Debatte über Notaufnahme-Gebühr "Wenn ein Patient meint, es sei ein Notfall, braucht er Hilfe"

Die Notaufnahmen sind überfüllt - Kassenärzte haben deshalb eine Gebühr ins Gespräch gebracht. Eine Expertin erklärt, warum so eine Einzelmaßnahme nicht reicht und was sich tatsächlich ändern müsste.

Zur Person: Marion Haubitz ist Direktorin der Nephrologie (Innere Medizin, Schwerpunkt Nierenerkrankungen) am Klinikum Fulda und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Dieser hat kürzlich ein Gutachten  dazu vorgelegt, wie sich die Gesundheitsversorgung in Deutschland besser steuern lässt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Haubitz, was halten Sie von der Idee der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, dass Patienten in der Notaufnahme künftig eine Gebühr zahlen sollen?

Haubitz: Die Idee würde ich so nicht unterstützen. Ich würde nicht wollen, dass jemand mit einem ernsten Problem nicht in die Notaufnahme kommt - wegen vielleicht 50 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Notaufnahmen sind doch schrecklich überlastet.

Haubitz: Klar, es kann nicht so bleiben, wie es ist. Aber da hilft keine Einzelmaßnahme. Wir brauchen grundlegendere Änderungen.

SPIEGEL ONLINE: Welche denn?

Haubitz: Zunächst einmal will ich feststellen: Wenn ein Patient meint, es sei ein Notfall, dann braucht er Hilfe. Ganz egal, ob ein Arzt die Situation auch als Notfall einschätzt oder nicht. Aber - das ist wichtig - diese Hilfe muss nicht unbedingt in der Notaufnahme erfolgen.

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SPIEGEL ONLINE: Wo dann?

Haubitz: Im ersten Schritt am Telefon. Der Sachverständigenrat hat in seinem Gutachten vorgeschlagen, sogenannte Integrierte Leitstellen einzurichten, in denen Bürger rund um die Uhr jemanden erreichen. In diesen Leitstellen fließen akute Notrufe (Nummer 112) und Anrufe an den Bereitschaftsdienst der niedergelassenen Ärzte (Nummer 116117) zusammen. Dort sitzen geschulte Fachkräfte und Ärzte im Hintergrund, die die Situation einschätzen und weitere Schritte einleiten.

SPIEGEL ONLINE: Welche wären das?

Haubitz: Da ist im Prinzip alles möglich. Etwa, dass sofort ein Rettungswagen losfährt. Sind die Beschwerden nicht akut, folgt vielleicht das Vermitteln eines Termins beim Facharzt in der nächsten Woche. Oder es wird eine Pflegekraft geschickt, wenn ein Blasenkatheter verstopft ist. Falls der Patient nur erhöhte Temperatur hat und sonst keine Beschwerden, wird ihm vielleicht ein Wadenwickel empfohlen - und dass er sich wieder meldet, falls sich sein Zustand nicht bessert.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie nicht, dass Menschen lieber weiter direkt in die Notaufnahme gehen, anstatt eine Leitstelle anzurufen?

Haubitz: Wenn der Ablauf klappt, gewinnen doch alle: die Patienten und die Ärzte und die Krankenkassen. Aktuell ist das System für Patienten ja auch nicht zufriedenstellend. Erst wartet man stundenlang in der Notaufnahme, und dann sagt der Klinikarzt, bei der kleinen Sache wäre doch der Hausarzt der richtige Ansprechpartner gewesen. Ich glaube, wir müssen den Patienten im Dschungel des deutschen Gesundheitssystems bessere Orientierung geben - und das könnten die Leitstellen, der Hausarzt und die aufeinander abgestimmten Organisationen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es mit den Leitstellen dann getan?

Haubitz: Nein. Die Notaufnahmen sollten zu integrierten Notfallzentren umgewandelt werden, in denen Klinik- und niedergelassene Ärzte zusammenarbeiten. Die Patienten können dann entweder ambulant dort von den niedergelassenen Kollegen behandelt, an Facharztpraxen weitergeleitet oder stationär aufgenommen werden. Zusätzlich ist digitale Vernetzung nötig, damit die Informationen von der Leitstelle auch gleich in der Klinik vorliegen und man dort nicht wieder bei null anfangen muss.

SPIEGEL ONLINE: Und die Patienten?

Haubitz: Es ist wichtig, deren Gesundheitskompetenz zu verbessern. Es hilft durchaus, wenn Menschen bewusst ist, dass jeder mal einen Atemwegsinfekt haben kann und man viel trinken und einen Tag warten kann, ehe man ärztliche Hilfe in Anspruch nimmt.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn das alles nicht hilft, um die Notaufnahmen zu entlasten?

Haubitz: Dann könnte man auch über eine Gebühr nachdenken.

Inzwischen hat auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung klargestellt: Eine Gebühr sei nur als letzte Möglichkeit denkbar und stehe kurzfristig nicht zur Debatte.

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