Zahnarzt-Kassenleistungen "Optisch weniger ansprechend, aber haltbarer"

Metall hält länger als teure Keramik: Der oberste Kassenzahnarzt Deutschlands, Wolfgang Eßer, wirbt für die Basisversorgung der Krankenkassen. Im Ausland würden deutsche Versicherte häufig beneidet.
Zahnarzt (Archivbild)

Zahnarzt (Archivbild)

Foto: JENS MEYER/ AP
Zur Person

Wolfgang Eßer, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), ist seit dem Jahr 2013 der oberste Kassenzahnarzt Deutschlands. Die KZBV, Dachorganisation der 17 Kassenzahnärztlichen Vereinigungen in den Ländern, stellt als Körperschaft des öffentlichen Rechts die vertragszahnärztliche Versorgung sicher. Zugleich vertritt sie die Interessen der Vertragszahnärzte ("Kassenzahnärzte") gegenüber den Krankenkassen und der Politik. In Deutschland praktizieren rund 53.000 Zahnärzte mit Kassenzulassung und zusätzlich rund 9000 angestellte Zahnärzte.

SPIEGEL ONLINE: Sie vertreten gut 60.000 Zahnärzte mit Kassenzulassung. Womit erzielen die ihre Praxiseinnahmen - mehr mit Kassenleistungen oder mehr mit Privatleistungen?

Eßer: Jedes Jahr werden in Zahnarztpraxen in Deutschland etwa 90 Millionen Behandlungen vorgenommen. Allein im Jahr 2014 wurden etwa 52 Millionen Füllungen über die Krankenkassen abgerechnet, zudem gut sieben Millionen Wurzelkanalbehandlungen. Schon aus diesen Zahlen lässt sich schließen, dass in den Praxen ganz überwiegend Kassenleistungen abgerechnet werden.

SPIEGEL ONLINE: Aber genau weiß man das nicht. Denn was Patienten beim Zahnarzt privat bezahlen, wird nicht systematisch erfasst. Und in Ihrem Jahrbuch steht, dass 51 Prozent der Gesamteinnahmen je Praxis "nicht über die KZV vereinnahmt" sind, also nicht aus Kassenleistungen kommen.

Wolfgang Eßer: Es wäre sachlich falsch, aus diesen 51 Prozent den Schluss zu ziehen, dass Patienten heute überall zuzahlen müssen. Denn in dieser Zahl sind unter anderem alle Privatversicherten eingerechnet sowie gesetzlich Versicherte, die die Kostenerstattung gewählt haben oder spezielle Angebote aus Selektivverträgen nutzen. Auch der gesetzlich vorgesehene Eigenanteil bei kieferorthopädischen Behandlungen steckt in den 51 Prozent, und der wird am Ende ja von den Kassen wieder zurückerstattet.

SPIEGEL ONLINE: Viele Patienten möchten zahnfarbene Füllungen oder aufwendigere Brücken. Im Seitenzahnbereich ist aber Amalgam oder Metall als Kassenleistung festgelegt. Was Versicherte hier dazuzahlen, fällt auch unter die 51 Prozent. Zeigt das nicht einen mangelnden Stellenwert der Kassenleistungen?

Eßer: Nein, denn die Patienten haben in diesem vom Gesetzgeber festgelegten System ja Wahlmöglichkeiten. Und das ist eine gute Sache - für die Patienten, für die Beitragszahler und auch für die Zahnärzte. Wer mehr möchte als die Basisversorgung zu Lasten der Kassen, muss natürlich auch mehr selbst bezahlen. Das ist ein austariertes, gerechtes und finanzierbares System, das eine ebenso hochwertige wie individuelle Versorgung ermöglicht.

Und was zahnfarbene Füllungen und Kronen betrifft: Die Kassenleistung mag zwar teilweise optisch etwas weniger ansprechend sein, ist aber nicht selten haltbarer. Das hat sich gerade bei der Frage Metall versus Keramik bestätigt, und deshalb ist die Keramik auch keine Kassenleistung.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie dann Zahnärzten, die die Basisversorgung nicht anbieten oder sie als schlecht darstellen?

Eßer: Ein solches Verhalten wäre für Kassenzahnärzte unzulässig und völlig inakzeptabel! Das haben wir im vergangenen Jahr für den Bereich der Kieferorthopädie öffentlich klar kommuniziert, als sich Berichte über aufgedrängte Privatleistungen häuften. Zahnärzte sind rechtlich verpflichtet, Patienten umfassend über alle Alternativen aufzuklären. Sie dürfen eine Behandlung nicht von einer privaten Zuzahlung abhängig machen oder die Kassenleistung schlechtreden.

Ich rate Patienten, sich in solchen Fällen, umgehend bei der Patientenberatung der Zahnärzteschaft  zu melden. Dort wird der Sachverhalt dann geprüft. In Wiederholungsfällen können gegen den Zahnarzt empfindliche Disziplinarmaßnahmen verhängt werden, die bis zum Entzug der Zulassung, also einem faktischen Berufsverbot reichen können. Alternativ kommt für Patienten auch die zweite Meinung eines anderen Zahnarztes infrage - völlig kostenlos.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie denn für einen Eigenanteil in der Zahnmedizin?

Eßer: Absolut. Denn das stärkt die Eigenverantwortung und damit funktioniert die Mundgesundheit einfach nachweislich besser als bei einer Vollkaskoversorgung. Im Übrigen gibt es den Eigenanteil in der Zahnmedizin schon seit den Achtzigerjahren. Vor allem aber bietet das deutsche System allen Klagen zum Trotz immer noch die umfangreichsten Zuschüsse und die niedrigsten Eigenanteile. Im europäischen Ausland ist Zahnersatz fast immer komplett Privatleistung.

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