Innerhalb von 27 Jahren Alkoholkonsum steigt weltweit um 70 Prozent

Forscher haben die globale Entwicklung des Trinkens untersucht. Demnach verzichten 40 Prozent der Menschen komplett auf Alkohol, jeder Fünfte konsumiert deutlich zu viel.

Alkoholverkauf im indischen Neu-Delhi
Donyanedomam/ iStock Editorial/ Getty Images

Alkoholverkauf im indischen Neu-Delhi


Wie schädlich Alkohol für die Gesundheit sein kann, ist bereits seit Jahren bekannt. Dennoch wird weltweit immer mehr getrunken, so das Ergebnis einer internationalen Studie im Fachblatt "The Lancet". Die Auswertung von Daten aus 189 Ländern ergab, dass der Alkoholkonsum der Weltbevölkerung von 1990 bis 2017 um 70 Prozent gestiegen ist.

Ursache waren der Studie zufolge zum einen der Bevölkerungszuwachs und zum anderen der höhere Konsum pro Kopf. Allerdings gab es große regionale Unterschiede: Während der Genuss von Alkohol in China, Indien und Vietnam deutlich stärker wuchs, sank er in osteuropäischen Ländern. In Deutschland beobachteten die Wissenschaftler eine Stagnation mit leicht abnehmendem Trend.

Verkehrsunfälle, Herz- und Kreislauferkrankungen sowie Krebs sind nur ein Teil der Todesursachen, die direkt oder indirekt mit Alkohol in Verbindung gebracht werden. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ging 2016 jeder 20. Todesfall weltweit darauf zurück. Deswegen hatte die WHO das Ziel ausgerufen, den missbräuchlichen Alkoholkonsum von 2018 bis 2025 um zehn Prozent zu senken - ein Ziel, das den Studienautoren zufolge vermutlich verfehlt wird.

"Stattdessen wird Alkohol einer der Hauptrisikofaktoren für vorhersehbare Krankheiten bleiben und seine Auswirkungen werden sich wahrscheinlich relativ zu anderen Risikofaktoren erhöhen", erklärt Jakob Manthey vom Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie (IKPP) der TU Dresden in einer zur Studie veröffentlichten Mitteilung.

17 Liter reiner Alkohol pro Kopf

Für die Untersuchung analysierte das Forscherteam Daten zum Alkoholkonsum von Menschen zwischen 15 bis 99 Jahren aus 189 Ländern. Dabei betrachteten sie die Jahre 1990, 2010 und 2017 und prognostizierten daraus zudem die Entwicklung für das Jahr 2030. Die Wissenschaftler stellten fest, dass 2017 in nordafrikanischen Ländern sowie in Ländern des Nahen Ostens am wenigsten getrunken wurde, während es in Zentral- und Osteuropa am meisten war. Der höchste Anstieg seit 2010 aber wurde mit 34 Prozent im wirtschaftlich aufstrebenden Südostasien beobachtet.

Im Detail hatte das osteuropäische Moldawien 2017 mit 15 Liter reinem Alkohol pro Mensch den höchsten Konsum. Am wenigsten wurde im überwiegend muslimischen Kuwait getrunken, pro Kopf waren es weniger als 0,005 Liter. Die unterschiedlichen Zahlen und Entwicklungen führen die Wissenschaftler auf Faktoren wie Religion, Gesundheitspolitik und Wirtschaftswachstum zurück. Vor allem das ökonomische Wachstum scheint sich hierbei auszuwirken, wie die Beispiele China und Indien zeigen, wo sich der Alkoholkonsum zwischen 1990 und 2017 jeweils ungefähr verdoppelt hat.

Südostasien holt auf

Global trank der Studie zufolge 1990 jeder Mensch im Schnitt umgerechnet 5,9 Liter reinen Alkohol. Bis 2017 stieg dieser Konsum auf 6,5 Liter. Zur Einordnung: Ein halber Liter Bier enthält etwa 20 Gramm reinen Alkohols. In Deutschland stagnierten oder sanken die Zahlen laut Studie indes: Wurden 1990 hierzulande noch 16,32 Liter reinen Alkohols getrunken, waren es 2017 nur noch 13,05 Liter. Für 2030 prognostizieren die Wissenschaftler einen Konsum von 11,63 Litern.

"Unsere Studie bietet einen umfassenden Überblick über die sich verändernde Landschaft des weltweiten Alkoholkonsums", fasst Psychologe Manthey zusammen. "Vor 1990 wurde der meiste Alkohol in Ländern mit hohem Einkommen konsumiert mit den höchsten Leveln in Europa. Dieses Muster hat sich jedoch deutlich verändert mit starken Reduzierungen in Osteuropa und gewaltigen Zuwächsen in mehreren Ländern mit mittlerem Einkommen wie China, Indien und Vietnam." Dieser Trend werde sich voraussichtlich bis 2030 fortsetzen, sodass Europa dann nicht mehr den höchsten Alkoholkonsum haben werde, so Manthey weiter.

Appell für eine striktere Suchtmittelpolitik

Eine weitere Beobachtung der Studie: Die Zahl der lebenslangen Abstinenzler blieb ungefähr stabil. 2017 lebten 43 Prozent der Weltbevölkerung komplett alkoholfrei. Genauso stabil blieb allerdings der Anteil der heftigen Trinker, das waren vor zwei Jahren global noch 20 Prozent. Die Forscher schätzen in ihrer Studie, dass sich diese Daten kaum verändern werden, allerdings werde die Menge des konsumierten Alkohols stärker als die Zahl der Trinker wachsen - mit entsprechenden gesundheitlichen Folgen.

In einem Kommentar zu der Studie, der ebenfalls in "The Lancet" veröffentlicht wurde, warnen die Suchtmediziner Sarah Callinan von der australischen La Trobe Universität und Michael Livingston vom Karolinska Institut in Stockholm hingegen, die Vorhersagen der Studie mit Vorsicht zu genießen. So seien exakte Prognosen zu Alkoholkonsum und Wirtschaftswachstum immer sehr schwierig zu treffen. Nichtsdestotrotz sollten gerade Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen ihre Suchtmittelpolitik anpassen, da eben hier damit zu rechnen sei, dass die Menschen künftig mehr trinken. Beispiele aus Ländern mit hohem Einkommen hätten gezeigt, dass etwa höhere Preise oder eine Einschränkung der Verfügbarkeit effektiv sein könnten, schreiben Callinan und Livingston. Gleichzeitig seien Werbeverbote oder Restriktionen sinnvolle Maßnahmen - auch gegen den Widerstand der Industrie.

hle/dpa



insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
larsmach 08.05.2019
1. Mit dem Bier in der Hand auf Glyphosat zeigen... weil's gefährlich ist
Der Mensch braucht seine Laster - und einen Sündenbock. Schon lange weiß man um die Wirkung des Nervengifts Alkohol (laut IARC "sicher krebserregend"), doch der Mensch ist pfiffig! Er ruft: "Wasch mich - aber mach mein Fell nicht nass!!" und zeigt mit dem Finger auf "die Chemieindustrie", die seit 40 Jahren Herbizide produziert, deren Konsum laut derselben IARC ("täglich trinken" ...nicht 1:1000 verdünnt, sondern PUR - dann "wahrscheinlich krebserregend") nicht nur teurer wäre als Wein und Bier, sondern nicht einmal mit todsicherem Alkohol mithalten kann. Der moderne Mensch (gerne auch in Jurys von US-amerikanischen Zivligerichten) ist somit gläubig, gefühlig, lehnt evidenzbasierte Wissenschaft und Logik schon aus Eigennutz ab und versteckt die persönliche und unmittelbare Verantwortung für seine Gesundheit und Lebenserfahrung hinter Ablenkungsmanövern gegen andere. Prost!
mirage122 08.05.2019
2. Sinnvolle Maßnahmen?
Ich selbst bezweifele, dass ein Verbot der Alkohol-Werbung etwas bringt. Nur der ewige Hinweis der Interessen-Verbände in Richtung Arbeitsplatz-Vernichtung sind immer wieder ein gern genommenes Argument. Das zeigt doch, dass das Verantwortungsgefühl der Politiker gegenüber dem Volk, das sie gewählt hat, gleich null ist. Ich kenne überwiegend Leute, die gar keinen Alkohol trinken. Dafür muss man sich aber bei jeder Gelegenheit rechtfertigen. Das ist einfach schlimm. Das viele Unheil, das durch den Konsum von alkoholischen Getränken verursacht wird, ist ungeheuer. Damit schaden die Betreffenden nicht nur sich selbst, sondern bringen andere Menschen damit um: nicht nur im Straßenverkehr. Wenn nicht jeder einzelne soviel Verantwortungsgefühl sich selbst und anderen gegenüber an den Tag legt, sollte hier seitens der Politik eingeschritten werden.
klausindo 08.05.2019
3. Nur eine Frage der Zeit.
Früher hat man beim Internationalen Frühschoppen Wein getrunken und geraucht. Damals war es gesund. Heute trinkt man nur Wasser aber man redet den selben blödsinn. Heute ist generell ALLES ungesund aber trotzdem werden die Menschen immer älter. Wem soll man nun glauben? Man sollte das machen was einem Spaß macht. Was nützt es einem alt zu werden ohne Spaß am Leben zu haben. Na dann Prost.
ford_mustang 08.05.2019
4. Alkohol ist Lifestyle
Schaut man sich die Werbung an, dann gehört Alkohol zu jedem Moment des Lebens. Insofern ist die Hexenjagd auf Raucher doch voll daneben. Auch absolute Gegner des Rauchens trinken gerne einen guten Rotwein zum Essen und entspannen gerne regelmäßig beim Feierabendbier. Trinken also regelmäßig! Soll doch jeder mal seinen Lastern etwas frönen, denn das gehört eben auch zum Leben. Muss doch nicht immer alles so superkorrekt sein. Was nervt, sind nur diese Antiraucherapostel, die beim Alkohol aber nichts Verwerfliches sehen. Hauptgrund ist ja immer das Passivrauchen. Nun ja, habe noch nicht erlebt, dass ein starker Raucher mit völlig vernebeltem Hirn deswegen einen schweren Unfall gebaut hat, oder deswegen seine Frau und Kinder verprügelt hätte. Alkohol ist bewusstseinsändernd und führt oft zu aggressivem Verhalten und sexuellen Übergriffigkeiten. Bei vielen Urteilen vor Gerichten mindert es sogar das Strafmaß, wenn einer total dicht war zum Zeitpunkt der Tat. Ich bin bestimmt kein Asket, aber was nervt, sind die Unterschiede die bei diesen beiden Themen gemacht werden.
v.merkwuerden 08.05.2019
5. Gewicht und Volumen
Der Bericht verwendet zum Einordnen des Konsums zum einen das Gewicht reinen Alkohols pro Getränk, auf der anderen Seite die Litermenge reinen Alkohol-Konsums pro Jahr. Nicht jedem Leser ist für die Einordnung des ganz persönlichen Konsums das spezifische Alkoholgewicht geläufig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.