Organspende Darum geht es im Streit über die Widerspruchslösung

Am Donnerstag entscheidet der Bundestag über die Zukunft der Organspende. Worum geht es? Und was würde sich ändern? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Foto: iStockphoto/ Getty Images

Wenn die 709 Abgeordneten des Bundestages am Donnerstag darüber abstimmen, wie zukünftig die Organspende in Deutschland geregelt sein soll, sind sie vom Fraktionszwang entbunden. Sie sollen sich also nicht danach richten, was ihre Partei vorgibt, sondern allein ihrem Gewissen folgen. Zwei Gesetzentwürfe haben Aussicht auf Erfolg: die doppelte Widerspruchslösung und die Entscheidungslösung. Kommt kein Antrag durch, bleibt erst mal alles beim Alten.

Was besagt die Widerspruchslösung?

Der Vorschlag der sogenannten "doppelten Widerspruchslösung" stammt unter anderem von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und dem Bundestagsabgeordneten Karl Lauterbach (SPD). Das ist die Idee:

  • Alle Personen ab 16 Jahren sind automatisch mögliche Spender, es sei denn, sie widersprechen. Jeder wird ausführlich darüber informiert. In einem bundesweiten Register können die Bürger einen Widerspruch dokumentieren lassen. Das ist keine Festlegung für immer, man kann den Eintrag widerrufen.

  • Nahe Angehörige können eine Organspende ablehnen, wenn sie glaubhaft machen können, dass der Betroffene kein Spender sein wollte - es gibt also quasi eine zweite Möglichkeit, der Organspende zu widersprechen, deshalb "doppelte Widerspruchslösung".

Was ist die Entscheidungslösung?

Dieser Gesetzentwurf  stammt unter anderem von der Grünenchefin Annalena Baerbock. Er sieht vor, dass Bürger regelmäßig zu ihrer Haltung zur Organspende befragt werden, etwa wenn sie beim Amt einen neuen Ausweis beantragen. Zudem sollen künftig Hausärzte dafür bezahlt werden, dass sie die Patienten beraten. Wichtiger Unterschied zu heute. Die Menschen werden also immer mal wieder angestoßen, über ihre Haltung zur Organspende nachzudenken, aber auf freiwilliger Basis. Auch hier ist ein bundesweites Onlineregister vorgesehen, aber eben nach umgekehrtem Prinzip: Als Spender wird nur verzeichnet, wer zugestimmt hat.

Debattenbeiträge zur Widerspruchslösung bei der Organspende
Jutta Falke-Ischinger

Jutta Falke-Ischinger

Foto:

Disput/ Berlin!GmbH

Pro: "Die Widerspruchsregelung ist einer solidarischen Gesellschaft würdig", sagt Jutta Falke-Ischinger, Vorsitzende der Initiative "Leben Spenden".

Claudia Wiesemann

Claudia Wiesemann

Foto:

Reiner Zensen/ Deutscher Ethikrat

Kontra: "Die Widerspruchslösung sieht in uns faule Egoisten", meint Claudia Wiesemann, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates

Wie ist die Organspende jetzt geregelt?

Bislang muss man selbst aktiv werden, wenn man Organspender sein will, und sich einen entsprechenden Ausweis zulegen. Es ist aber auch möglich, seine Angehörigen über den Wunsch zu informieren oder in anderer Form den Willen zu bekunden - etwa in einer Patientenverfügung oder im Notfallpass auf dem Handy.

Im Organspendeausweis selbst kann man einer Spende zustimmen oder auch widersprechen. Er bietet folgende Optionen:

  • der Spende generell zuzustimmen,

  • sie ganz abzulehnen,

  • nur die Spende bestimmter Organe zuzulassen beziehungsweise einzelne Organe von der Spende auszuklammern,

  • oder eine Person zu bestimmen, die die Entscheidung dann treffen soll. Dies muss nicht zwingend ein Angehöriger sein.

Das Dokument gibt es gratis in Apotheken oder zum Beispiel hier zum Herunterladen .

Organe können nur gespendet werden, wenn zwei speziell geschulte Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod des potenziellen Spenders feststellen, also den endgültigen und unumkehrbaren Ausfall der Gesamtfunktion von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm. Gleichzeitig muss das Herz-Kreislauf-System künstlich aufrechterhalten werden, damit die Organe mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden.

An dieser Regel ändert sich nichts, auch wenn der Bundestag ein neues Gesetz beschließen sollte.

Wer kann spenden?

Nicht alle hirntoten Patienten kommen als Spender infrage. Eine aktuelle Krebserkrankung oder eine HIV-Infektion etwa schließen eine Organspende aus. Auch gibt es möglicherweise Einschränkungen bei den Organen von Rauchern oder von älteren Menschen. Ob Organe tatsächlich gesund genug sind, um einem Kranken zu helfen, kann erst im Fall einer tatsächlichen Spende medizinisch geprüft werden. Eine generelle Altersbeschränkung existiert allerdings nicht, wichtig ist nicht das "kalendarische Alter des Spenders, sondern das biologische", so das Bundesgesundheitsministerium . Aber generell gilt: "Je jünger die verstorbene Person ist, desto besser eignen sich die Organe in der Regel zur Transplantation."  Seit 1999 gibt es bei Eurotransplant , der europäischen Vermittlungsstelle für Spenderorgane, ein Seniorenprogramm, bei dem Organe von Menschen über 65 Jahren auch an Empfänger in diesem Alter vergeben werden.

Kann ich darüber verfügen, wer meine Organe bekommt und wer nicht?

Nein. Die Organe werden von der Stiftung Eurotransplant an geeignete Empfänger auf der Warteliste vermittelt. Ob ein Patient auf die Warteliste kommt, entscheiden die Transplantationszentren anhand von Richtlinien. Eurotransplant ermittelt  mithilfe der Patientendaten, Blutgruppe und Gewebemerkmalen, welcher Empfänger geeignet ist.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Wie viele Menschen warten derzeit auf ein Organ?

In Deutschland stehen laut der Deutschen Stiftung Organspende derzeit mehr als 9000 Menschen auf der Warteliste für ein lebensrettendes Organ. Rund 7500 von ihnen warteten 2018 auf eine Niere. Im selben Jahr wurden rund 4500 Menschen neu auf die Warteliste aufgenommen, 901 Wartende verstarben in dem Jahr. In Deutschland stehen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern die meisten Menschen auf der Warteliste.

Was war das Problem beim Transplantationsskandal?

Ein Skandal im Jahr 2011 ließ viele Menschen noch skeptischer gegenüber einer Organspende werden. Zuerst wurde einem Arzt der Göttinger Uniklinik vorgeworfen, angeblich Daten manipuliert zu haben, um die Wartezeit seiner Patienten auf Spenderlebern zu verkürzen. Später kam heraus, dass mutmaßlich auch in anderen Kliniken Patienten auf dem Papier kränker gemacht wurden, als sie tatsächlich waren, was sie auf der Warteliste weiter nach oben rücken ließ.

Und was soll ich jetzt tun?

Grundsätzlich sollte jeder Mensch mit seinen Angehörigen über seine Haltung zur Organspende sprechen. Damit sie im Fall der Fälle nicht alleingelassen sind mit der Entscheidung.

Sollte am Donnerstag die Widerspruchslösung eine Mehrheit finden, sollte man sich um seinen Eintrag im Register möglichst bald kümmern - und dort einen Widerspruch eintragen lassen, wenn man seine Organe nicht spenden möchte.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.