Ein rätselhafter Patient Weißer Fleck im Knie

Diffuse Knieschmerzen plagen seit Monaten eine 61-Jährige. Zum Arzt will sie jedoch nicht - bis sie eines Tages stürzt. Auf den Röntgenaufnahmen machen die Mediziner eine überraschende Entdeckung.

BMJ

Von Cinthia Briseño


Seit einem Jahr schon lebt sie mit den Schmerzen im Knie. Wo genau der Schmerz sitzt, kann sie nicht sagen. Meistens aber ist er nachts schlimmer. Zum Arzt geht die 61-Jährige nicht, obwohl sie ihr Knie nicht richtig bewegen kann. Stattdessen betäubt sie die Schmerzen mit Medikamenten. Erst ein Sturz führt die Knie-Geplagte schließlich doch in die Ambulanz.

Zunächst untersuchen die Ärzte des Agios Pavlos General Hospital in Thessaloniki äußerlich das Knie ihrer Patientin. Eine Schwellung können sie nicht ausmachen. Die Schmerzen, über die die 61-Jährige klagt, sind diffus. Ihr Knie durchstrecken kann sie nicht mehr, die Ärzte notieren eine Einbuße von etwa 30 Grad.

Hat sie sich beim Sturz möglicherweise eine Fraktur zugezogen? Nikolaos Koukoulias erwartet, auf dem Röntgenbild entsprechende Hinweise zu finden. Was er und sein Kollege Stergios Papastergiou aber darauf entdecken, verblüfft die Ärzte. Zwischen Oberschenkel- und Unterschenkelknochen, an jener Stelle wo die Kreuzbänder im Kniegelenk sitzen, sind knöcherne Strukturen zu sehen, strahlend weiß.

Erneut fragen sie bei der Patientin nach. Diese erzählt, dass die Schmerzen vor ungefähr einem Jahr begonnen hatten. Einen Unfall oder Sturz habe sie aber seinerzeit nicht gehabt. Die Ärzte haben einen Verdacht: Handelt es sich möglicherweise um eine Verknöcherung des Innenbands im Kniegelenk?

Dagegen spricht die Position der auffälligen Strukturen. Sie sind in der Mitte des Knies, an den Kreuzbändern zu erkennen. Doch Verknöcherungen des Innenbands kommen häufig vor. Allerdings, und das spricht ebenfalls gegen eine solche Diagnose, ist meistens ein Sturz die Ursache für die Verknöcherung des Innenbands: Durch die Verletzung entsteht ein Hämatom, das schließlich verkalkt und wie ein Knochenschatten im Röntgenbild zu sehen ist.

Seltene Verknöcherung

Eine CT- und eine Kernspin-Aufnahme liefern weitere Details. In der Tat ist nicht das Innenband, sondern vielmehr das hintere Kreuzband der Patientin verknöchert. Ein einzigartiger Fall. Nach Angaben der Ärzte, die im Fachjournal "BMJ Case Reports" darüber berichten, handelt es sich um die erste in der wissenschaftlichen Literatur beschriebene Verknöcherung des hinteren Kreuzbandes, die nicht durch eine Verletzung hervorgerufen wurde.

Die Ursache für die Verkalkung können die Ärzte nicht mit Sicherheit ausmachen. Allerdings vermuten sie, dass diese in der Vorgeschichte der Patientin zu finden ist: Die 61-Jährige ist Epileptikerin und nimmt Medikamente gegen ihre Anfälle. Zudem schluckt sie Präparate aus Kalzium und Vitamin D gegen Osteoporose sowie ein Medikament, das bei Schilddrüsenüberfunktion eingesetzt wird.

Es sei bekannt, schreiben die Mediziner im Fallbericht, dass das Schilddrüsenhormon Thyroxin wichtig für die Bildung von Kollagen ist. Zudem hätte Östrogen bei Frauen nach der Menopause einen Einfluss auf den Stoffwechsel des Bindegewebes. Möglicherweise könnte der Stoffwechsel bei der 61-Jährigen gestört gewesen sein und die Verkalkungen begünstigt haben. Der genaue Zusammenhang aber ließe sich nicht bestimmen.

Helfen können die Ärzte ihrer Patientin aber trotzdem: Über eine Arthroskopie, eine Kniespiegelung, bei der eine Kamera und die Instrumente über kleine Schnitte in das Gelenk eingeführt werden, entfernen sie die Verkalkungen am Kreuzband. Da diese nun keinen Druck mehr auf die Syniovalis, die Innenauskleidung der Gelenkhöhle, ausüben, und so deren Nervenfasern reizen, lässt der Schmerz nach - und die 61-Jährige kann auf ihre Schmerzmittel verzichten.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Surgeon_ 25.08.2012
1. Das
hintere KB dürfte danach aber nicht mehr intakt sein, wenn auch nicht so wichtig wie das vordere KB. Die Patientin sollte darauf und Schonung hingewiesen werden.
albert schulz 25.08.2012
2. man fühlt sich zu helfen berufen
Zitat von Surgeon_hintere KB dürfte danach aber nicht mehr intakt sein, wenn auch nicht so wichtig wie das vordere KB. Die Patientin sollte darauf und Schonung hingewiesen werden.
Vor allem sollte sie viel grünen Tee trinken. Von Fachleuten werden auch Räucherstäbchen empfohlen und tibetanische Musik. Und natürlich gedämpftes Licht, intensiv forcierte Meditation und weitgehend passives Schattenboxen. Die Bewegungslosigkeit ist zu vervollkommnen. In diesem Sonderfall kann sogar das Fernsehen als lindernd empfohlen werden.
Daku85 25.08.2012
3. Danke!
Hoffen wir, dass die Ärzte der Dame den Artikel und den Kommentar lesen und die Information an die Patientin weitergeben... ;)
anigart 26.08.2012
4. Took an arrow to the knee
Habe den Artikel nicht gelesen aber nach der Ueberschrift...
dashaeseken 26.08.2012
5. Meinen Sie das im Ernst oder
"Vor allem sollte sie viel grünen Tee trinken. Von Fachleuten werden auch Räucherstäbchen empfohlen und tibetanische Musik. Und natürlich gedämpftes Licht, intensiv forcierte Meditation und weitgehend passives Schattenboxen. Die Bewegungslosigkeit ist zu vervollkommnen. In diesem Sonderfall kann sogar das Fernsehen als lindernd empfohlen werden." wollen Sie uns hier einen intellektuell-homöopathischen supergroßen Spinnerbär aufbinden ? Ich tippe auf letzteres...
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