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13. Juli 2012, 09:02 Uhr

Hitze-Risiken

Forscher, ran an die Ventilatoren!

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Bei 35 Grad im Schatten hilft oft nur noch der Ventilator. Britische Wissenschaftler aber fürchten bei allzu sorglosem Einsatz der Lüfter Gefahren: Insbesondere ältere Menschen könnten dadurch überhitzen. Die Suche nach harten Fakten zu ihrer These ließ die Forscher allerdings verzweifeln.

Ein Cochrane Review ist für Gesundheitsforscher das höchste der Gefühle. In einer solchen Übersichtsarbeit sammeln und bewerten die Autoren das gesamte verfügbare Wissen, um eine medizinische Frage beantworten zu können. Zum Beispiel: "Verlängert ein Brustkrebsmedikament die Überlebenszeit erkrankter Frauen?" Diese Analyse der Cochrane Collaboration wurde erst am Mittwoch vorgestellt.

Dagegen wirkt die am Donnerstag präsentierte Cochrane-Analyse britischer Forscher um Saurabh Gupta von der Health Protection Agency in London zunächst reichlich merkwürdig: Die Wissenschaftler untersuchten, ob Ventilatoren bei Hitzewellen für Abkühlung sorgen können. Wer schon einmal bei großer Hitze im Büro den Ventilator angeschaltet hat, für den ist die Antwort geradezu banal: Natürlich sorgen die Geräte für einen angenehm kühlen Luftzug!

Ganz so absurd, wie es sich anhört, ist die Studie aber nicht. Der Untersuchung liegt eine berechtigte Sorge zugrunde: Gerade bei sehr hohen Temperaturen über 35 Grad Celsius könnten ältere Menschen gefährdet sein, wenn sie wegen der Ventilatoren mehr schwitzen und nicht ausreichend Flüssigkeit bekommen, schreiben die Forscher. Ein Ventilator funktioniert, indem er kühlere Luft am Körper vorbeipustet. Dabei erleichtert er quasi das Schwitzen und die Wärmeabgabe an die Luft über die Haut.

Die Autoren der Studie fürchten einerseits, dass Senioren durch das Verfahren innerlich austrocknen könnten, wenn sie nicht genügend trinken. Andererseits stoße das Luftzugprinzip bei großer Hitze jenseits von 35 Grad an seine Grenzen: Dann sei die durch den Ventilator zugeführte Luft gar nicht mehr kühler als die Umgebungsluft des Menschen - und er könnte sogar überhitzen.

"Wir haben keine Studien gefunden"

Bei der Auswertung des dazu verfügbaren Wissens bekam der Forscher-Elan von Gupta und seinen Kollegen allerdings einen ordentlichen Dämpfer: "Wir haben keine geeigneten Studien gefunden, trotz ausgiebiger Suche und Korrespondenz mit verschiedenen Experten auf dem Gebiet", lautet das resignierte Ergebnis der versuchten Metaanalyse. Gewünscht hatten die Wissenschaftler sich Studien, in denen zum Beispiel verglichen wird, wie es Menschen geht, die während einer Hitzewelle einen Ventilator nutzen im Vergleich mit anderen, die in der Hitze schmoren müssen. Nur solche hochwertigen Studien dürfen die Cochrane-Autoren verwenden.

Bei der Frage nach den Vor- und Nachteilen von Ventilatoren gehe es nicht nur darum, ob einzelne Menschen sich ein solches Gerät zulegen sollten, sagt Gupta. Viel bedeutender sei die Entscheidung, "ob man Ventilatoren während Hitzewellen an viele Menschen verteilt", sagt Gupta. "Besonders wichtig ist das bei Menschen, die Hitze gegenüber anfälliger sind, zum Beispiel ältere Menschen, die schlechter Wärme durch Schwitzen abgeben können."

Angesichts großer Hitzeperioden mit vielen tausend hitzebedingten Todesfällen wie etwa im August 2003 in Europa sehen die Cochrane-Forscher die Wissenschaft in der Pflicht, die Frage der Ventilatoren zu untersuchen. Die insgesamt wenig aussagekräftigen Untersuchungen, die Gupta und seine Kollegen finden konnten, kamen auch noch zu widersprüchlichen Ergebnissen: In einer kleinen Analyse fanden die Autoren Hinweise auf ein reduziertes Risiko zu sterben, wenn Ventilatoren eingesetzt wurden. Andere Forscher warnten vor den möglichen Gefahren durch Flüssigkeitsmangel beim Lüftergebrauch.

Ventilatoren sind kein Problem für alte Menschen

Bis es die qualitativ hochwertigen Vergleichsstudien endlich gibt, muss jeder für sich selbst entscheiden, ob der Ventilator für ihn das Richtige ist. Bei älteren Menschen sieht Ralf-Joachim Schulz, Lehrstuhlinhaber für Geriatrie an der Universität Köln, aber keine akuten Probleme durch die ungelöste Ventilatoren-Frage: "Man muss nur bei Patienten vorsichtig sein, die sich nicht dazu äußern können, wie sie die Hitze empfinden", sagt Schulz. "Patienten, die in der Lage sind, sich über ihr Empfinden zu äußern, kann man einen Ventilator anbieten."

Im Alter kommen laut Schulz zwei Dinge zusammen: das gestörte Temperaturempfinden und eine gestörte Regulation des Flüssigkeitshaushaltes. Von daher sei die Frage nach dem Ventilatoreinsatz durchaus berechtigt. Allerdings würde in Kliniken und Pflegeeinrichtungen vor allem auf etwas anderes geachtet, nämlich auf die ausreichende Flüssigkeitsversorgung der Patienten. Wer bei Hitze nicht selbständig täglich einen halben bis einen Liter mehr als üblich trinken könne, bekomme die Flüssigkeit als Infusion unter die Haut, von wo sie der Körper dann umverteilen kann.

Während die Cochrane-Forscher noch darüber rätseln, wie sinnvoll Ventilatoren sind, treibt am anderen Ende der Welt die Angst vor ihnen absurde Blüten: In Korea ist der Glaube verbreitet, wer nachts bei laufenden Rotoren in geschlossenen Räumen schlafe, den ereile der Ventilator-Tod: Flüssigkeitsverlust, Unterkühlung und eine steigende CO2-Konzentration seien verantwortlich für rätselhafte Todesfälle. Deshalb werden dort Ventilatoren mit Zeitschaltuhren verkauft. Eine Erklärung, warum das Phänomen außerhalb Koreas noch niemandem aufgefallen ist, gibt es nicht. Genug Stoff für neue Studien.

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