Experten-Interview Zugluft ist gesundheitsschädlich

Im Sommer erkälten sich viele, weil sie permanent in leichtem Durchzug sitzen, sagt Klimaärztin Angela Schuh. Im Interview spricht sie über Risiken durch Klimaanlagen, Ventilatoren und geöffnete Fenster - und Schutzmaßnahmen gegen Zugluft.
Frau vorm Ventilator: Trifft kalte Luft auf den Hals, sinkt die Temperatur in der Rachenschleimhaut, wovon Viren profitieren

Frau vorm Ventilator: Trifft kalte Luft auf den Hals, sinkt die Temperatur in der Rachenschleimhaut, wovon Viren profitieren

Foto: Corbis
Zur Person

Angela Schuh ist Professorin für medizinische Klimatologie am Lehrstuhl Public Health und Versorgungsforschung an der Ludwig-Maximilians Universität München. Sie leitet dort das Fachgebiet Medizinische Klimatologie. Neben zahlreichen Fachpublikationen hat sie für Laien das Buch "Biowetter - Wie das Wetter unsere Gesundheit beeinflusst" verfasst.

SPIEGEL ONLINE: Ist Zugluft gesundheitsschädlich?

Schuh: Ja, im Sommer sind viele Menschen erkältet - weil sie permanent in einem leichten Durchzug sitzen. Wenn die Luft auf den Hals trifft, sinkt die Temperatur in der Rachenschleimhaut. Viren, die man bereits erworben hat, haben dann bessere Lebensbedingungen. Deshalb kann eine Erkältung ausbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem ist es im Sommer doch viel wärmer als im Winter - wie kann Zugluft einen so starken Einfluss auf die Körpertemperatur haben?

Schuh: Die Kälterezeptoren auf der Haut reagieren nicht auf eine laminare Strömung, die entsteht, wenn beispielsweise durch schräg gestellte Fenster, geöffnete Türen oder eine Klimaanlage ein leichter Luftzug entsteht. Sie gewöhnen sich daran, das heißt, der Körper leitet keine Abwehrmaßnahmen ein. Er kühlt an den Stellen aus, an denen die Luft auftrifft. Wenn das zum Beispiel der Hals ist, kann man eine Erkältung bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Kann es durch Zugluft auch zu Muskelverspannungen kommen oder ist das Einbildung?

Schuh: In der Zugluft reagieren die Thermorezeptoren nicht, die Durchblutung der Haut wird nicht erhöht - und damit kühlen auch die darunter liegenden Muskeln aus. Als Gegenreaktion kann die Muskulatur verspannen.

SPIEGEL ONLINE: Ist jeder Luftzug ist gefährlich?

Schuh: Auf einen starken Luftzug, also zum Beispiel, wenn dadurch Blätter hochfliegen auf dem Schreibtisch oder auf einen Sturm an der Küste, reagieren die Thermorezeptoren. Das heißt sie sorgen dafür, dass die Gefäße sich verengen, damit der Körper an den Stellen, die dem Luftzug ausgesetzt sind, nicht total abkühlt.

SPIEGEL ONLINE: Wie schützt man sich vor Zugluft?

Schuh: Am besten, indem man sie gar nicht erst produziert oder ihr ausweicht, was anderes ist kaum möglich.

SPIEGEL ONLINE: Hilft es, den Kragen hochzustellen oder eine Kapuze aufzuziehen, wenn man doch mal im Luftzug sitzt?

Schuh: Notfalls ja - das ist besser, als wenn man ungeschützt in der Zugluft sitzt. In Zügen, in denen noch alte Klimaanalgen eingebaut sind, die Zugluft produzieren, sieht man öfters, dass die Menschen instinktiv eine Jacke über sich legen oder sich einen Schal um den Kopf wickeln. Das schützt die Stellen der Haut, wo die Luft unmittelbar auftreffen würde, vor dem Auskühlen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Klimaanlagen überhaupt sinnvoll?

Schuh: Wenn es wirklich extrem heißt ist, also über 30 Grad, dann ist es sinnvoll, sich in klimatisierten Räumen aufzuhalten. Man sollte aber nicht ständig zwischen klimatisierten und nicht-klimatisierten Räumen wechseln, besonders, wenn man Vorerkrankungen hat, denn das belastet den Kreislauf.

SPIEGEL ONLINE: Auf welche Temperatur sollte man eine Klimaanlage bei großer Hitze draußen einstellen?

Schuh: Es sollte ein modernes Modell sein, das keinen großen Luftzug produziert. Die Klimaanlage sollte nicht zu kalt eingestellt sein, wie es in Amerika oder in Asien häufig ist - man sollte nicht auf unter 20 Grad runter kühlen. Auch im Auto sollte man darauf achten, dass die Temperatur nicht zu kalt ist. Ich stelle meine Klimaanlage auf 21 bis 22 Grad ein.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Ventilatoren zu bewerten?

Schuh: Wenn Ventilatoren richtig wirbeln, ist es nicht gefährlich. Nur kann man das in Regel nicht ertragen - und bei einem sachten Luftzug, muss man, Stichwort laminarer Luftzug, sehr aufpassen.

SPIEGEL ONLINE: Aber bei extremer Hitze ist ein Luftzug doch ein Segen?

Schuh: Durchzug ist gut, morgens und abends, um die Räume abzukühlen, aber ich verlasse Räume, wenn ich auf diese Art durchlüfte. Es gibt zwar sehr abgehärtete oder unempfindliche Menschen, denen der Durchzug nichts macht, aber dem Gros schon. Man muss dann damit rechnen, dass man sich erkältet. Ich setze mich weder in einen Luftzug noch unter einen Ventilator.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie stattdessen?

Schuh: Ich versuche eher, in kühle Räume auszuweichen. Wichtig ist, dass man sich klar macht, dass es Unsinn ist, bei hohen Temperaturen Sport zu treiben. Am besten ist es doch, unter einem großen Baum im Schatten zu sitzen - oder am See zu sein, natürlich auch im Schatten, so lange man nicht im Wasser ist.

Das Interview führte Frederik Jötten
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