Vibrionen in der Ostsee Wie gefährlich sind die "Killerkeime"?

Erst Blaualgen und Zerkarien, jetzt Vibrionen: Keime in Gewässern scheinen zu einer echten Gefahr zu werden, eine Frau starb nach dem Bad in der Ostsee. Doch wie bedrohlich sind die Bazillen wirklich?

Vibrio vulnificus: Temperaturen über 20 Grad begünstigen sein Wachstum
Janice Carr/ James Gathany/ DPA

Vibrio vulnificus: Temperaturen über 20 Grad begünstigen sein Wachstum


Tödliche Badeunfälle gehören im Sommer zum traurigen Alltag. Ein Todesfall nach einem Bad in der Ostsee rüttelt Deutschland aber derzeit besonders auf: Eine 90-Jährige hatte sich beim Schwimmen mit Keimen infiziert und ist daran gestorben. Nun wächst die Angst vor weiteren Fällen, manche Medien schüren die Angst vor "Killerkeimen".

Tatsächlich ist die Frau einer Infektion mit Vibrionen erlegen. Seit 1994 ist bekannt, dass Vibrionen in der Ostsee vorkommen. Wo sich die 90-jährige Frau infiziert hat, möchte Heiko Will, Direktor des Landesamtes für Gesundheit und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern (LAGuS) allerdings nicht offenlegen. Er befürchtet: "Würde ich den Ort nennen, würde ich ihn stigmatisieren." Zudem seien an allen Küstenbereichen der Ostsee Vibrionen festgestellt worden. Was aber genau zeichnet die Keime aus? Und wie real ist die Gefahr für alle Badegäste? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Was sind Vibronen?

Vibrionen sind Bakterien und gehören zur Gattung der Vibrio. Wegen ihrer Stäbchenform werden sie auch Stäbchenbakterien (Bazillen) genannt. Es gibt viele verschiedene Vibrionenarten. Zwölf von ihnen sind dafür bekannt, Erkrankungen beim Menschen auszulösen. Am bekanntesten ist wohl V. cholerae, das die Durchfallerkrankung Cholera auslöst. In Deutschland präsent ist dagegen das Bakterium V. vulnificus, das Wundinfektionen verursacht.

Wo kommen die Bakterien vor?

Vibrionen sind ein natürlicher Bestandteil salzhaltiger Gewässer, beispielsweise der Ostsee. In Teilen leben diese Bakterien auch in der Nordsee, dort aber überwiegend in Regionen, wo der Salzgehalt durch die Süßwasserzufuhr gering ist. Bei niedrigen Temperaturen leben die Vibrionen im Meeresboden. Ein Temperaturanstieg des Gewässers auf mehr als 20 Grad begünstigt Wachstum und Ausbreitung der Bakterien. Ihre Ausbreitung zu verhindern, ist allerdings kaum möglich, heißt es in einem Bericht des Umweltbundesamtes.

Wie gefährlich sind Vibrionen für den Menschen?

Menschen mit chronischen Vorerkrankungen wie Diabetes und einem geschwächten Immunsystem gelten als Risikogruppe. Auch das Alter spielt eine Rolle. "Je älter, desto schwächer das Immunsystem", erklärt Heiko Will. Daher haben Menschen über fünfzig ein höheres Risiko, an einer Vibrionen-Infektion zu erkranken, als jüngere Personengruppen. Personen mit einem geschwächten Immunsystem leiden stärker unter der Erkrankung.

Symptome und Krankheitsverlauf hängen davon ab, auf welchem Weg die Erreger in den Körper gelangen. Bereits kleine Verletzungen der Haut reichen den Bakterien als Eintrittsstelle. Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem kommt es dann zu einer Wundinfektion. Im weiteren Verlauf breiten sich die Bakterien im Körper aus und führen zu einer lebensgefährlichen Blutvergiftung. In 60 Prozent der Fälle verläuft diese tödlich. Durchfall und Fieber verursachen die Bakterien, wenn sie über Meeresfrüchte oder das Trinkwasser aufgenommen werden. Lebensgefahr besteht in diesem Fall aber nicht.

Bis zum Ausbruch der Infektionserkrankung können 12 bis 72 Stunden vergehen.

Wie kann man sich vor einer Infektion schützen?

Das Umweltbundesamt ruft Ärzte und Behörden dazu auf, Badegäste und Patienten auf die Gefahr hinzuweisen, die von Vibrionen ausgeht. Experten raten Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, chronischen Vorerkrankungen oder Verletzungen dazu, den Kontakt mit kontaminiertem Wasser zu vermeiden. Wer sich nicht sicher ist, ob Vibrionen im Wasser schwimmen, sollte vorher bei den zuständigen Gesundheitsbehörden nachfragen.

Wer sich im Süden Europas aufhält, sollte zudem auf Sushi und Meeresfrüchte verzichten, so Will. Dort sind die Temperaturen höher und damit auch die Wahrscheinlichkeit, sich mit den Bakterien zu infizieren.

Hilfe, ich habe mich infiziert - was nun?

Weil eine Infektion bisher als selten galt, werden Vibrione als Ursache von schweren Wundinfektionen oft nicht oder zu spät erkannt. Bei Verdacht auf eine Infektion durch das Bakterium sollten Betroffene ihren Arzt auf den Kontakt mit Wasser hinweisen. Bestätigt sich der Verdacht, verabreichen Ärzte ein Antibiotikum. Im schlimmsten Fall muss eine Wundinfektion mit einem chirurgischen Eingriff behandelt werden.

Wie v iele Infektions- und Todesfälle gab es bisher?

Seit 2003 registriert das LAGuS die Fälle der Vibrioneninfektionen. Den Angaben des Landesamtes zufolge ist die Zahl der Infektionen aber nicht sprunghaft gestiegen. In den letzten 16 Jahren sind insgesamt 51 Personen an einer Infektion erkrankt, acht sind an den Folgen gestorben. "Angesichts der etwa 90 Millionen Badegäste, die seit 2003 Urlaub an der Ostsee gemacht haben", sagt Heiko Will, "ist die Zahl aber sehr gering."

ctl

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