Fiasko beim Orthopäden Der verratene Daumen

Rücken, Fuß und Daumen machen Probleme, doch die Suche nach einem guten Orthopäden ist für Jens Lubbadeh die reinste Odyssee: Drei schmerzhafte Monate muss er auf einen Termin beim Arzt warten - der am Ende zum Ene-mene-muh-Spiel mit seinen Körperteilen verkommt.

Arzt und Patient: Sprechstunden verkommen immer häufiger zu Blitz-Gesprächen
Corbis

Arzt und Patient: Sprechstunden verkommen immer häufiger zu Blitz-Gesprächen


"In zehn Minuten kommt der nächste Patient", sagte er. "Ich kann Sie maximal wegen zwei Angelegenheiten behandeln. Suchen Sie es sich aus." Ich war fassungslos. Hatte mich dieser Arzt wirklich gerade dazu aufgefordert, dass ich mich zwischen der Behandlung verschiedener Körperteile entscheiden müsse?

Drei Monate hatte ich auf den Termin beim Orthopäden gewartet. Seit rund einem Jahr plagten mich übelste Rückenschmerzen. Rechts unten, über dem Becken. Teilweise so schlimm, dass ich nicht mehr liegen konnte. Doch in diesen drei Monaten hatten sich noch weitere orthopädische Problemzonen angesammelt. Mein linker Fuß schmerzte seit einiger Zeit so sehr, dass ich humpelte. Und mein rechter Daumen war schon ganz lange ein Problemkind. Manchmal springt er kurz aus dem Gelenk, wenn ich ihn zu fest belaste. Kennen Sie das Geräusch, wenn man einem Grillhähnchen den Flügel herausdreht? So ungefähr hört sich das an.

Besuch beim Top-Orthopäden

Nur bin ich kein totes Grillhähnchen, sondern ein lebendiger, empfindsamer Mensch. Nach zwei Tagen ist der Schmerz weg und alles scheint wieder in Ordnung und jedes mal denke ich dann, ist doch halb so wild. Aber was, wenn man mal an einer Felsklippe hängt? Dann kann ein funktionstüchtiger Daumen über Leben und Tod entscheiden. Also beschloss ich, dass sich mein Besuch bei diesem Top-Orthopäden in Hamburg-Pöseldorf auch lohnen sollte.

"Ich habe drei Monate lang auf diesen Termin gewartet!", antwortete ich empört.

"Dann müssen Sie einen neuen Termin machen. Drei Sachen auf einmal, das geht nicht."

Ich kam mir vor wie in einem Feldlazarett im Ersten Weltkrieg: "Ihr rechter Arm muss angenäht werden", sagt mir der Doktor mit den hochgekrempelten blutbespritzten Ärmeln. "Sie haben außerdem Wundbrand am linken Fuß, den müssen wir absägen und die drei Kugeln in Ihrem Rücken sollten wir auch rausholen. Wir haben nur ein Problem: Das Morphium ist alle, die Krankenschwester hat die Ruhr und ich habe seit 76 Stunden nicht mehr geschlafen. Also Soldat, Sie haben eine Operation frei - wählen Sie."

Eine unmoralische Entscheidung

Aber das hier war kein Krieg. Jedenfalls noch nicht. Was sollte dieses Ene-mene-muh-Spiel mit meinen Körperteilen? Es war eine unmögliche, unmoralische Entscheidung und doch sagte ich: "Dann nehmen Sie Rücken und Fuß." Im gleichen Moment hasste ich es, dazu gezwungen zu sein, meinen rechten Daumen zu verraten.

Am Ende behandelte er mich doch länger als zehn Minuten, vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen. Beim Hinausgehen sah ich schon die nächste Patientin auf mich zukommen. Eine junge Frau, die ihn vorwurfsvoll ansah. Er entschuldigte sich überschwänglich, dass sie so lange hatte warten müssen. Ich wette meinen linken Daumen, dass sie Privatpatientin ist!

Ich musste irgend etwas tun. Ich überlegte, einen Beschwerdebrief an die Ärztekammer zu schreiben. Aber ich war unsicher: Wäre es nicht fairer, ihm meine Kritik direkt ins Gesicht zu sagen? Doch dann müsste ich ja wieder einen Termin machen und drei Monate warten. Oder sollte ich ihm einen Brief schreiben? Den würde er doch sicher nicht ernst nehmen - wie auch, er hatte mich ja noch nicht mal persönlich ernst genommen!

Und ich zweifelte, ob diese Beschwerde überhaupt angemessen war. Wegen eines Daumens? Andere Leute haben vergessenes OP-Besteck in ihrem Bauch. Und außerdem: Der Mann ist immerhin Arzt. War das nicht Halbgotteslästerung? Früher waren Ärzte noch Respektspersonen. Widerspruch undenkbar. Erstaunlich, wie sich die Eliten in den letzten Jahren auflösen: Patienten widersprechen Ärzten, Internet-Nerds erwischen Verteidigungsminister beim Schummeln, selbst Bundespräsidenten müssen sich vorsehen. Aber Elite sein, das muss man sich erst einmal verdienen. Und als Arzt Behandlungen zu verweigern, war da nicht hilfreich. Könnte man hier nicht schon von einem hippokratischen Meineid sprechen?

Ich schrieb den Brief, und kam mir doch ein bisschen vor wie Knöllchen-Horst. Kennen Sie Knöllchen-Horst? Das ist ein Frührentner in Osterode, der seit Jahren Autofahrern das Leben schwer macht. 30.000 Verkehrssünder und Falschparker hat er angeblich schon angezeigt. Nein, so wie Knöllchen-Horst wollte ich nicht sein.

Ich mach's kurz: Nein, die Ärztekammer entzog Doktor No nicht die Approbation. Sie versetzte ihn auch nicht nach Afghanistan. Doktor No musste lediglich eine Stellungnahme zu dem Vorgang abgeben. Das tat er und entschuldigte sich auch, allerdings nicht für den verschmähten Daumen, sondern dafür, dass es ihm offenbar nicht gelungen sei, mir zu erklären, was ich eigentlich für ein Problem habe. Am Ende befanden die Kammerlinge, dass ein Verstoß gegen die Berufsordnung nicht vorliege.

Wozu das Ganze, fragen Sie? Ich denke, ich war es mir und meinem Daumen einfach schuldig. Und vielleicht nimmt sich Doktor No ja beim nächsten Patienten mehr Zeit. Ich drücke ihm jedenfalls beide Daumen.



insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
mollizi 26.06.2012
1. ein typisches Erlebnis beim Orthopäden
Diesem Beitrag kann ich nur zustimmen. Ich wette, dass jeder schon einmal ein solches Erfolgserlebnis hatte: trotz extremer Rückenschmerzen ist es unmöglich, einen zeitnahen Termin beim Orthopäden zu bekommen. Ist man endlich dran, hat der Herr Doktor kaum Zeit, weil das Wartezimmer voll ist, hört gar nicht richtig zu und verschreibt sinnlose Therapien. Der nächste Privatpatient wartet schon - der ist nämlich lukrativer..... Da hilft nur: Notfallaufnahme im krankenhaus; da wird man wenigstens behandelt, auch wenn's unser Kassensystem mehr kostet....
Spiegelleserin57 26.06.2012
2. woanders genauso!
die Suche nach einem qualifizierten Orthopäden ist extrem schwer und die Terminabsprache gestaltet sich sehr langwierig. Diese Erfahrung mußte ich auch machen, 3 Monate ist schon fast normal. ...mit einem Unterschied...wenn man privat ist....auch das habe ich probiert.....nur die Hochqualifizierten haben bei Privaten das gleiche Problem weil sie überlastet sind. Bei fast allen Ärzten ist eine Wartezeit von ca. 8 wochen normal mit eben dieser einen Ausnahme..... Bin gespannt wie sich die Lage ändert wenn die Privaten mal abgeschafft sind....und wir langsam amerikanische Verhältnisse bekommen mit einer großen Lobby von Anwälten für Medizinrecht...dieser Zweig boomt in Deutschland zur Zeit!
mulhollanddriver 26.06.2012
3.
In den vergangenen Wochen wird hier beim Spiegel immer mal wieder gegen private Krankenversicherungen Stimmung gemacht. Mit einer solchen Versicherung wären Sie beim Arzt anders behandelt worden.
sergiii 26.06.2012
4. Deutschland
Wenn wir Deutschen nur mal nichts zu nörgeln hätten...
Markenfetischist 26.06.2012
5.
Zitat von mulhollanddriverIn den vergangenen Wochen wird hier beim Spiegel immer mal wieder gegen private Krankenversicherungen Stimmung gemacht. Mit einer solchen Versicherung wären Sie beim Arzt anders behandelt worden.
Ohne private Krankenkassen hierzulande aber erst recht.
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