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Weight Watchers: Jedes Böhnchen ein Pünktchen

Foto: obs/ Weight Watchers

Weight Watchers Punkt, satt und Sieg?

Weight Watchers ist eines der größten und erfolgreichsten Diät-Netzwerke der Welt. Doch es gibt kaum unabhängige Studien über die Effektivität des Punkte-Ernährungssystems. Wie gut ist Weight Watchers wirklich? Fünf Kritikpunkte, die man kennen sollte.

Ein vorbildlicher Tag im Leben eines Weight Watchers könnte so aussehen: Zum Frühstück Pumpernickel mit Quark und Käse. Das bringt nur sechs Punkte aufs Konto und macht ordentlich satt. Der Kaffee (schwarz) ist sogar umsonst. Mittags in der Kantine keine Rostbratwürstchen, sondern nur Kartoffeln, Soße und Brokkoli (zwölf Punkte). Dazu ein alkoholfreies Bier (zwei statt vier Punkte), als Nachtisch eine kleine Sünde: Mousse au Chocolat (vier Punkte). Nach dem abendlichen Gurkensalat (fünf Punkte) sind 29 Punkte vom persönlichen Punktekonto verbraucht. Zwei darf man noch verbraten, aber wofür? Einen Apfel, oder doch lieber eine Handvoll Chips?

Weight Watchers macht aus der Ernährung eine Punktewelt, in der es von Ananas bis Zwiebelsuppe für alles Ess- und Trinkbare eigene Punktewerte gibt. Für jeden Abnehmwilligen wird eine täglich erlaubte Punktezahl errechnet, die man verbrauchen darf. Hält der Weight Watcher sich daran, nimmt er ab. Doch das System hat Grenzen: Fünf Probleme von Weight Watchers.

1. Das Weight-Watchers-Punktesystem vereinfacht stark

Nach dem ursprünglichen Punktesystem waren für die Punkteformel von Weight Watchers vor allem Kalorien-, Fett- und Ballaststoffgehalt maßgeblich, so hatten eine Handvoll Chips und ein Apfel gleiche Punktwerte. Das kann nicht richtig sein, sagte sich Weight-Watchers-Chef David Kirchhoff, als er vor einigen Jahren die Leitung des weltgrößten kommerziellen Abnehmnetzwerks übernahm. Er war der Ansicht, das Punktesystem sei zu grob.

Den Brennwert eines Lebensmittels ermitteln Lebensmittelchemiker durch das Verbrennen in einem Kalorimeter. Apfel rein, Lichtbogen an, wuuuusch - zurück bleibt ein Häufchen Asche. Leider ist der menschliche Körper kein Ofen, manche Stoffe in der Nahrung kann der Körper nicht verwerten, etwa die in Pflanzen enthaltene Zellulose. Vom gemessenen Wert wird deshalb der Brennwert der unverdauten Rückstände abgezogen.

So funktioniert Weight Watchers

Selbst dieser sogenannte physiologische Brennwert ist nur eine Annäherung an die Realität, die sich in Magen und Darm abspielt. Kauen, einspeicheln, Magensäure produzieren - das alles kostet Energie, die der Körper erst einmal investieren muss, um die Nahrung aufzuschließen.

Netto bleiben also weniger Kalorien übrig als auf der Verpackung angegeben sind. Bei jedem Lebensmittel sind die Investitionskosten verschieden hoch, Eiweiße sind schwerer zu knacken als Fette. Deshalb führte Weight Watchers 2010 das überarbeitete Punktesystem "ProPoints" ein. Der Apfel und fast alle anderen Obstsorten haben seitdem null Punkte. Dennoch bleibt die Kritik: Ein Punktesystem kann die komplizierten Vorgänge im Körper nie in Gänze abbilden.

2. Der menschliche Körper reagiert nicht nach dem Punktesystem

Entscheidend ist auch, wie satt Lebensmittel machen. Menschen neigen dazu, immer das gleiche Nahrungsvolumen zu sich zu nehmen. Ein Apfel stopft mehr als eine Handvoll Chips - hat also eine geringere Energiedichte. Auch das wurde bei "ProPoints" berücksichtigt. Ebenso wie der glykämische Index (GI). Die Theorie dahinter: Manche kohlenhydrathaltigen Lebensmittel wie etwa Weißbrot erhöhen den Blutzuckerspiegel besonders stark. Dadurch schießt der Insulinspiegel im Blut hoch und fällt genauso rasch wieder ab. Das löse Heißhungerattacken aus.

Das GI-Prinzip aber ist umstritten. Die Studienlage sei nicht eindeutig, meint das Deutsche Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam. "Die Schlussfolgerung, dass eine Diät mit niedriger glykämischer Last das Risiko für Übergewicht senkt, lässt sich zur Zeit nicht ziehen", heißt es auf der Institutsseite.  Weight Watchers benutzt den GI trotzdem.

3. Weight Watchers ist ein Unternehmen, das selbst Lebensmittel verkauft

Das Konzept von Weight Watchers ist seit Jahrzehnten wirtschaftlich erfolgreich. Monatlich 39,95 Euro kostet der Mitgliedsbeitrag in Deutschland, 42 Dollar in den USA, 19,95 Euro in Frankreich. 14,95 Euro verlangt das Unternehmen für die abgespeckte Online-Variante ohne Treffen. Insgesamt 1,5 Millionen Teilnehmer weltweit bescheren dem Unternehmen einen jährlichen Umsatz von rund 1,5 Milliarden Dollar.

Mitterweile verkauft Weight Watchers in deutschen Supermärkten Lebensmittel mit eigenem Logo auf der Packung, vom Joghurt bis zur Fertigpizza. Weight Watchers wirbt auch regelmäßig mit Prominenten: In Deutschland unter anderem mit der Schauspielerin Christine Neubauer und der TV-Moderatorin Bärbel Schäfer. Manchmal schießt man beim Marketing aber auch übers Ziel hinaus. So sorgte die ZDF-Fernsehmoderatorin Andrea Kiewel für einen Skandal, als herauskam, dass sie im Fernsehen Schleichwerbung für Weight Watchers gemacht hatte und das sogar vertraglich mit dem Konzern vereinbart hatte.

4. Die Gruppenleiter sind geschulte Laien, keine Fachleute

Begonnen hat Weight Watchers 1961, als die 100 Kilogramm schwere amerikanische Hausfrau Jean Nidetch beschloss, abzuspecken - nicht allein in ihrem Kämmerchen, sondern gemeinsam mit Freundinnen. Die Gruppe wuchs schnell und wurde zum Netzwerk.

Noch immer ist die Gruppe eine der Säulen von Weight Watchers. Mitglieder nehmen regelmäßig an Treffen teil, ein Ernährungscoach betreut jeden Abnehmwilligen. Das sei vor allem geeignet für Leute, "deren Motivation durch eine Gruppe gefördert wird", sagt Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Sie kritisiert aber, dass es sich bei den Gruppenleitern um "von Weight Watchers ausgesuchte und geschulte Laien" handele, die mit diesem Programm erfolgreich abgenommen haben. "Fraglich ist, ob sie aufgrund ihrer Ausbildung die Gruppen optimal leiten können", sagt Restemeyer.

Tatsächlich ist es nicht schwer, bei Weight Watchers zum Titel "Fachmann oder Fachfrau für Ernährung und Gewichtsmanagement IHK" zu kommen. Auf der Webseite heißt es: "Die Qualifizierung besteht aus mehreren Bausteinen, das Selbststudium, eine zweitägige Basisqualifikation, ein dreitägiges Intensivtraining und ein administratives Coaching." Schon nach zehn Wochen könne man ein Gruppentreffen veranstalten.

5. Unabhängig wissenschaftlich belegt ist die Wirkung nicht

Der Konzern beruft sich auf wissenschaftliche Studien, die den Erfolg des Konzepts belegen sollen. Die jüngste Untersuchung, durchgeführt vom britischen Medical Research Council erschien 2011 im Medizin-Fachjournal "Lancet" . Die eine Hälfte der 772 Studienteilnehmer aus Australien, Deutschland und Großbritannien sollte sich ein Jahr lang nach dem Weight-Watchers-Programm ernähren, die andere lediglich an offizielle Ernährungsempfehlungen halten.

Das Ergebnis spricht für Weight Watchers: Die Teilnehmer dieser Gruppe hatten nach einem Jahr im Schnitt rund fünf Kilogramm abgenommen, die Kontrollgruppe weniger als halb so viel. Die Abbruchraten waren in beiden Gruppen hoch, nur etwa 60 Prozent hielten in der Weight-Watchers-Gruppe das ganze Jahr durch. Etwas weniger waren es in der Kontrollgruppe.

Allerdings steht die Unabhängigkeit der Studie und damit ihre Aussagekraft in Frage. Initiiert wurde sie unter anderem von Hans Hauner. Er ist Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin der TU München und Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft, die in ihren Leitlinien zur "Prävention und Therapie der Adipositas"  das Weight-Watchers-Programm hervorhebt.

Hauner ist aber auch wissenschaftlicher Berater von Weight Watchers International und erhält dafür Geld, wie er auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigte. Zudem finanzierte Weight Watchers die Studie, Hauner betont jedoch, dass "Studienplanung, -durchführung und -auswertung allein in der Verantwortung der drei Hauptautoren lagen". Seit 2000 wurde das Konzept von Weight Watchers in drei weiteren Studien untersucht. Zwei davon finanzierte der Konzern, zudem war Karen Miller-Kovach, die wissenschaftliche Leiterin von Weight Watchers International, an ihnen beteiligt.

Die einzige Studie, in die kein Geld von Weight Watchers floss und an der kein Wissenschaftler mit Bezug zum Konzern beteiligt war, erschien 2005 im "Journal of the American Medical Association" . Darin wurde das alte Punktesystem von Weight Watchers mit drei anderen Diäten verglichen: der Low-Carb-Atkins-Diät, der ausgewogenen Zone-Diät und der fettarmen Ornish-Diät. 160 Teilnehmer wurden zufällig je einer der vier Gruppen zugeordnet. Weight Watchers schnitt nicht besser als andere Methoden ab. Der durchschnittliche Gewichtsverlust war mit drei Kilo pro Jahr sogar geringer als in der Ornish- (3,3 Kilogramm) und der Zone-Gruppe (3,2 Kilogramm). Nur 2,1 Kilogramm speckten die Atkins-Probanden ab. Auch bei dieser Studie zogen nur etwa zwei Drittel der Probanden das Weight-Watchers-Programm bis zum Ende durch.

Fazit: Weight Watchers kann keine Wunder vollbringen, und man sollte die Grenzen und Schwierigkeiten des Produkts verstehen. Jede Gewichtsreduktion, egal ob mit vorgefertigtem Plan oder ohne, ist eine langfristige Aufgabe, bei der es weniger um das kurzfriste Abnehmen geht als um eine langfristige Ernährungsumstellung.

Dabei können die Treffen und die Punktelandschaft helfen, eine Erfolgsgarantie oder die einzig wirksame Methode sind sie nicht. Dennoch sieht auch Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für die Weight Watchers "gute Erfolgsaussichten" - sofern sie ihr Ernährungsverhalten langfristig ändern.

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