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Ein rätselhafter Patient Warum schmerzt die Schulter beim Training?

Im Corona-Lockdown radelt der passionierte Sportler auf dem Heimtrainer – als plötzlich Schmerzen beginnen. Sind sie die Spätfolge eines Unfalls? Oder steckt eine andere Ursache dahinter?
Von Nina Weber

Als Italien während der Coronapandemie 2020 einen Lockdown verhängt, schwingt sich der sportliche 58-Jährige auf einen Heimtrainer und tritt dort in die Pedale. Normalerweise fährt er pro Woche etwa 120 Kilometer mit dem Fahrrad, nun will er drinnen in Bewegung bleiben.

Beim Trainieren durchzuckt ihn ein stechender Schmerz im rechten Schulterbereich. Anschließend fühlt sich sein rechter Arm taub und schwach an. Der Mann macht ein paar Dehnungsübungen, während er weiter radelt, die akuten Beschwerden verschwinden nach wenigen Minuten.

Sein Nacken und seine Schultern sind allerdings verspannt, auch weiteres Stretching ändert daran nichts. Auch der rechte Arm schmerzt erneut. Nach etwa einem Monat sucht der Mann Hilfe bei einem Physiotherapeuten.

Beim Radunfall sechs Rippen und das Schlüsselbein gebrochen

Bei dem Termin erwähnt er einen schweren Fahrradunfall, den er ein Jahr zuvor hatte. Der Mann hatte sich damals sechs obere Rippen und das Schlüsselbein gebrochen. Ansonsten hat er nichts Ungewöhnliches zu seiner Krankengeschichte zu berichten. Kein Gewichtsverlust, keine Schlafprobleme, keine Krebsdiagnose, er raucht nicht und trinkt auch nicht übermäßig Alkohol.

Bei der körperlichen Untersuchung lässt sich zunächst keine eindeutige Diagnose stellen. Der Patient beschreibt, dass die Beschwerden im rechten Arm vor allem in bestimmten Positionen auftreten, etwa wenn er auf dem Heimtrainer fährt oder am Laptop arbeitet. Der Mann schildert mehrere Symptome: Kribbeln, brennenden Schmerz und Taubheitsgefühle.

Hat er möglicherweise ein sogenanntes Thoracic-Outlet-Syndrom, kurz TOS? Bei diesem liegt ein störender Engpass vor: Knochen oder Muskeln quetschen die Nerven, Blutgefäße oder beides. Zu den Folgen können Schmerzen, Taubheit und Schwäche im betroffenen Arm zählen – das passt zu der Beschreibung des Patienten. Eine mögliche Ursache des Syndroms sind tatsächlich Unfälle, selten sind Tumore dafür verantwortlich.

Der Physiotherapeut führt einige Tests durch, um das Problem genauer zu charakterisieren. Aufgrund der Ergebnisse geht er von einem neurogenen Thoracic-Outlet-Syndrom aus, bei dem also die Nervenfasern in der Schulter eingeklemmt sind. Die Untersuchungsergebnisse sprechen dafür, dass die Blutversorgung nicht beeinträchtigt ist, also keine Adern zusammengepresst sind. Der Physiotherapeut schickt den Patienten in eine Hausarztpraxis, damit dort die weitere Therapie besprochen und der Mann für bildgebende Verfahren überwiesen werden kann.

Der Hausarzt kommt zur selben Verdachtsdiagnose. Er verschreibt dem 58-Jährigen Physiotherapie, zusätzlich überweist er ihn an einen Radiologen für eine Magnetresonanztomografie (MRT). Auf der Aufnahme erkennt man, dass einige Wirbelbogengelenke der Wirbelsäule von Spondylarthrose betroffen sind, also Verschleißerscheinungen zeigen. Zudem wölben sich mehrere Bandscheiben vor. Mittels einer Elektromyografie misst der Radiologie die elektrische Aktivität der Muskeln, dabei entdeckt er nichts Auffälliges.

Mehrere Sitzungen Physiotherapie verschaffen dem Mann keine Linderung. Im Gegenteil: Es kommt immer häufiger vor, dass ein brennender Schmerz seine Schulter und seinen Arm durchzuckt. Selbst bei leichten Tätigkeiten wie etwa dem Abwaschen von Geschirr treten sie auf.

Ein Unfallchirurg, der nun hinzugezogen wird, meint, das Schlüsselbein sei nicht die Ursache der Probleme.

Krampfanfall während der Therapie

Während der Physiotherapie hat der 58-Jährige einen Krampfanfall im rechten Arm, der rund eine Minute andauert. Der Physiotherapeut informiert die Ärzte über das Ereignis, woraufhin der Mann gebeten wird, sich in der Neurochirurgie vorzustellen. Nur zwei Tage muss er auf den Termin warten, allerdings hat er in der Zwischenzeit einen weiteren kurzen Anfall.

Nach diesen Ereignissen wird schnell ein MRT seines Gehirns erstellt. Es zeigt eine drei Zentimeter große Masse im linken Scheitellappen, die auf das umliegende Gewebe drückt.

Der Mann wird umgehend operiert und die Masse entfernt. Die folgende Untersuchung des Gewebes zeigt, dass es sich um ein sogenanntes Glioblastom handelt, einen bösartigen Hirntumor. Nach der OP hat der Patient zunächst Gangprobleme, Empfindungsstörungen im rechten Bein und Fuß, außerdem ist die Koordination seiner rechten Hand beeinträchtigt. Er beginnt eine Chemo- und Strahlentherapie, um den Krebs zu bekämpfen.

In ihrem Fallbericht im Fachblatt »Medicina«  weisen die Autoren darauf hin, dass sich die Symptome eines Thoracic-Outlet-Syndroms mit dem eines Glioblastoms zum Teil überschneiden können, was in diesem ungewöhnlichen Fall kurzzeitig die richtige Diagnose verschleierte. Gerade Patienten, bei denen die TOS-Symptome ungewöhnlich seien, sollte man deshalb einer genauen Differenzialdiagnose unterziehen, schreibt das Team um Filippo Maselli von der Universität Genua.

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