Könner oder Aufschneider So finden Sie einen guten Zahnarzt

Zertifikate, Curricula, Tätigkeitsschwerpunkte: Die Titelflut auf Praxisschildern bei Zahnärzten soll Eindruck schinden. Doch was sind wirkliche Gütesiegel? Die wichtigsten Tipps bei der Suche nach echten Könnern.
Zahnarztbesuch: Nur zehn Prozent der Zahnärzte sind ausgebildete Fachärzte

Zahnarztbesuch: Nur zehn Prozent der Zahnärzte sind ausgebildete Fachärzte

Foto: Corbis

Rita S. hatte lange nach dem richtigen Zahnarzt gesucht. Bei Dr. L. dachte sie: "Der hat Erfahrung", denn L. glänzte mit zwei Doktortiteln, einer langen Qualifikationsliste auf seiner Homepage und mit Charme. Doch was als Plan für mehrere Implantate in Vollnarkose für 18.000 Euro begann, endete mit einem Fiasko. 14 Implantate setzte Dr. L. ihr ein, für 33.000 Euro. Rita S. wehrte sich und prozessierte fast zehn Jahre lang gegen den Zahnarzt und seine Abrechnungsgesellschaften.

Heute weiß sie, dass L. bei einem der Doktortitel das "h.c." (den Zusatz für einen Ehrendoktor) wegließ und eine üppige Selbstdarstellung pflegt. Seit zehn Jahren wird gegen L. ermittelt. Der Fall gilt als einer der schlimmsten Auswüchse in der deutschen Zahnmedizin.

Zwar muss es nicht immer so dick kommen wie für Rita S. Doch wie ihr geht es zahlreichen anderen Patienten, die sich fragen: Wie gut ist mein Zahnarzt wirklich? Welche Titel sind aussagekräftig?

Verwirrende Titel machen Suche undurchsichtig

"Auf dem Gebiet der Selbstdarstellung hat sich eine solche Vielfalt entwickelt, dass man schon von Wildwuchs sprechen muss", sagt Gregor Bornes, Experte der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) . "Um die Qualität eines Zahnarztes einschätzen zu können, muss man sich schon sehr gut auskennen." Manche Titel seien geeignet, die Frage der Qualifikation eher zu verschleiern als offenzulegen.

Für Laien jedenfalls ist sie kaum zu durchschauen, die Hochglanzkulisse von Praxen, die auf ihren Schildern oder im Internet mit Wohlklingendem locken. Von Kompetenzzentrum über Schwerpunktpraxis, Implantatzentrum, Master, Curriculum oder Spezialist ist dort gerne die Rede - Begriffe, mit denen Zahnärzte versuchen, im Wettbewerb mit der Konkurrenz zu punkten.

Das Problem: Zahnärzte können sich vielerorts fortbilden - bei der Kammer, bei einem Fachverband, aber auch bei kommerziellen Anbietern. Die Folge: Der Grat zwischen fundiert und windig, zwischen Könner und Aufschneider ist schmal, denn manch eine Qualifikation dient eher dem Marketing als dem Wohl des Patienten. Und auch innerhalb der einzelnen Fortbildungsprogramme gibt es Qualitätsunterschiede.

Meldet ein Zahnarzt zum Beispiel für einen Tätigkeitsschwerpunkt an, verlangen manche Zahnärztekammern Nachweise über Fallzahlen und Fortbildungsstunden, andere dagegen nichts. Teilweise muss der Zahnarzt lediglich unterschreiben, dass dies "auf eigenverantwortlicher Einschätzung beruht" und dass er "besondere Kenntnisse und Erfahrungen in dem ausgewiesenen Bereich" besitzt.

Qualitative Unterschiede und fehlende Transparenz

Auch ein Curriculum kann unterschiedlich ausfallen. Die Themen reichen von der Ästhetischen Zahnheilkunde über die Umweltzahnmedizin bis zur zahnärztlichen Hypnose, ein Curriculum kann ein Wochenende dauern oder mehrere Monate. Schon 2003 kritisierte die Konsensuskonferenz Implantologie , eine Kooperationsgemeinschaft verschiedener zahnärztlicher Fachgesellschaften und Berufsverbände, die "schier wild wuchernden Curricula" im Bereich der Implantologie, weil vielfach wesentliche Voraussetzungen nicht erfüllt seien. Auch die Deutsche Gesellschaft für Implantologie beklagte die "deutlich qualitativen Unterschiede". Für Patienten gebe es "keine Transparenz in der Titelflut".

Ähnlich verwirrend ist es beim Master of Science (M.Sc.), der universitären Fortbildung. Auch dort werden viele Titel von Ästhetik bis Implantologie vergeben, weshalb manche von einer "Master-Mania" sprechen. Und was den meisten Patienten nicht klar ist: Spezialist, Implantologe oder Parodontologe kann sich jeder Zahnarzt nennen. Die Begriffe sind nicht geschützt.

Einige Fachgesellschaften haben deshalb eigene Qualitätsmaßstäbe eingeführt. Auf der sichereren Seite ist ein Patient also, wenn er auf die geschützten Titel DGParo-Spezialist für Parodontologie oder Spezialisten für Endodontologie der DGET achtet - alle mit definierten und geprüften Zusatzqualifikation.

Dass viele Zahnärzte heute eine Spezialisierung anstreben, um sich von Mitbewerbern abzuheben, ergab schon 2010 eine Umfrage des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ). Aber allgemeine Gütesiegel gibt es nicht - und im Gegensatz zur Medizin auch kaum Fachzahnärzte. Nur etwa zehn Prozent der 68.000 Zahnärzte in Deutschland haben eine Weiterbildung zum Fachzahnarzt absolviert.

Tipps: Worauf Sie bei der Zahnarztsuche achten können

Seit Jahren wird in der Zahnmedizin darüber gestritten, ob man mehr Fachzahnärzte braucht, obwohl der Wissenschaftsrat dies schon 2005 empfahl. Stattdessen habe sich eine "zum großen Teil kommerziell ausgerichtete Fortbildungsindustrie entwickelt", kritisiert Hans Jörg Staehle, Direktor der Klinik für Zahnerhaltungskunde an der Universität Heidelberg. Für einen Master-Studiengang etwa muss ein Zahnarzt knapp 20.000 Euro zahlen.

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Foto: Riva

Tanja Wolf:
Murks im Mund

Missstände in der Zahnmedizin

Riva; Februar 2014; 224 Seiten; 19,99 Euro.