SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

19. Februar 2015, 09:47 Uhr

Gesunder Teint

Ein Hoch auf die Blässe

Von

Blass gilt als krank, Bräune als gesund und frisch. Wer im Winter ohne dunklen Teint vom Strandurlaub zurückkehrt, wird schief beäugt. Jeder Fünfte rennt regelmäßig ins Solarium, obwohl UV-Strahlung der Haut schadet. Warum nur?

"Du bist ja überhaupt nicht braun geworden."

Wissen Sie, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe? Gerade aus dem Winterurlaub zurückgekehrt. Total erholt. Und schon muss man sich rechtfertigen.

Seit Jahrzehnten gilt: Braun ist gut, blass schlecht. Dass Hautkrebs die häufigste Krebserkrankung in Deutschland ist? Dass der Hauptrisikofaktor dafür UV-Strahlung ist - künstliche wie natürliche? Egal!

Ist doch merkwürdig. Wir haben Angst vor Radioaktivität, Handystrahlen, Mikrowellen oder Elektrosmog. Aber für eine Extraportion UV-Strahlung bezahlen wir auch noch Geld. Stellen Sie sich die Sonne einfach mal als AKW vor. Tschernobyl in the sky. Oder - wenn Ihnen das besser gefällt - als gewaltige Mikrowelle. Da legen Sie sich auch noch halbnackt drunter?

Keine Lust auf Hautkrebs

Ich werde nicht braun. Nicht weil ich miese Melanozyten habe oder mir keinen Urlaub leisten kann. Ich habe einfach keine Lust auf auf Sonnenbrand. Keine Lust auf vorzeitige Hautalterung. Keine Lust auf Hautkrebs. Für den habe ich leider schon zu viel getan, wie mir ein Hautexperte im Gespräch erklärt.

Am Hof Ludwigs XIV. wäre ich Blässling ein Mitglied der Aristokratie gewesen. 300 Jahre später bin ich für meine Mitmenschen ein Fall für die Pathologie. "Du siehst heute so blass aus", ist Durchdieblume für "Du siehst einfach richtig sch**** aus." Daran hat leider auch die Twilight-Welle nichts ändern können.

Die negativ belegte Blässe hat sich überall niedergeschlagen wie ein weißer Puderschauer: "Robert De Niro sah blass aus neben Dustin Hoffmann." Oder: "Die Merkelsche Außenpolitik ist blass." Die Bäh-Blässe ist überall.

Blass ist schwach. Schwach will keiner sein. In meiner Jugend war meine Blässe ein besonderes Stigma. Als Kind der Achtziger lebte ich in der gefühlten Hochzeit der Hautbräune-Dekade. Modern Talking machten den Weiß-Braun-Gold-Look schick, und damit die Sonnenbank. Wer eine zu Hause hatte, der hatte es geschafft.

Unbedarft war gestern

Ich hatte keine. Wollte ich auch einen Platz an der sozialen Sonne, musste ich mir - wie die anderen Plebejer - draußen einen suchen.

Tage im Freibad. Weiße Kinderhaut trifft auf Ultraviolett-Strahlung. Sonnenmilch-Schutzfaktor: gerade mal zweistellig. Und das Radio auf der Wiese spielt: "She seems to have an invisible touch - yeah!" Ein blasser Song von Genesis, zugegeben. Aber was den unsichtbaren Touch der Sonne angeht, da lag er richtig. "She's got something you just can't trust", sang Phil Collins auch noch.

"Du bist überall knallrot."

Der zweite Satz, den ich in meinem Leben schon viel zu oft gehört habe.

Und so häutete ich mich jeden Sommer. Immer auf der Jagd nach Bräune, immer auf der Flucht vor dem Stigma. Irgendwann las ich in einer dieser Frauenzeitschriften meiner Mutter, dass schon dreimal Sonnenbrand im Kindesalter automatisch zwanzig Jahre später zu Hautkrebs führen würde.

Wenn Bräune zur Sucht wird

Heute, 30 Jahre später, habe ich noch immer keinen Hautkrebs. Aber ich lebe in Angst. Die Statistik arbeitet gegen mich: 234.000 Neuerkrankungen jährlich in Deutschland, 3000 Todesopfer.

Die Achtziger sind vorbei. Der Hautbräune-Fetisch existiert noch immer. Jeder fünfte Deutsche jagt ihm im Solarium hinterher.

Die Deutschen, so sagen Krebsexperten, seien Europameister im künstlichen Bräunen. Besonders schlimm wird das, wenn Sonnenbaden zur Manie wird. Die Wissenschaft hat dafür den Begriff Tanorexie geprägt. Ob es die Solariumssucht wirklich gibt, ist allerdings noch umstritten. Dass wir alle zu oft ins Solarium gehen, jedoch nicht.

Es gibt Alternativen: Vor zehn Jahren probierte ich mal Selbstbräuner aus, um endlich meine Blässe zu überwinden. Die Reaktion war verblüffend: "Du siehst so frisch aus! Wo warst du im Urlaub?", wunderten sich meine Kollegen.

Ja, ich war in Dihydroxyacetonien. Ist nicht so schön da. Alles sehr künstlich. Und auch nicht besonders gesund.

Es hilft nichts. Bräune und Sonne müssen kulturell dringend umbewertet werden. Seien Sie stolz auf Ihre Blässe! Ihr Lohn: Sie werden mit 60 noch aussehen wie 35. Und nicht mit 35 schon wie 60.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung