Nach Kampfabstimmung Äthiopier wird erster WHO-Chef aus Afrika

Erstmals hat die WHO einen Generaldirektor aus Afrika. Der Äthiopier Tedros Adhanom Ghebreyesus soll das Vertrauen in die Organisation wiederherstellen.

Tedros Adhanom Ghebreyesus
DPA / Valentin Flauraud

Tedros Adhanom Ghebreyesus


Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bekommt mit dem Äthiopier Tedros Adhanom Ghebreyesus erstmals einen Generaldirektor aus Afrika. Der frühere Gesundheits- und Außenminister setzte sich in Genf gegen den britischen Arzt David Nabarro und die pakistanische Kardiologin Sania Nishtar durch.

Erstmals in der fast 70-jährigen Geschichte der Organisation hatten sich die 194 Mitgliedsländer nicht vorab auf einen Kandidaten geeinigt. Fast alle beteiligten sich an der Kampfabstimmung. Es waren drei Wahlgänge nötig.

"Ich werde zuhören", sagte Tedros in seiner Dankesrede. "Die Leute wollen nicht gegängelt werden. Wir müssen die Vielfalt der Menschen respektieren. Es gibt viele Wege, wie Dinge erreicht werden können."

Tedros versprach, sich für eine bezahlbare Gesundheitsversorgung für jeden Menschen auf der Welt einzusetzen, egal ob arm oder reich. Er habe in Äthiopien innerhalb von sechs Jahren ein Gesundheitssystem aufgebaut und kenne die Tücken. Tedros tritt sein Amt am 1. Juli an. Er löst Margaret Chan aus Hongkong nach zehn Jahren im Amt ab.

Hoffnung auf einen Neubeginn

Die Mitgliedsländer hoffen auf einen Neuanfang, nachdem das Vertrauen in die WHO unter der seit 2007 amtierenden Chan stark erschüttert wurde. Ihr wird vor allem die schleppende Reaktion bei der Ebolakrise in Afrika 2014/2015 vorgeworfen. Die Organisation habe die dramatische Lage zu spät erkannt und zu zögerlich reagiert.

Zudem gibt es Vorwürfe von Interessenkonflikten gegen die Organisation. Die WHO finanziert sich zu zwei Dritteln aus Beiträgen der Mitgliedsländer. Die USA waren 2016 mit 439 Millionen Dollar größter Zahler. Die Gates-Stiftung war der zweitgrößte Einzelgeber mit 280 Millionen Dollar. Rund drei Prozent sind überwiegend Sachspenden von Pharmaunternehmen. Kritiker monieren, dass die Gates-Stiftung ihren Fokus auf Impfprogramme bei der WHO durchgesetzt hat - wovon Pharmafirmen profitierten, mit denen sie eng zusammenarbeite.

Kritiker werfen der WHO auch vor, sie habe 2009 die Gefahr der Schweinegrippe übertrieben. Länder seien animiert worden, Medikamente gegen die Krankheit im Millionenwert zu horten. Dies sei vor allem der Pharmaindustrie zugutegekommen. Zudem ist der Nutzen einiger Medikamente wie beispielsweise Tamiflu umstritten.

brt/kry/dpa

insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
MartinBeck 24.05.2017
1. Kampfabstimmung?
Wann lernen Journalisten endlich, dass eine demokratische Abstimmung keine "Kampfabstimmung" ist, sondern der Regelfall für Entscheidungen, bei denen es Alternativen gibt?
freiheitimherzen 24.05.2017
2. Vertrauen?
Dann müßte er erst einmal die ganzen Großlobbyisten vor die Tür setzen. Ob ihm das gelingt? Viele Grüße
citizen01 24.05.2017
3. Der Mann hat die Grundlage politischen Erfolges formuliert.
"Ich werde zuhören", sagte Tedros in seiner Dankesrede. "Die Leute wollen nicht gegängelt werden." Bitte an Frau Merkel weitersagen, bringt ihr absolute BT Mehrheit und auch andere zur Vernunft.
nofreemen 25.05.2017
4. Demokratie auf dem Prüfstand
Der Mann mag die Mehrheit hinter sich wissen. Die Pharma Industrie ist aber eine Minderheit und in weissen Händen. Die haben den größten mediziniachen Einfluss und stehen in der zweiten Reihe. Den Spagat muss er nun schaffen. Trump Verhältnisse nehmen überhand.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.