Ein rätselhafter Patient Ungebetener Gast

Mit Fieber kommt ein 45-jähriger Mann in die Klinik. Seit Tagen plagen ihn Bauchschmerzen. Ein Röntgenbild hilft nicht weiter, erst in der Computertomografie kommt den Ärzten etwas merkwürdig vor. Der Auslöser der Beschwerden liegt mehrere Monate zurück.

BMJ

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Seit Tagen quälen den Patienten hohes Fieber und Bauchschmerzen. Als er bei den Ärzten in der King Fahad Medical City im saudi-arabischen Riad ankommt, finden sie bei der Untersuchung nichts Ungewöhnliches, berichten Ibrahim Masoodi und seine Kollegen im Fachmagazin "BMJ Case Reports". In der Blutanalyse fällt ihnen eine erhöhte Zahl weißer Blutzellen auf, möglicherweise eine Entzündung. Auch einer der Leberwerte ist etwas zu hoch.

Die Mediziner schicken den Mann weiter zur Ultraschalluntersuchung. Dort wird schnell klar, dass in der Leber etwas nicht stimmt: Im rechten Lappen sehen die Ärzte eine flüssigkeitsgefüllte Höhle, einen Abszess. Der Rest der Leber sieht normal aus, ebenso Gallengänge und die Gallenblase. Noch während sie den Abszess mit dem Ultraschallgerät untersuchen, stechen die Ärzte den Abszess mit einer Nadel an und entleeren ihn nach außen. Eine Probe der Flüssigkeit schicken sie ins Labor, um nach einem möglichen Erreger zu fahnden, der für die Abkapselung verantwortlich sein könnte.

Der Patient bekommt für zehn Tage ein Breitband-Antibiotikum, das gegen eine Vielzahl von Bakterien wirkt. Doch als der Befund aus dem Labor kommt, sind die Mediziner überrascht: Die Flüssigkeit im Abszess ist steril - kein Erreger ist verantwortlich zu machen. Da der Patient nach der Behandlung aber kein Fieber mehr hat und es ihm auch besser geht, schicken die Ärzte ihn nach Hause.

Therapie erfolgreich, Patient schon wieder da

Nur einen Monat später sitzt der Patient wieder vor den Ärzten in der größten Klinik Saudi-Arabiens. Die Ärzte werden misstrauisch, befragen ihn ausführlich. Doch der Mann gibt an, weder Alkohol zu trinken noch Drogen zu missbrauchen. Wieder sehen die Mediziner in der Blutuntersuchung Hinweise für eine Entzündung. Sie lassen ein Röntgenbild machen, das den gesamten Bauch von den Rippenbögen bis hinunter zu den Hüften erfasst. Zu sehen ist nichts Ungewöhnliches.

Schließlich schieben die Ärzte ihren Patienten in einen Computertomografen. Auf den Bildern sehen sie anschließend wieder einen Abszess, diesmal im linken Leberlappen. Die Höhle ist ziemlich groß, mehr als 300 Milliliter Flüssigkeit schwappen in der Abkapselung. Doch den Medizinern fällt noch etwas anderes auf, das sie sich zunächst nicht erklären können: ein über zwei Zentimeter langer dünner Gegenstand.

Einmal quer durch den Bauch

Jetzt wird der Patient zum Fall für die Chirurgen. Die öffnen seinen Bauch und tun das, was ihre Kollegen vor vier Wochen bereits einmal mit einer Nadel getan hatten: Sie schneiden den Abszess auf und entleeren ihn. Doch diesmal sehen sie auch den Fremdkörper, der für die Abkapselung verantwortlich ist: sie bergen eine Fischgräte aus der Abszesshöhle. Doch wie eine Gräte in die Leber gelangen konnte, bleibt zunächst ein Rätsel.

Noch während der Operation fällt den Ärzten auf, dass ein Teil des Bauchfells mit Leber und Gallenblase verwachsen ist, genau an der Stelle, an der Leber und Zwölffingerdarm sich am nächsten kommen. Solche Verwachsungen (Adhäsionen) entstehen, wenn im Inneren des Bauches Verletzungen verheilen, zum Beispiel nach Operationen. Oder wenn ein Fremdkörper Darm und Leber verletzt hat.

Nachdem der Patient die Operation heil überstanden hat, befragen die Ärzte ihn genau. Tatsächlich kann er sich erinnern, Monate zuvor Fisch gegessen zu haben. Beschwerden hatte er damals allerdings keine. Um klären zu können, wie die Fischgräte vom Darm in die Leber gelangt war, untersuchen die Ärzte den Patienten schließlich noch endoskopisch und machen eine Magen-Darm-Spiegelung.

Im Zwölffingerdarm sehen die Ärzte eine chronisch entzündete Schleimhaut und kurz nach dem Ausgang aus dem Magen eine vernarbte Wunde. An dieser Stelle, so schließen sie, muss die Fischgräte die Darmwand durchstoßen haben. Seitdem der Patient nach der Operation aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte er keine Beschwerden mehr.



insgesamt 4 Beiträge
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dr. kaos 14.07.2012
1. Krass!
Interessant finde ich, wie sachlich diese Geschichte dargestellt wird. Aber grade bei Fisch is(s)t man doch vorsichtig genug, um keine Gräte zu verschlucken. Zum Glück gibts auch kompetente Ärzte!
DieButter 14.07.2012
2. Also Entschuldigung...
Das hört sich völlig unglaubwürdig an. Monate zuvor hat der Fisch gegessen, aber den Monat vor der ersten Untersuchung im Ultraschall war der Riesen-Abszess links nicht zu sehen?? Aber rechts einer, von dem man immer noch nicht weiß, woher er kommt. Also ehrlich gesagt, ne Gräte, die die Darmwand durchstößt und dann auch noch durch die Leberkapsel in die Leber hinein, die ja auch noch deutlich fester, als Darmhaut ist... nein?
MedstudDue 14.07.2012
3.
Allerdings fragwürdig wie rechts ein Abszess entstehen kann und daraufhin links, wobei die Argumentation mit der "Leberkapsel" nicht gerade richtig ist, da die Leber keine feste Kapsel aufweist. Wenn die Gräte die einzelnen Schichten des Duodenums durchdrungen hat, ist ein Eintreten in die Leber nicht mehr unwahrscheinlich
Surgeon_ 14.07.2012
4. Doch !
Zitat von MedstudDueAllerdings fragwürdig wie rechts ein Abszess entstehen kann und daraufhin links, wobei die Argumentation mit der "Leberkapsel" nicht gerade richtig ist, da die Leber keine feste Kapsel aufweist. Wenn die Gräte die einzelnen Schichten des Duodenums durchdrungen hat, ist ein Eintreten in die Leber nicht mehr unwahrscheinlich
Die Leber hat eine sog. Kapsel, auch wenn die nicht aus Plastik ist. Am besten mal im Anatomiebuch nachlesen. Siehe auch Milzkapsel, Risse etc pp Dr.med. M.S.
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