Gesunder Teint Ein Hoch auf die Blässe

Blass gilt als krank, Bräune als gesund und frisch. Wer im Winter ohne dunklen Teint vom Strandurlaub zurückkehrt, wird schief beäugt. Jeder Fünfte rennt regelmäßig ins Solarium, obwohl UV-Strahlung der Haut schadet. Warum nur?

Schutz vor der Sonne: Vornehme Blässe oder gesunde Bräune? Die Teint-Frage ist Klischee-behaftet
Corbis

Schutz vor der Sonne: Vornehme Blässe oder gesunde Bräune? Die Teint-Frage ist Klischee-behaftet


"Du bist ja überhaupt nicht braun geworden."

Wissen Sie, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe? Gerade aus dem Winterurlaub zurückgekehrt. Total erholt. Und schon muss man sich rechtfertigen.

Seit Jahrzehnten gilt: Braun ist gut, blass schlecht. Dass Hautkrebs die häufigste Krebserkrankung in Deutschland ist? Dass der Hauptrisikofaktor dafür UV-Strahlung ist - künstliche wie natürliche? Egal!

Ist doch merkwürdig. Wir haben Angst vor Radioaktivität, Handystrahlen, Mikrowellen oder Elektrosmog. Aber für eine Extraportion UV-Strahlung bezahlen wir auch noch Geld. Stellen Sie sich die Sonne einfach mal als AKW vor. Tschernobyl in the sky. Oder - wenn Ihnen das besser gefällt - als gewaltige Mikrowelle. Da legen Sie sich auch noch halbnackt drunter?

Keine Lust auf Hautkrebs

Ich werde nicht braun. Nicht weil ich miese Melanozyten habe oder mir keinen Urlaub leisten kann. Ich habe einfach keine Lust auf auf Sonnenbrand. Keine Lust auf vorzeitige Hautalterung. Keine Lust auf Hautkrebs. Für den habe ich leider schon zu viel getan, wie mir ein Hautexperte im Gespräch erklärt.

BRÄUNE UND HAUTKREBSGEFAHR - FRAGEN AN DEN EXPERTEN
Am Hof Ludwigs XIV. wäre ich Blässling ein Mitglied der Aristokratie gewesen. 300 Jahre später bin ich für meine Mitmenschen ein Fall für die Pathologie. "Du siehst heute so blass aus", ist Durchdieblume für "Du siehst einfach richtig sch**** aus." Daran hat leider auch die Twilight-Welle nichts ändern können.

Die negativ belegte Blässe hat sich überall niedergeschlagen wie ein weißer Puderschauer: "Robert De Niro sah blass aus neben Dustin Hoffmann." Oder: "Die Merkelsche Außenpolitik ist blass." Die Bäh-Blässe ist überall.

Blass ist schwach. Schwach will keiner sein. In meiner Jugend war meine Blässe ein besonderes Stigma. Als Kind der Achtziger lebte ich in der gefühlten Hochzeit der Hautbräune-Dekade. Modern Talking machten den Weiß-Braun-Gold-Look schick, und damit die Sonnenbank. Wer eine zu Hause hatte, der hatte es geschafft.

Unbedarft war gestern

Ich hatte keine. Wollte ich auch einen Platz an der sozialen Sonne, musste ich mir - wie die anderen Plebejer - draußen einen suchen.

Tage im Freibad. Weiße Kinderhaut trifft auf Ultraviolett-Strahlung. Sonnenmilch-Schutzfaktor: gerade mal zweistellig. Und das Radio auf der Wiese spielt: "She seems to have an invisible touch - yeah!" Ein blasser Song von Genesis, zugegeben. Aber was den unsichtbaren Touch der Sonne angeht, da lag er richtig. "She's got something you just can't trust", sang Phil Collins auch noch.

"Du bist überall knallrot."

Der zweite Satz, den ich in meinem Leben schon viel zu oft gehört habe.

Und so häutete ich mich jeden Sommer. Immer auf der Jagd nach Bräune, immer auf der Flucht vor dem Stigma. Irgendwann las ich in einer dieser Frauenzeitschriften meiner Mutter, dass schon dreimal Sonnenbrand im Kindesalter automatisch zwanzig Jahre später zu Hautkrebs führen würde.

Wenn Bräune zur Sucht wird

Heute, 30 Jahre später, habe ich noch immer keinen Hautkrebs. Aber ich lebe in Angst. Die Statistik arbeitet gegen mich: 234.000 Neuerkrankungen jährlich in Deutschland, 3000 Todesopfer.

Die Achtziger sind vorbei. Der Hautbräune-Fetisch existiert noch immer. Jeder fünfte Deutsche jagt ihm im Solarium hinterher.

Die Deutschen, so sagen Krebsexperten, seien Europameister im künstlichen Bräunen. Besonders schlimm wird das, wenn Sonnenbaden zur Manie wird. Die Wissenschaft hat dafür den Begriff Tanorexie geprägt. Ob es die Solariumssucht wirklich gibt, ist allerdings noch umstritten. Dass wir alle zu oft ins Solarium gehen, jedoch nicht.

Es gibt Alternativen: Vor zehn Jahren probierte ich mal Selbstbräuner aus, um endlich meine Blässe zu überwinden. Die Reaktion war verblüffend: "Du siehst so frisch aus! Wo warst du im Urlaub?", wunderten sich meine Kollegen.

Ja, ich war in Dihydroxyacetonien. Ist nicht so schön da. Alles sehr künstlich. Und auch nicht besonders gesund.

Es hilft nichts. Bräune und Sonne müssen kulturell dringend umbewertet werden. Seien Sie stolz auf Ihre Blässe! Ihr Lohn: Sie werden mit 60 noch aussehen wie 35. Und nicht mit 35 schon wie 60.

insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
Bueckstueck 19.02.2015
1. War auch mal so dumm...
... mich zum braunbraten in die Sonne oder gar unter die künstliche UV-Kanone zu legen. Zum Glück hats irgendwann klick gemacht - hoffentlich nicht zu spät, denn die Haut vergisst ja nichts... Meine natürliche Bräune hole ich mir jetzt nur noch durch den normalen Aufenthalt im Freien - gerne auch beim Sport im Sommer, dann aber mit Schutzcreme.
smartphone 19.02.2015
2. Gesellschaftsphänomen
"Früher" arbeitete 85% dr Bevölkerung auf dem Land -ergo war braunwerden völlig normal- der Adel als nichtarbeitende konnte sich also den Luxus leisten, sich der Sonne zu entziehen - die Blässe war damals ein Statussymbol wie ein RollsRoyce........ heute arbeitet man in der Fabrik/Büro-somit kann es sich der "Nichtarbeitende" leisten nach draussen zu gehen ----Ergo ist Bräune ein Statussymbol.........Allerdings darf bemerkt werden ,daß -ich Zitiere einen bekannten Mediziener in den 60ern : "nur die Dummen gehen in die Sonne ..."
agua 19.02.2015
3. An#2 smartphone
Diese Ånderung eines Statussymbols ist richtig, aber die Unvernunft zu der Bräune zu gelangen, kann ich jeden Sommer zur Urlaubszeit immer wieder auf das Neue beobachten. Vielleicht hilft ein neues Modediktat. Gruss aus Portugal
licorne 19.02.2015
4. Das ist doch heute nicht mehr so
Wenn jemand knallbraun ist, so findet das heute doch keiner mehr schön, es wirkt genauso wie zuviel Makeup - billig. Bei meinen Schülern ist Bräune schon lange nicht mehr angesagt, die mögen blasse Haut. Vor 15 Jahren rannte noch die halbe Klasse regelmäßig ins Solarium. Heute gehen die Frauen um die 50 noch auf die Sonnenbank.
sinistra666 19.02.2015
5. Dem kann ich nur beipflichten
Ich trage meine vornehme Blässe gerne zur Schau- ich bin 32 und sehe aus wie Anfang-Mitte 20. Hingegen sehen viele 20-jährige wie 30 aus- aber na ja, Hauptsache braune lederartige Haut und platinblonde kaputte Haare, ein wirklich komisches Schönheitsideal *g*
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