Ein rätselhafter Patient Ausnahme bei der Regel

Eine 13-Jährige hat extreme Bauchschmerzen - und ihre Tage. Der Blinddarm scheint intakt zu sein. Was das Problem verursacht, sehen die Ärzte erst, als sie zum Skalpell greifen.
Von Josephin Mosch

Ein 13-jähriges Mädchen kommt mit seinen sehr besorgten Eltern in die Ambulanz einer Kinderklinik, weil es akute Schmerzen im rechten Unterbauch hat. Ärzte denken bei solchen Beschwerden zum Beispiel an eine Entzündung des Wurmfortsatzes im Darm: die Blinddarmentzündung. Doch Anzeichen für eine Entzündung wie Fieber gibt es nicht, das Mädchen klagt auch nicht über Übelkeit und Erbrechen, was als Reaktion des Verdauungsapparats gut zu einer Blinddarmentzündung passen würde. Fehlanzeige. Auch Beschwerden der Harnwege bestehen nicht, das Mädchen kann ohne Probleme Wasser lassen.

Kein klassischer Fall

Theoretisch wäre auch eine Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter denkbar, aber das Mädchen hatte noch keinen Geschlechtsverkehr. Auf Nachfrage erzählt es, dass es vor neun Monaten zum ersten Mal seine Menstruation hatte - seitdem regelmäßige Blutungen. Jetzt hat die 13-Jährige aber seit drei Tagen ihre Tage - und diesmal heftige Schmerzen. Sie ist verzweifelt und ängstlich, was mit ihr vorgeht.

Der Arzt untersucht sie und stellt fest, dass sie bei Berührung der Bauchdecke mit einer starken Abwehrspannung reagiert. Das liefert zwar keinen Hinweis für eine spezielle Erkrankung, deutet aber auf einen Entzündungsprozess im Bauchraum hin.

Die Ärzte ziehen die Gynäkologen zurate, die das Mädchen untersuchen. Das Jungfernhäutchen ist intakt, eine Schwangerschaft ausgeschlossen. Im Labor erweisen sich Blut- und Urinproben als normal.

Aber im Ultraschall finden die Ärzte eine Masse im rechten Unterbauch, etwa so groß wie eine Mandarine. Die Kinderärzte im Inselspital Bern, die über den Fall im "Journal of Medical Case Reports"  berichten, vermuten, dass sich der rechte Eierstock gedreht haben könnte und nun nicht mehr mit Blut versorgt wird.

Von Birnen und Herzen

Eine solche Stieldrehung kann zu Unfruchtbarkeit führen, wenn der betroffene Eierstock abstirbt. Die Gynäkologen führen ein Endoskop, einen dünnen Schlauch mit einer Kamera, in die Scheide ein. So können sie die Strukturen auf dem Bildschirm begutachten. Den Ärzten fällt nichts Besonderes auf.

Sie entscheiden sich für eine Bauchspiegelung. Die Eltern sind nun erst recht besorgt, als sie ihr Kind an der Schleuse zur OP-Vorbereitung an die Anästhesisten abgeben müssen. Bei der Bauchspiegelung können die Ärzte die Strukturen allerdings nur schwer beurteilen, weil Teile des rechten Eileiters mit der Umgebung verwachsen sind. Eine Eierstockstieldrehung können sie immer noch nicht ausschließen.

Da ein MRT momentan nicht zur Verfügung steht, entschließen sich die Ärzte, das Handeln nicht zu verzögern und einen Bauchschnitt durchzuführen, um die Organe im Unterbauch besser beurteilen zu können. Worauf sie im geöffneten Bauch stoßen, ist aber kein verdrehter Eierstock. Die Gebärmutter ist nicht - wie üblich - wie eine Birne geformt, sondern erinnert eher an ein Herz: Am oberen Ende ist sie tief eingebuchtet. Ärzte sprechen vom Uterus bicornis, einer Gebärmutter mit zwei Hörnern. Eine solche Fehlbildung kommt zustande, wenn in der Embryonalzeit die Anlagen für die Geschlechtsorgane, bei der Frau sind es die sogenannten Müller-Gänge, nicht komplett verschmelzen. Doch warum hat das Mädchen so starke Schmerzen?

Gestautes Blut

Wenn Gebärmutter und der verbundene Gebärmutterhals jeweils zwei separate Hohlräume bilden, kann diese Fehlbildung unentdeckt bleiben. Voraussetzung ist, dass beide Gebärmutter-Hörner mit der Vagina verbunden sind. Bei dem Mädchen ist allerdings nur eine der beiden Hälften mit der Vagina verbunden, wie Kernspin-Aufnahmen zeigen. Die andere Hälfte endet blind. Weil aber beide Hälften unabhängig voneinander funktionieren, wird in beiden Schleimhaut aufgebaut und mit der Menstruation wieder abgestoßen. Das hat zu dem Blutaufstau geführt, weil bei jeder der Blutungen seit der ersten Menstruation Blut nicht abfließen konnte.

Bild der Magnetresonanztomografie des Mädchens: Gut sichtbar ist die Herzform der Gebärmutter mit den zwei "Hörnern". Im rechten "Horn" (1), hier links im Bild, liegt die stäbchenförmige Drainage, durch die das Blut auf dieser Seite abfließen kann.

Bild der Magnetresonanztomografie des Mädchens: Gut sichtbar ist die Herzform der Gebärmutter mit den zwei "Hörnern". Im rechten "Horn" (1), hier links im Bild, liegt die stäbchenförmige Drainage, durch die das Blut auf dieser Seite abfließen kann.

Foto: Journal of Medical Case Reports 2012

In der Bildgebung fällt außerdem auf, dass bei dem Mädchen rechtsseitig auch keine Niere angelegt ist. Das ist nicht unüblich: Fehlbildungen der Gebärmutter gehen oft mit weiteren Organveränderungen einher. Weil die andere Niere funktionstüchtig ist, hat das Mädchen aber keine Probleme.

Nachdem die Ärzte das Blut entfernt haben, wird das Mädchen nach einer Woche erneut operiert. Dabei verbinden die Chirurgen die rechte Gebärmutter mit der Scheide. Das Mädchen erholt sich gut und hat seitdem ohne starke Bauchschmerzen regelmäßig ihre Tage.