Ein rätselhafter Patient Der Schmerz, der aus der Tiefe kam

Mit starken Schmerzen in der Brust kommt ein 54-Jähriger in die Notaufnahme. Sein Herz scheint gesund zu sein, Medikamente lindern die Pein, er wird entlassen. Doch seine Beschwerden werden immer heftiger.

Kommen Patienten mit starkem Brustschmerz in die Notaufnahme, klären Ärzte als Erstes, wie es um ihr Herz steht. Es ist möglich, dass ein Herzinfarkt die Schmerzen verursacht - und dann zählt jede Minute: Je schneller der Infarkt behandelt wird, desto größer sind die Chancen, dass das Herz sich größtenteils oder ganz erholt.

Als ein 54-Jähriger, zuvor gesunder Mann mit heftigem Brustschmerz in die Allgemeinklinik im britischen Kettering eingeliefert wird, nehmen sich sofort die Kardiologen seines Falls an. Zu diesem Zeitpunkt bestehen die Schmerzen seit etwa zwei Stunden.

Die Herzspezialisten haben gute Nachrichten: Verschiedene Tests bestätigten, dass er keinen Infarkt erlitten hat. Auch seine Nieren arbeiten normal. Nur der Wert des sogenannten C-reaktiven Proteins CRP ist leicht erhöht, was auf eine Entzündung im Körper deuten kann. Die Beschwerden des Mannes klingen ab, nachdem die Ärzte ihm Schmerzmittel gegeben haben.

Sie entlassen den Mann ohne eine Diagnose, berichtet das Ärzteteam um Rahul Pankhania.

Schmerz strahlt in Arme und Beine

In den folgenden Tagen plagen den Patienten jedoch immer wieder Schmerzen in Brust und Rücken, sie strahlen in seine Schultern und Arme aus. Zweimal sucht er deswegen seinen Hausarzt auf, kurz nach dem Klinikaufenthalt sowie rund drei Wochen später. Der Arzt klärt erneut ab, dass die Schmerzen nicht von einer Herzerkrankung herrühren. Auf einem nun angefertigten Röntgenbild des Brustkorbs entdeckt er nichts Ungewöhnliches. Allerdings steigt der CRP-Wert des Mannes weiter.

Sechs Wochen nach seinem ersten Krankenhausaufenthalt ist er wieder in der Notaufnahme.

Die Schmerzen in Brust und Rücken sind nun so stark, dass er nicht mehr aufrecht stehen kann. Im Bereich der mittleren Brustwirbel und des höchsten Lendenwirbels empfindet er beim Abtasten der Wirbelsäule einen diffusen Druckschmerz. Im rechten Bein hat er Empfindungsstörungen, die Reflexe an Knie und Knöcheln aber funktionieren einwandfrei.

Extrem hoher Entzündungswert

Zusätzlich zeigt der Mann Anzeichen einer Blutvergiftung (Sepsis) - sein Herz schlägt sehr schnell, seine Temperatur ist erhöht. Sein CRP-Wert ist inzwischen extrem hoch. Eine Sepsis ist lebensgefährlich. Sie entsteht, wenn Bakterien sich über die Blutbahn weiträumig im Körper ausgebreitet haben und das Immunsystem sie bekämpft. Nach und nach versagen die Organe. Ohne schnelles Eingreifen sterben die Betroffenen.

Die Mediziner geben dem Patienten deshalb umgehend Antibiotika. Um die Erreger zu identifizieren, legen sie Bakterienkulturen von Blut und Urin an.

Neue Röntgenaufnahmen von Brust, Wirbelsäule und Hüfte zeigen keine größeren Auffälligkeiten. Wegen des Druckschmerzes betrachten die Ärzte mithilfe einer Magnetresonanztomografie (MRT) die Wirbelsäule des Patienten. Sie entdecken einen Riss an einem Lendenwirbel, der die Schmerzen dort erklären kann.

Das Entscheidende: Die Aufnahme offenbart Schäden im Bereich von zwei mittleren Brustwirbeln und Bandscheiben, berichtet das Team im "Journal of Orthopaedic Case Reports" . Eine solche Entzündung von Bandscheiben und Wirbeln nennen Ärzte Spondylodiszitis. Die Krankheit ist relativ selten und geht - wie bei dem 54-Jährigen - zunächst oft mit unspezifischen Beschwerden einher, was die Diagnose erschwert. Bevor es Antibiotika gab, war die Krankheit unheilbar. Heute ist die Infektion zwar behandelbar, aber immer noch lebensgefährlich.

Ein rätselhafter Patient
Foto: SPIEGEL ONLINE

Wie kann es überhaupt dazu kommen, dass Bakterien Bandscheiben und Wirbelkörper befallen? Dies kann passieren, wenn die Erreger bereits einen anderen Ort im Körper besiedeln - etwa die Lungen oder die Harnwege - und von dort in die Blutbahn gelangen. Wo die ursprüngliche Infektion lag, lässt sich bei Spondylodiszitis-Fällen jedoch oft nicht mehr nachvollziehen.

Mithilfe eines weiteren Bildgebungsverfahrens, der Comuptertomografie, klären die Ärzte ab, ob es weitere Entzündungsherde im Brust- und Bauchraum gibt. Das ist zum Glück nicht der Fall.

In der Blutkultur wächst Staphylokokkus aureus, der häufigste  bakterielle Spondylodiszitis-Auslöser - in selteneren Fällen können auch Pilze oder andere Parasiten die Entzündung verursachen. Die Mediziner passen die Antibiotika-Gabe an den Erreger an.

Der Patient beginnt, sich zu erholen: Die Empfindungsstörungen im Bein klingen ab, die Schmerzen lassen zumindest etwas nach. Doch bis zur vollständigen Genesung ist es noch ein langer Weg. Nach sechs Wochen zeigt ein MRT weiterhin Schwellungen im betroffenen Bereich der Wirbelsäule. Erst nach 15 Wochen Antibiotikagabe sind die Schmerzen schließlich vollständig verschwunden, auch der CRP-Wert ist wieder im Normalbereich.

Der Mann kann die Medikamente absetzen. Er hat die gefährliche Infektion überstanden.

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