Gedächtnislücken Nur vergesslich? Oder schon dement?

Vergesslichkeit gehört zum Altern, schon ab 30 beginnt das Gehirn allmählich zu schwächeln. Welche Phänomene gehören zum normalen Alterungsprozess? Und ab wann ist das Vergessen eine Krankheit?
Nerven im Gehirn (Illustration): Ab 50 beginnt der Abbau von Zellen

Nerven im Gehirn (Illustration): Ab 50 beginnt der Abbau von Zellen

Foto: Corbis

Wo ist das Auto geparkt? Hab ich das Geld für die Klassenkasse überwiesen? Was, der Termin war eine Stunde früher? Solche oder ähnliche Aussetzer kennt fast jeder. Sie können peinliche und frustrierende Momente bescheren und anderen eine Vorlage für beißenden Spott bieten - bis auch sie Opfer der eigenen Schusseligkeit werden.

Vergesslichkeit gehört wie abgenutzte Bandscheiben zum normalen Alterungsprozess. "Das menschliche Hirn erreicht seine größte Leistungsfähigkeit mit 30. Danach lassen die Gedächtnisfunktionen allmählich nach", sagt Wolfgang Maier, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

Der normale Abbau von Zellstrukturen beginnt etwa im Alter von 50. Als Erstes schwächelt das Arbeitsgedächtnis, auch als Kurzzeitgedächtnis bekannt. Es speichert Gelesenes, Gehörtes und Gesehenes, hält es abrufbereit und verknüpft es mit dem Langzeitgedächtnis. Allerdings ist der Speicher begrenzt. "Viele merken es im Alter daran, dass sie komplexe Zusammenhänge nicht mehr so gut erfassen können oder vor kurzem Gelerntes einfach nicht hängenbleibt", sagt Maier.

Ebenso schwindet die Fähigkeit zur sogenannten geteilten Aufmerksamkeit - dem gleichzeitigen Auf- und Wahrnehmen. Die Betroffenen vergessen Dinge, auf die sich nicht ihre volle Aufmerksamkeit richtet, sie haben Probleme, gleichzeitig ein Gespräch an der Kasse zu führen und die Geheimzahl der EC-Karte richtig einzutippen. Ein Grund zur Sorge ist das nicht. "Dass beiläufige Handlungen vergessen werden, gehört zum Alterungsprozess und ist meist nicht krankheitsbedingt", so Maier.

Warnzeichen: Orientierungslos in bekannter Umgebung

Doch wie lässt sich eine "gutartige" Vergesslichkeit von einer möglichen Demenz abgrenzen? In der Regel entwickeln sich Demenzerkrankungen erst nach dem 50. Lebensjahr. "Typische Warnzeichen sind sich häufende Wortfindungsstörungen und Orientierungsprobleme in eigentlich bekannter Umgebung", sagt Maier. Meist werden zeitliche Zusammenhänge nicht mehr abgespeichert, oder man weiß am Ende eines Zeitungsartikels nicht mehr, was am Anfang stand. Kritisch ist auch, wenn man trotz voller Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache sich später nicht mehr an sie erinnern kann.

"Bei Gedächtnisproblemen halten wir eine Untersuchung ab 50 generell für sinnvoll", sagt Oliver Peters, Leiter der Gedächtnissprechstunde an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité. Bei 42 Prozent, die in die Sprechstunde kommen, liegt der Vergesslichkeit eine Demenz zugrunde. Die zweithäufigste Ursache sind Depressionen (33 Prozent). Bei weiteren 25 Prozent der Patienten finden Ärzte keine objektiven Gründe. "Allerdings entdecken wir bei diesen Patienten, wenn sie Jahre später wiederkommen, tatsächlich Defizite", sagt Peters. Insbesondere bei Menschen mit hohem Bildungsgrad seien degenerative Erkrankungen des Gehirns durch einfache klinische Tests erst spät nachweisbar.

Erinnerungslücken durch psychische Erkrankungen

"Wenn Vergesslichkeit zu Problemen im Alltag oder Job führt und man selbst darunter leidet, sollte ein Arzt konsultiert werden", rät Peters. "Wir schließen auch Jüngere nicht aus. Voraussetzungen sind, dass sie eine Überweisung vom Hausarzt haben, die Probleme seit mindestens einem halben Jahr bestehen und eine zweite Person die Veränderungen der Merkfähigkeit bestätigen kann." Bei Jüngeren können auch körperliche oder psychische Erkrankungen zu Erinnerungslücken führen. Häufig haben Depressionen, Schlafstörungen, eine Unterfunktion der Schilddrüse, eine ausgeprägte Anämie oder ein Vitamin-B12-Mangel Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen zur Folge.

Handelt es sich um vergleichsweise harmlose Konzentrationsdefizite, nimmt das Gehirn zwar Informationen auf, die aber nicht abgerufen werden können. Ärzte überprüfen dafür, ob sich die Patienten mit Hilfe eines Schlüsselworts wieder erinnern können. Anders verhält es sich mit sogenannten Entcodierungsstörungen, die bei Demenz, aber auch Depressionen auftreten. In dem Fall gelingt es nicht mehr, Informationen überhaupt abzuspeichern. Klarheit bringt dann ein neurobiologischer Test, bei dem im Bereich der Lendenwirbelsäule Hirnwasser entnommen (Liquorpunktion) und auf Demenz-Biomarker untersucht wird.

Häufiger liegen der Vergesslichkeit aber nur ungünstige Bedingungen zugrunde, unter denen etwas abgespeichert wird. "Darüber, ob eine Information hängenbleibt oder gleich wieder im Datenmüll landet, entscheidet nicht zuletzt unser Interesse daran und der emotionale Zustand, in dem wir uns bei der Aufnahme befinden", sagt Peters. Ein dauerhafter "Information-Overload", wie er bei Stress und Überforderung vorkommt, führt ebenfalls zum unkontrollierten Löschen von Erinnerungen aus dem Hirn. "Das ist zwar ärgerlich, aber auch eine Schutzfunktion - und ein Alarmzeichen, sich den Dingen langsamer, konzentrierter und mehr in Ruhe zu widmen."

Tipps gegen die Vergesslichkeit

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