Mythos oder Medizin Hilft Aussaugen bei Wespenstichen?

Mit dem Pflaumenkuchen im Spätsommer kommen die Wespen. Zuhauf. Fast so zahlreich wie die Insekten sind die Behandlungstipps, wenn sie zustechen. Was taugen gängige Hausmittel?

Anfang, Mitte August geht sie jedes Jahr los - die alljährliche Wespenplage. Die Insekten konkurrieren mit uns um Kirschstreusel und Pflaumendatschi und sind dabei leicht reizbar.

Dieses Jahr waren die Lebensbedingungen für die Insekten wegen des milden Winters besonders gut, trotzdem: von einer Wespenplage will Melanie von Orlow, Insektenbeauftragte beim Naturschschutzbund Deutschland (Nabu), nicht sprechen.

Wie in jedem Jahr nimmt die Zahl der Wespen über die Monate stetig zu, gezählt werden die Tiere jedoch nicht. Daher lasse sich auch keine wissenschaftlich untermauerte Aussage über Wespenspitzenjahre treffen, sagt von Orlow. Es sei vielmehr hauptsächlich ein subjektives Empfinden, das uns jedes Jahr das Gefühl gibt, dass in diesem Spätsommer aber besonders viele Wespen unterwegs sind.

Ob Wespenplage oder nicht, wer gestochen wird, dem ist das egal. Es brennt und juckt und interessant ist nur eine Frage: Was hilft?

Hausmittelempfehlungen gibt es viele. Manche raten zum Aussaugen des Giftes, andere zu Kühlpacks, besonders experimentierfreudige Profis schwören auf eine Paste aus Salz und Bier . Die Erfahrung zeigt: Alles hilft irgendwie ein bisschen, aber nichts so richtig - Schmerz und Rötung bleiben nie ganz aus. Wie also behandelt man einen Wespenstich am besten?

Drei bis fünf Prozent reagieren allergisch

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Bei einem Wespenstich reagiert der Körper auf das Insektengift an der Einstichstelle mit Schmerzen, juckenden Rötungen und Schwellungen. Immunzellen schütten den Botenstoff Histamin aus, er reizt die umliegenden Nervenzellen und die senden ein Jucksignal ans Gehirn. Außerdem provoziert das Histamin eine Entzündung, die dafür sorgt, dass Fremdstoffe abgebaut und Zelltrümmer entfernt werden - der Stich schwillt an. Meist sind die Beschwerden nach ein paar Tagen wieder verschwunden.

Allerdings entwickeln etwa drei bis fünf Prozent der Menschen eine Insektengift-Allergie mit schweren Symptomen, die bis zum allergischen Schock führen können. Wer weiß, dass er allergisch auf Insektengift reagiert, sollte stets Antihistamin- oder Kortisonpräparate bei sich haben . Breitet sich die Rötung trotzdem stark aus oder entstehen Fieber und Schüttelfrost, sollte man zum Arzt gehen.

Ob allergische Reaktion oder nicht - wichtig ist, schnell zu handeln. Der Stachel bleibt nur bei Honigbienen hängen, daher muss er nach einer Wespenattacke nicht entfernt werden. Vom Aussaugen raten Experten tatsächlich eher ab. "Das hilft nicht", sagt Ulrich Neumann, der über 40 Jahre Berufserfahrung als Kinderarzt hat und jahrelang Vorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte war. Wer trotzdem aussaugen möchte, sollte zumindest das Giftspeichelgemisch hinterher ausspucken.

Besser sei betäuben - zum Beispiel mit einem Kühlpack, sagt Neumann. Oder - falls man die gerade zur Hand hat - mit einer Zwiebel. "Frisch aufgeschnitten hilft die Zwiebel möglicherweise auch durch ihre leicht antibakterielle Wirkung", so der Mediziner.

Hitze gegen das Gift

Ob die Hausmittel gegen das Wespengift unter der Haut etwas ausrichten können, ist allerdings fraglich und wissenschaftlich nicht belegt. Wer auf das Insektengift abzielt, sollte auf Hitze setzen, empfiehlt Insektenexpertin von Orlow. "Die Idee dahinter ist, dass die Wärme die Eiweiße, die die Reaktion auf den Stich auslösen, noch an der Stelle unschädlich machen und die Stichreaktion dämpfen", sagt sie.

Denkbar ist auch, dass die Hitze die Wirkung der juckreizauslösenden Stoffe mindert, die nach dem Stich vom Körper ausgeschüttet werden. Genauso könnte die Hitze, ähnlich wie Kälte, die Hautnerven daran hindern, ein Jucksignal ans Gehirn zu senden.

Mit den kleinen Gerätschaften lässt sich ein Stich punktgenau erhitzen. "Es gibt die Geräte sogar mit Einstellungen für Kinder und Erwachsene", sagt Mediziner Neumann. "Man hält sie drei bis sechs Sekunden auf die Stichstelle, der Keramikkopf erhitzt sich auf etwa 50 Grad und die Eiweiße aus dem Gift zerfallen." Eine Beobachtungsstudie  des DLRG bestätigte die stichreaktionsdämpfende Wirkung. Aber Vorsicht: Es besteht Verbrennungsgefahr.

Die Stiche bringen neben allergischen Reaktionen vor allem das Risiko mit sich, dass beim Kratzen Bakterien in die Haut gelangen. Daher sollten die Stellen immer einige Tage beobachtet werden, sagt Nabu-Expertin von Orlow. "Die Wespenarten, die uns plagen, gehen auch an Aas. Da kann es Entzündungen bis hin zur Blutvergiftung geben."

Der beste Tipp ist daher: erst gar nicht stechen lassen. Und da wären wir wieder beim Pflaumendatschi. Der muss dann drinnen bleiben, sagt Neumann. Er hat gleich eine ganze Liste von Sachen, die man draußen meiden sollte: Obstkuchen, Fleisch, Schinken, Parfüm. "Das zieht alles Wespen an." Trotzdem gilt vor allem eins: Nicht um sich schlagen. "Wenn viele Wespen da sind, lieber weggehen - von Wespen und Kuchen."

Fazit: Wer es bei einem Wespenstich mit Hausmitteln probieren will, sollte lieber kühlen statt aussaugen. Viele Experten schwören außerdem auf kleine technische Helfer: Stichheiler, die das Insektengift mit Hitze unschädlich machen und die Reaktion dämpfen .

Zur Autorin
Foto: Tinka und Frank Dietz

Kristin Hüttmann ist Diplom-Biologin und arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Zu ihren Schwerpunkten zählen Themen aus Medizin, Biologie, Biotechnologie, Gentechnik, Stammzell- und Pharmaforschung.

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