Oberster Kassenzahnarzt Deutschlands "Wir haben die Parodontitis nicht im Griff"

Wolfgang Eßer wurde gerade zum obersten Kassenzahnarzt Deutschlands gewählt. Im Interview kritisiert der Mediziner den harten Wettbewerb um Patienten und erklärt, wie er die grassierende Parodontitis bekämpfen will.
Besuch beim Zahnarzt: Karies ist nur noch ein geringes Problem

Besuch beim Zahnarzt: Karies ist nur noch ein geringes Problem

Foto: Corbis

Dr. Wolfgang Eßer, geboren 1954, machte sein Staatsexamen nach dem Zahnmedizinstudium 1978 in Tübingen. Von 1982 bis 2012 hatte er eine eigene Praxis in Mönchengladbach. Seit 2002 ist er Vorstandsmitglied der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), die die zahnärztliche Versorgung im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung sicherstellt. Am 6. November 2013 wurde er zum Vorstandsvorsitzenden gewählt. Eßer ist verheiratet und hat vier Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Als Chef der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) sind Sie zuständig für mehr als 60.000 Zahnärzte mit Kassenzulassung in Deutschland, die unter zunehmendem Wettbewerbsdruck stehen, Werbung machen und teils abrechnen zwischen Dumping und Mondpreisen. Patienten verunsichert das. Wo steht die Zahnmedizin?

Eßer: Im Wettbewerb, aber leider vor allem im Wettbewerb um den Preis statt um die beste Versorgung. Die Zahnärzte sind zunehmend in eine Unternehmerrolle gedrängt worden, weil das gesamte Gesundheitssystem durch politische Weichenstellungen zunehmend ökonomisiert wurde. Das sehe ich mit großer Sorge. Wir müssen Wettbewerb neu definieren.

SPIEGEL ONLINE : Was unternehmen Sie gegen schwarze Schafe, die sehr üppig abrechnen?

Eßer: Hinter hohen Preisen müssen gute Gründe stehen. Fehlentwicklungen diskutieren wir in der Kollegenschaft. Der Patient muss transparent aufgeklärt werden, trägt aber auch eine eigene Verantwortung, nichts blind zu unterschreiben. Das ist ähnlich wie bei anderen Geschäften und Verträgen. Patienten können sich jederzeit kostenlos bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) oder bei den Beratungsstellen der Zahnärzteorganisationen informieren.

SPIEGEL ONLINE: Beim Thema Karies steht Deutschland international sehr gut da. Aber "besiegt", wie es ab und an heißt, ist sie noch nicht.

Eßer: Nein, aber generell muss heute niemand mehr durch Karies Zähne verlieren. Die Krankheitslast ist bei uns von 1991 bis 2012 um 40 Prozent zurückgegangen. 70 Prozent der Kinder und 50 Prozent der Jugendlichen haben heute ein kariesfreies Gebiss. Die Aufklärung der Bevölkerung, das geänderte Bewusstsein für Mundgesundheit und die Einführung der Prophylaxe bei Kindern hat zu einer nachhaltigen Verbesserung geführt. Wir haben die Karies im Griff.

SPIEGEL ONLINE : Aber bei Kleinkindern ist Karies noch ein Problem, gerade in sozial schwachen Familien. Wie lässt sich das verändern?

Eßer: Wir werden im Januar ein Konzept vorlegen für eine Kooperation zwischen Zahnärzten und Kinderärzten. Ziel ist es, Kinder zwischen null und drei Jahren über die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt eher zum Zahnarzt zu bringen. Denn Milchzahnkaries hat Folgen für das bleibende Gebiss. Vor allem die "Nuckelflaschenkaries", die durch ständigen Konsum süßer und säurehaltiger Getränke wie zum Beispiel Fruchtsäfte entsteht, schädigt die Zähne. Da kann man den Kindern viel Leid ersparen.

SPIEGEL ONLINE: Auch Pflegebedürftige haben zu selten Kontakt zum Zahnarzt. Gerade Menschen in Pflegeheimen, das haben Untersuchungen gezeigt, leiden sehr unter mangelnder Mundhygiene.

Eßer: Das ist richtig. Es gibt ein Versorgungskonzept der Zahnärzteschaft für Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderung. Erste Teile davon sind seit kurzem umgesetzt und ermöglichen eine Zahnbehandlung auch außerhalb der Praxis mit mehr Zeit- und Personalaufwand. Aber nicht nur die Betreuung zu Hause, sondern auch die Betreuung von Pflegebedürftigen in stationären Einrichtungen muss verbessert werden. Unser Ziel sind Kooperationsverträge mit Pflegeeinrichtungen, so dass idealerweise jedes Pflegeheim einen Zahnarzt hat. Wir stehen in Verhandlungen, entsprechende präventive und therapeutische Maßnahmen in den Leistungskatalog der Kassen aufzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Parodontitis, eine bakteriell bedingte Entzündung der Zahnverankerung, ist eine Volkskrankheit, wird aber immer noch unterschätzt. Die umfangreiche Therapie wird nur teilweise von den Kassen bezahlt. Wie können Sie hier die Versorgung sichern?

Eßer: Das haben wir vor mehr als zehn Jahren bereits versucht, aber die gesamte Therapie als gesetzliche Leistung war nach Aussage der Krankenkassen nicht finanzierbar. Wir haben die Parodontitis nicht im Griff, wir können unseren Versorgungsauftrag nicht erfüllen. Deshalb prüfen wir nun Modelle mit einer Kombination aus Kassen- und Eigenleistung. Wir hoffen, dass die Kassen einen größeren Umfang übernehmen, denn ohne bessere Erfolge in der Parodontitisbehandlung gehen viele Zähne verloren. Wenn es um Mehrausgaben geht, entscheiden aber Zahnärzte und Kassen nicht allein, sondern auch die Politik.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben für die Vorstandsarbeit Ihre eigene Praxis aufgegeben. Was ist heute das richtige Konzept für eine Praxis?

Eßer: Mein Weg war ein Präventionskonzept. Ich habe mich ganz bewusst auf eine Expertise in bestimmten Bereichen beschränkt, und zwar auf die Vorbeugung. Je mehr man Patienten zu regelmäßiger Mundhygiene und regelmäßigen Kontrollterminen motiviert, desto weniger muss man reparieren. Eine erfolgreiche und befriedigende Arbeit.

Zähne-Quiz
Das Interview führte Tanja Wolf