Schmerzen Viele Schulteroperationen sind überflüssig

Bei Schulterschmerzen operieren Ärzte oft, doch der Eingriff verbessert die Situation kaum. Viel häufiger müssten Mediziner auf Physiotherapie und Schmerzmittel setzen.

Schmerzen beim Anheben des Arms über die Schulter, beim Liegen auf der Seite, bei Drehbewegungen: Ist der Raum zwischen dem Schulterblatt und dem Oberarmkopf zu eng, beginnen die darin liegenden Sehnen wehzutun. Mehr als zwei Drittel aller Patienten mit Schulterschmerzen leiden an einem solchen Engpass-Syndrom der Schulter, auch Impingement genannt. Viele von ihnen werden operiert - unnötigerweise, wie eine aktuell im Fachmagazin "The Lancet" publizierte Studie  nahelegt.

Um die Schmerzen zu lindern, nehmen Ärzte mitunter eine sogenannte Schulterblatt-Erweiterung vor: Bei diesem auch Dekompression genannten minimal-invasiven Eingriff tragen sie Knochenmaterial oder Gewebe ab. So wollen sie Raum schaffen und den Druck auf die Sehnen nehmen. Auf zahlreiche dieser Eingriffe kann aber womöglich verzichtet werden.

Für ihre Untersuchung teilten die britischen Wissenschaftler um David Beard von der University of Oxford rund 300 Patienten in drei Gruppen ein: Ein Drittel von ihnen wurde operiert und dabei wurden Knochenreste und Gewebe abgetragen. Die zweite Gruppe kam zwar ebenfalls unters Messer, allerdings nur für eine sogenannte Arthroskopie. Dabei betrachten die Ärzte das Gelenk lediglich mit einer Optik von innen, um das Ausmaß der Schädigung einzuschätzen. Gewebe entfernen sie dabei nicht.

Schein-OP oder echter Eingriff?

Welcher dieser beiden Gruppen die Probanden zugeordnet wurden, ob sie also tatsächlich oder nur scheinbar operiert wurden, wussten sie nicht. Als Kontrollgruppe diente das letzte Drittel der Teilnehmer, die keine Therapie bekamen.

Zu Beginn, nach sechs und zwölf Monaten überprüften die Forscher mithilfe von standardisierten Fragebögen, wie groß die Schmerzen waren und welche Bewegungen im Alltag schwerfielen. Das Ergebnis: Zwischen den beiden Operationsgruppen gab es keinen messbaren Unterschied. Im Vergleich zu den Kontrollprobanden schnitten die beiden ersten Gruppen zwar besser ab, klinisch relevant war dieser Unterschied aber nicht, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Sie gehen davon aus, dass die Verbesserung auf den Placebo-Effekt zurückzuführen ist.

"Die Ergebnisse unserer Studie deuten an, dass Operationen keinen klinisch bedeutenden Vorteil gegenüber dem Verzicht auf eine Behandlung bieten, und dass die Schulterblatt-Erweiterung nicht besser ist als ein Placebo-Eingriff", erklärt Studienautor Andrew Carr von der University of Oxford. Und David Beard betont, dass statt auf die Eingriffe eher auf Schmerzmittel und Physiotherapie gesetzt werden sollte.

Durch Kosten verführt

Auch der Chirurg Felix Zeifang von der Universität Heidelberg ist davon überzeugt, dass die Schulterblatt-Operationen trotz bereits bekannter Kritik noch zu häufig durchgeführt werden. Dabei könnten Behandlungen wie etwa Physiotherapie mindestens zwei von drei Patienten helfen würden. "Erst nach Monaten erfolgloser konservativer Therapie ist eine Operation zu diskutieren", sagt Zeifang.

Auch in Deutschland wird zu häufig operiert, das hat zuletzt wieder eine Umfrage unter Ärzten und Geschäftsführern aus Krankenhäusern ergeben. Bislang verführe das deutsche Gesundheitssystem Ärzte dazu, häufiger zu operieren, "um vorhandene OP-Kapazitäten, den eigenen OP-Katalog oder das eigene Konto zu füllen", erklärt Stefan Sauerland vom Medizin-Prüfinstitut IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen).

Vor knapp zwei Jahren sei auf Basis von ähnlichen Ergebnissen bereits die Gelenkspiegelung bei Kniegelenkarthrose aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen entfernt worden. Dies solle nun auch für die Schultereingriffe diskutiert werden, sagt Sauerland. Aber auch Patienten müssten lernen, so Sauerland, "dass mehr Medizin nicht unbedingt bessere, sondern oft sogar schlechtere Medizin ist".

hei/dpa