West-Nil-Virus in Deutschland Früher hat ein Mückenstich nur gejuckt - "das ändert sich jetzt"

Erstmals in Deutschland haben sich Menschen durch Mücken mit dem West-Nil-Virus infiziert. Forscher Jonas Schmidt-Chanasit erklärt, wie groß die Gefahr für die kommenden Jahre ist - und wie man sich schützen kann.

Das West-Nil-Virus kann von in Deutschland heimischen Mücken übertragen werden
Douglas Allen/ Getty Images

Das West-Nil-Virus kann von in Deutschland heimischen Mücken übertragen werden

Ein Interview von


Zur Person
  • Daniel Bockwoldt/ DPA
    Jonas Schmidt-Chanasit ist Professor für Arbovirologie an der Universität Hamburg und leitet die Virusdiagnostik am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Dort wurden die deutschen Infektionen mit dem West-Nil-Virus nachgewiesen.

SPIEGEL: In Deutschland sind diesen Sommer mehrere Menschen am West-Nil-Fieber erkrankt, wahrscheinlich Hunderte haben sich infiziert. Wie gefährlich ist das Virus, das durch Mückenstiche verbreitet wird?

Jonas Schmidt-Chanasit: Es handelt sich um eine ernst zu nehmende Infektion - auch wenn die Krankheit nur bei einem kleinen Teil der Betroffenen schwer verläuft. In den USA zum Beispiel hat sich das West-Nil-Virus seit Anfang des Jahrtausends rasant verbreitet. Seitdem haben sich mehrere Millionen infiziert und es hat viele Todesfälle gegeben. Es kam auch zu Übertragungen durch Bluttransfusionen und Organspenden, da der Erreger auf diese Weise weitergegeben werden kann.

SPIEGEL: Wie groß ist die Gefahr, dass es in Deutschland in den kommenden Sommern zu weiteren Ausbrüchen kommt?

Schmidt-Chanasit: Es wird weitere Fälle geben, das ist ganz klar. Das Virus wird uns die nächsten Jahre und Jahrzehnte beschäftigen. So war es auch in den anderen Gebieten Europas, in denen es schon länger Ausbrüche gibt - in Griechenland und Italien zum Beispiel. Wie stark sich die Viren verbreiten können, hängt aber sehr von den Temperaturen ab.

Vor allem bei hohen Temperaturen, wie im Hitzesommer 2018, drohen größere Ausbrüche mit sehr vielen Infizierten. Dann wird es auch Fälle geben, bei denen Menschen lebensbedrohliche Gehirnentzündungen erleiden. Kurz gesagt: Früher war ein Mückenstich in Deutschland unbedenklich, das ändert sich jetzt.

SPIEGEL: Warum hat die Temperatur einen so großen Einfluss?

Schmidt-Chanasit: Das hängt in erster Linie mit den Viren zusammen. Wenn es wärmer ist, können sich die Erreger schneller vermehren. Mit den Mücken hat das weniger zu tun: Das West-Nil-Virus wird von heimischen Mücken übertragen, die sehr gut an unsere klimatischen Bedingungen angepasst sind.

SPIEGEL: In welchen Regionen in Deutschland haben sich die Viren schon diesen Sommer verbreitet?

Schmidt-Chanasit: Betroffen war vor allem Ostdeutschland. Das zeigt auch den Einfluss des Klimas: Das West-Nil-Virus ist genau dort ausgebrochen, wo es dieses Jahr ungewöhnlich warm war. Das konnten wir auch schon im letzten Jahr beobachten, damals haben sich noch keine Menschen, aber Vögel und Pferde in Deutschland infiziert.

Bislang hat sich das Virus vor allem in dünn besiedelten Gebieten verbreitet, etwa in Brandenburg oder Sachsen-Anhalt. Mir graut es etwas davor, wenn es in Südwestdeutschland eine Stadt wie Stuttgart oder Freiburg erreicht, wo die klimatischen Voraussetzungen günstig sind, aber die Bevölkerungsdichte wesentlich höher ist. Dann wird es zu viel mehr Fällen kommen.

SPIEGEL: Gibt es eine Möglichkeit, Ausbrüche vorherzusehen?

Schmidt-Chanasit: Erfahrungen aus der Vergangenheit haben gezeigt, dass Erkrankungen bei Vögeln und Pferden als eine Art Frühwarnsystem dienen können. Das könnte man sich in Zukunft zunutze machen, um Ausbrüche frühzeitig zu erkennen und Stechmücken gezielt zu bekämpfen.

Dabei reicht es aber nicht, wenn jeder Mensch individuell auf seinen Mückenschutz achtet oder etwa stehendes Wasser in Regentonnen beseitigt. Wichtig ist, die Mücken professionell zu bekämpfen. Das gibt es in Deutschland bislang nur in Südwestdeutschland entlang des Rheins.

"Die Möglichkeiten sind leider begrenzt"

SPIEGEL: Wer ist bei Ausbrüchen besonders gefährdet?

Schmidt-Chanasit: Ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen entwickeln besonders häufig schwere Krankheitsverläufe, das zeigen auch die aktuellen Fälle in Deutschland. Dazu zählen etwa Menschen mit Herzerkrankungen oder Menschen, die aufgrund einer Erkrankung Medikamente nehmen, die das Immunsystem unterdrücken.

SPIEGEL: Was können sie tun, um sich zu schützen?

Schmidt-Chanasit: Die Möglichkeiten sind leider begrenzt. Noch gibt es keinen Impfstoff und kein Medikament für Menschen, nur Pferde kann man schon impfen. Aus diesem Grund hilft momentan nur, die Zahl der Stechmücken zu reduzieren und sich vor Stichen zu schützen.

SPIEGEL: In Südfrankreich gab es diesen Sommer auch Infektionen mit dem Zika-Virus, außerdem meldeten die Behörden dort Dengue-Fälle. Wie groß ist die Gefahr, dass Mücken in Deutschland auch andere tropische Erreger übertragen?

Schmidt-Chanasit: Wesentlich geringer als beim West-Nil-Virus. Dengue und Zika werden nicht durch einheimischen Stechmücken übertragen, sondern durch die asiatische Tigermücke und - noch viel stärker - durch die Gelbfiebermücke. Die asiatische Tigermücke kommt in Deutschland zwar schon vor, aber nur lokal begrenzt etwa im Rheingraben.

Außerdem benötigen Dengue- und Zika-Viren noch höhere Temperaturen als das West-Nil-Virus, um sich gut zu vermehren. Das bedeutet, dass es in Gegenden mit der asiatischen Tigermücke zwar schon mal zu einzelnen Krankheitsfällen kommen kann, so wie jetzt in Südfrankreich. Einen flächendeckenden Ausbruch wie beim West-Nil-Fieber muss man hier aber momentan nicht befürchten.



© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.