verstorbenen und schweigen eine Weile. Es gibt Raum zum Innehalten. Wenn es den nicht gäbe, wäre es noch schwieriger.

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