Spätfolgen der Impfangst Masern weltweit auf dem Vormarsch

Masern waren eine der meistgefürchteten und tödlichsten Seuchen der Welt. Dann kam die Impfung, und der Schrecken der vermeintlichen Kinderkrankheit geriet in Vergessenheit. Jetzt breiten sich die Viren auch in Deutschland wieder aus - als Spätfolge von Impfmüdigkeit und Fehlinformationen.
MMR-Schutzimpfung für Kinder: Manche Eltern haben vor den Folgen des Pieks' Angst

MMR-Schutzimpfung für Kinder: Manche Eltern haben vor den Folgen des Pieks' Angst

Foto: Corbis

Es ist so eine Sache mit den vermeintlichen Kinderkrankheiten: Krankheiten, gegen die man sich per Impfung schützen kann, wirken bald kaum noch erschreckend. In Bezug auf die Masern ist das ein gefährlicher Trugschluss. Das Virus ist außergewöhnlich ansteckend - und gehörte mit Fug und Recht einst zu den meistgefürchteten Krankheiten überhaupt. Weil das weitgehend vergessen wurde, besteht die Gefahr, dass die lange als nahezu besiegt geltende Krankheit nun ein Revival erlebt.

Dass Masern in der westlichen Welt heute nicht mehr als potentiell tödliche Gefahr wahrgenommen werden, ist nur Impfungen und fortschrittlicher Krankenversorgung zu verdanken: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO starben 2000 noch 542.000 Menschen weltweit an Masern, 2011 waren es 158.000. Gleichwohl infizieren sich bis heute 20 bis 40 Millionen Menschen mit dem Masernvirus - Tendenz nach Jahren der Besserung nun wieder steigend.

Auch in Europa breiten sich Masernviren seit einigen Jahren wieder aus. Die Fallzahlen sind fast überall steigend - seit einigen Wochen auch in Deutschland deutlich. Erfasste das Meldesystem für meldepflichtige Infektionskrankheiten für die Zeit vom 1. Januar bis zum 17. April laut dem Bulletin der Ständigen Impfkommission (Stiko)  bundesweit 61 Fälle (Vorjahreszeitraum: 29), waren es bis zum 15. Mai laut Robert Koch-Institut (RKI) schon 199 Fälle. Vollständig ist aber auch diese Statistik nicht. So meldeten die bayerischen Behörden bereits mehr Fälle, als die Statistik des RKI bisher ausweist.

Auch Erwachsene erkranken an Masern

Besonders viele Erkrankungen werden aus München, weit mehr noch aber aus Berlin gemeldet. Dort wurde als einer der Ansteckungsorte eine Messe identifiziert, wo auf geringem Raum viele Menschen zusammenkamen. Entsprechend viele Erwachsene erkrankten dort an Masern - untypisch für die Krankheit, für die Betroffenen aber mit besonderen Risiken verbunden.

Die verstärkte Verbreitung in Ballungszentren ist bei einer hochvirulenten Erkrankung, die sich per Tröpfcheninfektion verbreitet, nicht überraschend. Es ist aber auch nicht der der einzige Faktor: Ursächlich für das Comeback der Masern sind ganz andere "Viren": Impfmüdigkeit, Impfangst und Fehlinformationen.

Verschwindet die Gefährlichkeit einer Krankheit aus dem öffentlichen Bewusstsein, sinkt die Impfdisziplin. Die steigenden Masern-Infektionszahlen in den letzten Jahren korrelierten mit statistisch ausweisbar niedrigen Impfungsraten bei Kindern und Jugendlichen. 2011 gab es laut RKI bei Kleinkindern eine Impflücke von bis zu 14 Prozent, bei denen die Impfung schlicht zu spät angesetzt wurde. So etwas reicht, damit Viruserkrankungen eine neue Runde einlegen können.

IMPFEN: DIE EMPFEHLUNGEN IM ÜBERBLICK

Nirgendwo zeigt sich das so deutlich wie in Großbritannien: Registrierten die britischen Behörden noch vor kurzem nur wenige Dutzend Fälle im Jahr, waren es 2012 schon fast 2000. Das war nur ein Vorgeschmack, wie sich jetzt abzeichnet. Bis Mitte Mai wurden mehr als 1300 Fälle gemeldet. Die Folge: Inzwischen werden in Großbritannien die Impfdosen knapp. Die britischen Behörden intensivierten nun noch einmal ihre aufwendig beworbene Impfkampagne, die sich ausdrücklich auch gegen Impfgerüchte wendet. Schätzungen zufolge sind allein in Wales aktuell rund 38.000 Kinder ohne Impfschutz.

Über die Ursache der britischen Masern-Welle gibt es keine Zweifel: 1998 ging auf Basis einer inzwischen mehrfach entkräfteten Studie die Mär durch die Medien, die Kombi-Impfung gegen Masern, Röteln und Mumps sei mit einem erhöhten Risiko für Autismus verbunden. Vor allem in Großbritannien ging daraufhin die Impfangst um. Die jährliche Impfrate bei Kindern fiel von über 90 Prozent auf 54 Prozent. Als Spätfolge droht Großbritannien nun eine regelrechte Epidemie - mehr Masern-Fälle als dort gibt es in Europa derzeit nur noch in Rumänien.

Bisher gab es nur einen Todesfall in Großbritannien, und auch der ist umstritten. Völlig unumstritten ist dagegen, dass Masern auch bei ausreichender gesundheitlicher Versorgung ein hohes Risiko darstellen: Komplikationen und schwere Krankheitsverläufe sind häufig, bleibende Schädigungen nicht selten. Zu den typischen Komplikationen zählen Gehirnentzündungen, Hirnhaut- oder Lungenentzündungen.

Masern-Kranke müssen oft ins Krankenhaus

In Großbritannien mussten wegen solcher Risiken bisher rund 20 Prozent aller erkrankten Kinder stationär behandelt werden. Die Hospitalisierung von bis zu 25 Prozent der Patienten gilt als normal, im Fall der aktuellen Berliner Masern-Welle landeten laut RKI bis zur neunten Meldewoche sogar rund 33 Prozent aller Erkrankten im Krankenhaus.

Das europäische Masern-Comeback liegt dabei in einem traurigen weltweiten Trend. Erkrankungswellen gibt es zurzeit auch in Australien und in Teilen der USA, wo die Krankheit eigentlich als fast ausgerottet galt. Die australische Regierung denkt nun drastische Maßnahmen an: Kinder ohne Impfschutz könnten von öffentlichen Betreuungseinrichtungen wie Krippen und Kindergärten ausgeschlossen werden.

Die zurzeit schwerste Masern-Epidemie wütet aber in der indischen Provinz Punjab: Insgesamt starben seit Beginn der aktuellen Masern-Welle dort über 90 Kinder, mehr als 9000 sollen derzeit erkrankt sein. Am Montag gaben die indischen Behörden den Tod dreier weiterer Kinder bekannt. Dabei sollten Masern, so lautete einst das Ziel der WHO, bis 2010 ausgerottet sein.

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