Zahnoperation Wann müssen Weisheitszähne raus?

Karies, Parodontitis, Zahnwurzelschäden: Weisheitszähne können beim Wachstum schwerwiegende Komplikationen verursachen, deshalb werden sie oft vorsorglich entfernt. Doch die OP birgt Risiken.
Betäubungsspritze beim Arzt: Rund eine Million Weisheitszähne werden jährlich in Deutschland entfernt

Betäubungsspritze beim Arzt: Rund eine Million Weisheitszähne werden jährlich in Deutschland entfernt

Foto: Corbis

Eigentlich hätten sie raus sollen: Alle vier Weisheitszähne lagen bei der 17-jährigen Mareile Klaas* sehr nahe an den hinteren Backenzähnen. So nahe, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie Probleme verursachen würden. Doch Mareile fürchtete sich vor Schwellung, Schmerzen und Hamsterbacken und lehnte es ab, sich ihre Weisheitszähne ziehen zu lassen. Ihr Düsseldorfer Kieferchirurg Martin Bonsmann hatte ihr dazu geraten.

Weisheitszähne wachsen nicht nur spät, sondern oft schräg zum Nachbarzahn. Genau so geschah es bei der jungen Frau. Schließlich drückte einer der Unterkiefer-Weisheitszähne so stark auf den nächsten Backenzahn, dass sich dort ein großer Teil der Zahnwurzel auflöste. Jetzt, wenige Jahre später, muss dieser Zahn gezogen werden, obwohl die Zahnkrone gesund ist. "Da ist leider nichts mehr zu machen", sagt Bonsmann.

"Es ist eine schwierige Entscheidung"

Etwa eine Million Weisheitszähne werden jedes Jahr in Deutschland entfernt. Es ist eine der häufigsten Operationen in der Zahnmedizin. Wie in anderen Industrieländern wird in Deutschland oft auch dann operiert, wenn die Weisheitszähne keine Probleme machen. Vorbeugend, ohne Symptome also. Doch der Eingriff birgt Risiken, und fundierte Belege für oder gegen diese Vorgehensweise sind rar.

"Es ist eine schwierige Entscheidung", sagt die Zahnärztin Christine Heyner von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). "Sie sollte immer von der Notwendigkeit im Einzelfall abhängig gemacht werden." Aus ihrer Sicht sollten klare Anhaltspunkte vorliegen, die für eine Entfernung sprechen. Auch der Schwierigkeitsgrad des Eingriffes sollte besprochen werden. "Es kommt vor allem darauf an, wie die Weisheitszähne im Kiefer positioniert sind."

Röntgenaufnahme des Kiefers von Mareile: Der Weisheitszahn (links unten) hat die Zahnwurzel des benachbarten Zahns zerstört.

Röntgenaufnahme des Kiefers von Mareile: Der Weisheitszahn (links unten) hat die Zahnwurzel des benachbarten Zahns zerstört.

Foto: Dr. Dr.Martin Bonsmann

Weisheitszähne, die im Kiefer bleiben, können Probleme verursachen: Insbesondere wenn der Zahn nur teilweise herauswächst, ist er schwer zu reinigen, was Infektionen verursachen kann. Zudem kann es zu Karies oder Parodontitis kommen oder, wie bei Mareile, zu Zahnfehlstellungen oder Zahnwurzelschäden. Zysten gehören ebenfalls zu den gefürchteten Komplikationen, denn diese flüssigkeitsgefüllten Hohlräume wachsen oft unbemerkt und schädigen das umliegende Gewebe, also auch den Kieferknochen.

Zu den Risiken einer Weisheitszahnentfernung (egal ob vorbeugend oder akut) zählen Verletzungen der Unterkiefer-Nerven. Die Folge können dauerhafte Gefühlseinschränkungen in der Lippe oder Zunge sein. Das Problem: "Wir wissen nicht, wie hoch die Komplikationsrate wirklich ist, wenn man die Weisheitszähne drin lässt", sagt Thomas Dietrich, Leiter der Oralchirurgie an der University of Birmingham.

WIESHEITSZAHN-ENTFERNUNG: PRO UND CONTRA


Laut der Bundeszahnärztekammer sind folgende Fragen eine wichtige Entscheidungshilfe:- Haben die Zähne bereits zu krankhaften Veränderungen am Kiefer oder den Zähnen geführt oder sind solche zu erwarten?
- Ist zu erwarten, dass sich die Zähne regelrecht entwickeln können?
- Sind besondere operative Risiken bei einer Entfernung zu erwarten?
- Sind die Weisheitszähne eventuell zum Ersatz verlorener oder stark geschädigter Backenzähne geeignet?

Indikationen, die laut der aktuellen Leitlinie  für eine Entfernung sprechen:- Entzündungen in der Umgebung des Weisheitszahns, vor allem wenn er teilweise aus dem Zahnfleisch herausragt ("Schlupfwinkelinfektion").
- Karies, Wurzelentzündungen, Zysten, Auflösungserscheinungen am Nachbarzahn oder andere krankhafte Veränderungen
- Wenn ein Weisheitszahn eine Operation am Kiefer erschwert.

Anhaltspunkte für eine mögliche Entfernung:- Wenn aufgrund der Lage und des Winkels zum Nachbarzahn das Risiko von späteren Komplikationen besteht. Welcher Weisheitszahn einmal Probleme machen kann, lässt sich jedoch nicht exakt vorhersagen.

Anhaltspunkte gegen eine Entfernung von Weisheitszähnen:- Wenn man erwarten kann, dass sich die Weisheitszähne richtig in die Zahnreihe eingliedern.
- Wenn Weisheitszähne tief im Knochen liegen, somit ein hohes Risiko operativer Komplikationen besteht, und die Zähne frei von krankhaften Veränderungen sind.

In Großbritannien wurde vor mehr als zehn Jahren die vorbeugende Entfernung der Weisheitszähne abgeschafft. Der Grund: Es gab nicht genug Belege für den Nutzen dieser Maßnahme. Auch 2012 ergab eine systematische Übersichtsarbeit  des Forschungsnetzwerks Cochrane Collaboration, dass die magere Evidenz diese Praxis weder stütze noch widerlege. "Doch mittlerweile liegt die Zahl der entfernten Weisheitszähne in England sogar noch über dem Niveau vor der Entscheidung", sagt Dietrich. "Es sanken also weder die Kosten noch die Zahl der Komplikationen."

Für Martin Kunkel, Koordinator der Leitlinie zur operativen Entfernung von Weisheitszähnen , ist die Forschungsaufgabe klar: "Es gibt einen Anteil an nicht durchgebrochenen Weisheitszähnen, die sich später regulär in die Zahnreihe einstellen. Es wäre wichtig, möglichst früh jene Zähne identifizieren zu können, die langfristig Probleme machen werden. Bisher lässt sich das nicht vorhersagen."

Insgesamt, sagt Kunkel, verdichteten sich derzeit die Hinweise, dass einiges für eine frühzeitige Weisheitszahnentfernung spricht. Mehrere internationale Studien hätten gezeigt, dass ein Abwarten häufiger zu Komplikationen sowie Schäden an den benachbarten Zähnen führe. Zudem seien Komplikationen bei prophylaktischer Entfernung seltener als bei einer späteren Entfernung.

Weil eine vorbeugende Entfernung von symptomlosen Weisheitszähnen ein Wahleingriff ist, sollte der Patient besonders gut über die möglichen Risiken aufgeklärt werden. Als Entscheidungshilfe dient ein Übersichtsröntgenbild (Orthopantomogramm), auf dem der ganze Kiefer zu sehen ist. Damit kann der Arzt auch erkennen, wie kompliziert ein Eingriff wäre.

"Ohne klare Indikationsstellung und ohne Einschätzung des individuellen Schwierigkeitsgrades sollte keine Weisheitszahnentfernung vorgenommen werden", sagt auch Gerhard Wahl, Direktor der Poliklinik für Chirurgische Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universität Bonn. Die Einschätzung des individuellen Schwierigkeitsgrades sei sinnvoll und notwendig, "damit sich jeder Behandler selbstkritisch einschätzt, ob - je nach Lage und Beziehung zu den anatomischen Nachbarstrukturen - er selbst sich die Entfernung aufgrund seines Könnens zutraut oder eine Überweisung vornehmen sollte."

*Name von der Redaktion geändert

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