Welt-Alzheimer-Bericht 2013 Zahl Demenzkranker soll sich verdreifachen

115 Millionen Demenzkranke, 277 Millionen Pflegebedürftige: So sieht die Prognose des Welt-Alzheimer-Berichts für 2050 aus. Trotz des Trends sehen die Autoren kaum ein Land der Welt für die düstere Zukunft gewappnet.
Demenzkranke Frauen in einem Heim: Globale Herausforderung

Demenzkranke Frauen in einem Heim: Globale Herausforderung

Foto: Daniel Karmann/ dpa

London - Es ist ein alarmierender und bedrückender Blick in die Zukunft: Bis 2050 soll sich, das prognostiziert der neue Welt-Alzheimer-Bericht 2013 , die Zahl der Demenzkranken mehr als verdreifachen - auf 115 Millionen Menschen. Dabei ist die Lage schon jetzt alles andere als erfreulich. Dem Report zufolge gibt es weltweit rund 35 Millionen Betroffene.

Jährlich stellt die Organisation Alzheimer's Disease International (ADI), ein Zusammenschluss 79 nationaler Gesellschaften, den Welt-Alzheimer-Bericht in London vor und fokussiert sich dabei immer wieder auf weitere Aspekte. In diesem Jahr ist die Botschaft des Berichts deutlich: Mit der weiter steigenden Zahl älterer und pflegebedürftiger Menschen werde Demenz zu einer der größten Herausforderungen für die Gesundheitssysteme. Gerüstet sehen die Autoren die Länder dafür noch nicht.

Am 21. September ist Welt-Alzheimer-Tag. Allein in Deutschland leben zurzeit rund 1,4 Millionen Menschen mit einer Demenz. Auch die Deutsche Alzheimer Gesellschaft  geht von einer Verdreifachung aus. 2050 sollen hierzulande drei Millionen Betroffene leben, von denen rund jeder Dritte mehr als 90 Jahre alt sein wird.

Dass dieses Szenario nicht nur ein abstraktes ist, zeigt sich, wenn man Deutsche dazu befragt. Zu ihren größten Ängsten gehört es, später einmal als Pflegefall zu enden. Die schrecklichste Vorstellung ist für viele eine Demenz.

Unrealistisch sind die Ängste nicht. Die Autoren des Welt-Alzheimer-Berichts rechnen für 2050 mit weltweit 277 Millionen hilfsbedürftigen Menschen, die lange Jahre auf Unterstützung angewiesen sein werden. Zum Vergleich: Heute sind es 101 Millionen. Es sei anzunehmen, dass auch künftig rund die Hälfte der Pflegebedürftigen mit steigendem Alter eine Demenz entwickele - darunter bis zu 80 Prozent der Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, heißt es im Report. In Deutschland liegt die Quote in Altenpflegeheimen heute bei rund 60 Prozent.

Auf all diese Veränderungen habe sich bisher kaum ein Land wirklich eingestellt, heißt es im Report. Es fehle an Langzeit-Strategien und Finanzpolstern. Bereits heute belaufen sich die weltweiten Pflege- und Behandlungskosten für Demenzkranke laut Bericht auf rund 600 Milliarden US-Dollar (448 Milliarden Euro). Das entspreche rund einem Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts. Und es dürfte mit steigenden Fallzahlen künftig erheblich teurer werden.

"Verglichen mit anderen Langzeit-Pflegebedürftigen brauchen Menschen mit Demenz deutlich mehr Betreuung und Zuwendung", sagt Martin Prince, Psychiater und Mitautor des Berichts von der Londoner Universität King's College. Angehörige müssten deshalb noch besser unterstützt und professionelle Pflegekräfte deutlich besser bezahlt werden.

Überlastete Familien

Die Autoren rechnen auch damit, dass Familien oder Freunde die Pflege Demenzkranker künftig immer schwerer bewältigen können. "Zwei Drittel der Anrufe bei uns kommen jetzt schon von Familien in einer Krise", berichtet Roger Baumgart, Geschäftsführer eines großen Pflegeanbieters in Großbritannien.

Für Deutschland sieht Hans-Jürgen Freter, Sprecher der Alzheimer Gesellschaft, ähnliche Trends. "Noch werden zwei Drittel der Demenzkranken zu Hause betreut. Das wird so nicht weitergehen", sagt er. "Künftig gibt es allein schon weniger Kinder, die sich kümmern können. Und es gibt mehr ältere Singles." Deswegen würden deutlich mehr ambulante Dienste und auch mehr Heime oder andere Betreuungsformen wie Wohngemeinschaften benötigt. Vor allem aber müssten sich die Kommunen besser darauf einstellen, angemessen mit Demenzkranken umzugehen. Auch die Bürger müssten einen Blick dafür bekommen, warum jemand vielleicht hilflos herumirre, ergänzte Freter.

Denn Hoffnung auf schnelle Fortschritte in der Medizin gibt es wenig. "Bisher gibt es kein Medikament, das Alzheimer heilen kann", sagt Isabella Heuser, Psychiaterin an der Berliner Charité und im Vorstand der Hirnliga. Die Euphorie, eine baldige Lösung zu finden, sei verflogen. Eine frühzeitige Diagnose sei deshalb umso wichtiger. Denn heutige Medikamente könnten die Krankheit immerhin verlangsamen.

cib/dpa
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