Streit in Weltgesundheitsorganisation Kampfabstimmung um WHO-Führung

Die Weltgesundheitsorganisation WHO stand zuletzt verstärkt in der Kritik. Jetzt gibt es erstmals eine Kampfabstimmung um die Führung. Der bisherige Favorit muss sich gegen gravierende Vorwürfe wehren.

Die scheidende WHO-Generaldirektorin Margaret Chan
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Die scheidende WHO-Generaldirektorin Margaret Chan


Drei Kandidaten kämpfen um das höchste Amt bei der Weltgesundheitsorganisation WHO. Erstmals in der fast 70-jährigen Geschichte der Organisation haben sich die 194 Mitgliedsländer nicht vorab auf einen Kandidaten geeinigt. Am Dienstag kommt es deshalb zur Kampfabstimmung. Der Gewinner tritt das Amt am 1. Juli an.

Vor der entscheidenden Abstimmung gab es einen heftigen Schlagabtausch. Als Favorit für das Amt des Generaldirektors galt bisher der äthiopische Ex-Gesundheits- und Außenminister Tedros Adhanom Ghebreyesus. Für den 52-Jährigen spricht, dass nie ein Afrikaner an der Spitze der Uno-Behörde stand. Zudem steht die Afrikanische Union als größter Mitgliedsblock hinter ihm.

Seine Wettbewerber um den Posten sind die 54-jährige pakistanische Kardiologin Sania Nishtar und der britische Arzt und Uno-Berater David Nabarro. Vergangene Woche warf ein Nabarro-Unterstützer Tedros vor, Cholera-Ausbrüche in Äthiopien vertuscht zu haben. Der 67-jährige Nabarro distanzierte sich von dem Vorwurf. Tedros wies die Anschuldigung zurück und sprach von einer Schmierenkampagne.

Hoffnung auf einen Neubeginn

Die Mitgliedsländer hoffen auf einen Neuanfang, nachdem das Vertrauen in die WHO unter der seit 2007 amtierenden Generaldirektorin Margaret Chan aus Hongkong stark erschüttert wurde. Ihr wird vor allem die schleppende Reaktion bei der Ebolakrise in Afrika 2014/15 vorgeworfen. Die Organisation habe die dramatische Lage zu spät erkannt und zu zögerlich reagiert.

Mehr als 28.000 Menschen hatten sich mit dem Virus infiziert, 11.300 starben an den Folgen. Die WHO selbst hat später eingeräumt, dass sie viel zu langsam reagiert hat und ihre Kapazität für Notfalleinsätze seitdem gestärkt.

Vorwurf des Interessenkonflikts

Einige Kritiker werfen der WHO außerdem vor, falsche Prioritäten zu setzen. So habe die Organisation 2016 in Nigeria in Gebieten, die von der Terrororganisation Boko Haram terrorisiert werden, gegen Polio geimpft. Die Kinder seien dort aber an Masern gestorben, berichtete Mercedes Tanay von Ärzte ohne Grenzen.

Zudem gibt es Vorwürfe von Interessenkonflikten gegen die Organisation. Die WHO finanziert sich zu zwei Dritteln aus Beiträgen der Mitgliedsländer. Die USA waren 2016 mit 439 Millionen Dollar größter Zahler. Die Gates-Stiftung war der zweitgrößte Einzelgeber mit 280 Millionen Dollar. Rund drei Prozent sind überwiegend Sachspenden von Pharmaunternehmen.

Im Jahr 2015 monierte eine Studie, die die Hilfsorganisationen Misereor und Brot für die Welt in Auftrag gegeben hatten, dass bei der Gates-Stiftung viele frühere Pharmamanager arbeiteten. Die Stiftung habe mit ihren Spenden ihren Fokus auf Impfprogramme bei der WHO durchgesetzt - wovon Pharmafirmen, mit denen sie eng zusammenarbeite, profitierten.

Gefahr der Schweinegrippe soll übertrieben worden sein

Kritiker werfen der WHO auch vor, sie habe 2009 die Gefahr der Schweinegrippe übertrieben. Länder seien animiert worden, Medikamente gegen die Krankheit im Millionenwert zu horten. Dies sei vor allem der Pharmaindustrie zugutegekommen. Zudem ist der Nutzen einiger Medikamente wie beispielsweise Tamiflu umstritten.

Die drei Kandidaten um den Vorsitz der WHO haben große Reformen für die Organisation versprochen. Zur Jahrestagung in Genf werden 4000 Teilnehmer erwartet. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe ist bei der Abstimmung dabei.

brt/dpa

insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
jj2005 22.05.2017
1. Hermann Gröhe ist bei der Abstimmung dabei
Na, dann kann ja nichts schiefgehen! Glückwunsch, WHO!
ted211 22.05.2017
2. Kampfabstimmung?
Ich dachte, das ist eine Wahl, wenn man mehrere Kandidaten hat.
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