Internationaler Bericht Wie der Klimawandel krank macht

Wenn sich das Klima verändert, beeinflusst das die Gesundheit der Menschen weltweit auf vielfältige Weise. Wie sich steigende Temperaturen - und Gegenmaßnahmen - auswirken, haben Forscher jetzt veröffentlicht.

Wie wird die Welt aussehen, wenn diese beiden Kinder alt sind?
Mike Crane/ Getty Images

Wie wird die Welt aussehen, wenn diese beiden Kinder alt sind?

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Ein Kind, das heute zur Welt kommt, könnte am 71. Geburtstag eine Welt erleben, die im Schnitt vier Grad wärmer geworden ist. Möglicherweise hat es Zeiten erlebt, in denen das Essen knapp wurde, weil die steigenden Temperaturen die Erträge von Mais, Soja und Reis gesenkt haben.

Sein Leben lang hat es Luft eingeatmet, die durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe belastet war, und hat deshalb möglicherweise Asthma entwickelt. Möglicherweise hat es mit 71 Jahren auch schon einen Herzinfarkt erlitten, denn das Risiko dafür wird durch verschmutzte Luft erhöht. Es hat mitbekommen, wie sich tropische Krankheitserreger in neue Gebiete ausgebreitet haben. In seiner späteren Lebensphase hat es vermutlich häufiger längere Dürrephasen erlebt und von schweren Überflutungen gehört oder war sogar betroffen von Waldbränden in der Nähe.

Im Alter machen ihm die Hitzewellen besonders zu schaffen, denn dass starke Hitze Senioren besonders stark zusetzt, das hat sich nicht geändert.

Es könnte anders sein

Die Welt, in der das Baby von heute in 71 Jahren leben wird, könnte so aussehen. Sie könnte sich aber auch ganz anders gestalten, wenn die Welt das in Paris vereinbarte Zwei-Grad-Ziel mit aller Kraft umsetzt: Dann hätte das Kind an seinem elften Geburtstag mitbekommen, dass Kanada keine Kohle mehr nutzt. An seinem 21. Geburtstag würden alle Autos mit Verbrennungsmotor in Frankreich verboten. Wenn es 31 wird, würde der Kohlendioxidausstoß der Menschheit unterm Strich bei null liegen. Wichtige Nebeneffekte dieser und weiterer Maßnahmen gegen den Klimawandel: sauberere Luft und sauberes Trinkwasser.

Ein internationales Team von Forscherinnen und Forschern hat im medizinischen Fachblatt "The Lancet" seinen jährlichen Bericht dazu veröffentlicht, wie der Klimawandel die Gesundheit beeinflusst. Die 2016 gegründete Gruppe besteht aus 120 Experten von 35 verschiedenen Institutionen, darunter die Weltgesundheitsorganisation WHO, die Weltbank und zahlreiche Universitäten. Die Gruppe geht zahlreiche Bereiche durch, in denen Klimawandel und Gesundheit miteinander verwoben sind. Zwei Beispiele:

1. Krankheitserreger profitieren von höheren Temperaturen

Höhere Temperaturen begünstigen die Ausbreitung diverser Krankheitserreger. Dies gilt etwa für die sogenannten Vibrionen. Diese Bakterien finden sich auch in der Ostsee und gedeihen besser in warmem Wasser. Die Zahl der Tage, an denen sich Vibrionen aufgrund der Temperatur in der Ostsee ausbreiten können, hat sich laut Bericht seit den Achtzigerjahren verdoppelt. Im Jahr 2018 waren es 107 Tage, das ist der bisherige Rekord. In Einzelfällen sind sogar schon Menschen an einer Vibrioneninfektion gestorben, die sie sich beim Baden in der Ostsee zugezogen hatten.

Verändert sich das Klima, können sich Krankheitserreger und Krankheiten übertragende Stechmücken in Regionen ausbreiten, die für sie zuvor zu kalt waren. Erst vor Kurzem wurde beispielsweise bekannt, dass in Deutschland wohl Hunderte Menschen das West-Nil-Fieber hatten. Zuvor war der Erreger hierzulande - abgesehen von einem Fall, bei dem sich ein Tierarzt in Bayern bei der Untersuchung eines Vogels infiziert hatte - nur in seltenen Fällen bei Urlaubern nachgewiesen worden.

Alina Herrmann vom Heidelberger Institut für Global Health, die an dem "Lancet"-Bericht nicht beteiligt war, sagt, aktuell sei das Risiko gering, dass sich in Deutschland neue, durch Mücken übertragene Krankheiten etablierten. "Jedoch hat es in den vergangenen Jahren in Europa schon punktuelle Ausbrüche von tropischen Infektionserkrankungen, wie Dengue- oder Chikungunyafieber gegeben."

2. Hitzewellen fordern Tausende Todesopfer

Kein Blick in die Zukunft, sondern bereits einer in die Vergangenheit: 2018 erlebte Deutschland einen extremen Hitzesommer. Solche Hitzewellen führen zu Tausenden Todesfällen. Gefährdet sind vor allem Menschen über 75 Jahre, chronisch Kranke und Säuglinge. "Es gibt in Deutschland seit 2017 offizielle Empfehlungen, Hitzeaktionspläne auf kommunaler oder Landesebene zu etablieren, die auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation von 2008 aufbauen. Bisher fehlt deren Umsetzung jedoch vielerorts", sagt Forscherin Herrmann.

Was dem Klima nutzt, kann auch gesund sein

Der Bericht zeigt, welche gesundheitlichen Vorteile zu erwarten sind, wenn Staaten das in Paris vereinbarte Klimaziel einhalten. Beispielsweise ist längst bekannt, dass die Gesundheit profitiert, wenn Menschen häufiger Strecken mit dem Rad zurücklegen, statt Auto zu fahren. Auch weiß man, dass ein Ausbau der Radinfrastruktur dazu führt, dass sich mehr Menschen aufs Rad setzen. Mehr Fahrräder bedeuten weniger Autos - und das bedeutet auch: weniger Luftverschmutzung. Das wiederum ist gut für Lunge und Herz-Kreislauf-System.

Gesundheitswissenschaftler Florian Fischer von der Uni Bielefeld meint: "Deshalb kann der 'Lancet'-Countdown vielleicht dazu dienen, Klimaschutz immer auch als Gesundheitsschutz zu verstehen."

Ob die Welt auf dem richtigen Weg ist - die Frage können die Forscher nicht abschließend beantworten. Viele im Bericht festgehaltenen Entwicklungen seien sehr besorgniserregend, schreiben sie. Aber es gebe auch ermutigende Beispiele, sodass verhaltener Optimismus angebracht sei.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, Alina Herrmann sei an dem "Lancet"-Bericht beteiligt. Das stimmt nicht, wir haben den Fehler korrigiert.



insgesamt 74 Beiträge
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Pfaffenwinkel 14.11.2019
1. Hitzewellen sind mörderisch
Als chronisch kranker Senior ist mir in den vergangenen zwei Jahren klar geworden, dass ich gute Chancen habe, Opfer der nächsten Hitzewelle zu werden. Wir müssen jetzt handeln, damit unsere Enkel noch auf dieser Erde leben können.
jjcamera 14.11.2019
2. Glücklich
Schlechte Luft macht krank und verkürzt die Lebensrerwartung. Diese Erkenntnis hätte zu Beginn der industriellen Revolution vor etwa 150 Jahren ein Leitmotiv sein müssen, denn dann würden wir heute in einer Agrargesellschaft ohne Autos, Flugzeuge, Computer, Kommunikationsgeräte und Kosumgüter leben und gesund und glücklich sein.
stingary_smith 14.11.2019
3.
Der Klimawandel kommt so oder so. Siehe Erdgeschichte. Es trifft dann eben die Urenkel. Ändern kann daran niemand etwas.
SummseMann 14.11.2019
4. Natürlicher Wandel ist unaufhaltsam
Bisher konnte in keinem Versuch nachgewiesen werden, dass CO2 ein Gasvolumen erhitzt, wenn die Sonne drauf scheint. Es gibt auch keine einzige Veröffentlichung, die das behauptet. Weltweit sind etwa 33% aller Klimawissenschaftler davon überzeugt, dass das Klima von Menschen beeinflusst wird. Die meisten übrigen Wissenschaftler beziehen dazu in ihren Veröffentlichungen keine Stellung. Derzeit (~letzte 10000 Jahre) ist der CO2 Gehalt in der Athmosphäre so gering wie in den letzten 60 Millionen Jahren nicht mehr. Derzeit (~letzte 100000 Jahre) befinden wir uns in der kältesten Periode der letzten 60 Millionen Jahre. Es wird wärmer, weil es zu kalt ist, aufgrund von Milankovitch Zyklen, Geologievorlesung 1. und 2. Semester. Ich glaube, das Schlimmste für die Menscheit ist nicht der Klimawandel, sondern eines Tages die Erkenntnis, dass wir Menschen nichts dagegen tun können, weil es enfach schon immer passiert ist. Natürlich hat der Mensch Einfluss genommen, aber der natülich Klimawandel ist Fakt wie der Kontinentaldrift. Früher kein Problem bei den paar Menschen, jetzt riesen Problem bei 7,8 Mrd. und 50% kommen noch auf alle Fälle dazu. Wo könnte da das Hauptproblem liegen...
geradsteller 14.11.2019
5. Vielleicht macht der News-Wandel krank
Artikel mit "möglicherweise" sollten einer sizilianischen Großmutter sicher auch nicht erzählen, was ein Sommer ist. Und Menschen, die "möglicherweise" und an "Enkel" denken, haben das Jetzt und die Realität verloren. Und ja, erdgeschichtlich wird es immer wärmer. Und ja, irgendwann ist Es auch auf diesem Planet Zu heiss, zu voll, zu Ende. Ist und bleibt so.
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