Phobien Millionen Deutsche haben Angst vor dem Zahnarzt

Schweißausbrüche, Herzrasen und Schwindel: Über fünf Millionen Deutsche werden beim Gedanken an den Zahnarzt mehr als nervös. Wenn die Angst vor dem Bohrer zur Krankheit wird, kann ein Psychotherapeut helfen.

Wer unter eine Zahnarztphobie leidet, geht oft jahrelang nicht in die Praxis
Eugenio Marongiu/ Cultura/ Getty Images

Wer unter eine Zahnarztphobie leidet, geht oft jahrelang nicht in die Praxis


Kaum jemand geht gern zum Zahnarzt. Manche bekommen beim Gedanken an den Bohrer oder die Betäubungsspritze schwitzige Hände. Geht die Angst vor dem Zahnarztbesuch jedoch deutlich darüber hinaus, wird es gefährlich. "Bei einer Zahnbehandlungsphobie erscheinen Betroffene erst gar nicht in der Praxis und das oft über viele Jahre hinweg", sagt Peter Jöhren. Der Fachzahnarzt für Oralchirurgie leitet die Zahnklinik Bochum.

Nach Angaben des Instituts der deutschen Zahnärzte haben rund zwölf Prozent der Deutschen große Angst vor dem Zahnarzt. Das geht aus einer 2012 veröffentlichten Studie hervor. Die Betroffenen haben eine sogenannte phobische Störung, sie geraten regelrecht in Panik, wenn sie auch nur an den Besuch beim Zahnarzt denken. "Das kann sich beispielsweise in Form von Schweißausbrüchen, Herzrasen, Schwindel und Kreislaufproblemen äußern", erklärt Thomas Wolf, Oberarzt an der Klinik für Zahnerhaltung, Präventiv- und Kinderzahnmedizin an der Universität Bern.

Die Ursache liegt oft in der Kindheit

Betroffene zittern mitunter auch am ganzen Körper, haben eine erhöhte Herzfrequenz, der Blutdruck kann in die Höhe schnellen. So unterschiedlich die Symptome, so verschieden sind die möglichen Ursachen. "Oft ist es der erlebte Schmerz vor, während und nach einer Zahnbehandlung, der bei Patienten zur Vermeidung führt", erklärt Jöhren.

Der Arzt sieht den Ursprung der Krankheit bei vielen Patienten bei den ersten Zahnarztbesuchen. "Wenn schon die Behandlungen in der Kindheit schlecht waren, werden es künftige Zahnärzte schwer haben, das Vertrauen wiederzugewinnen", sagt Oralchirurg Jöhren. Auch das soziale Umfeld spielt eine Rolle. Haben Angehörige oder Freunde Angst vor der Zahnbehandlung, kann sich dieses Gefühl auf einen selbst übertragen.

Gravierende Folgen

Was also tun? Einfach nicht hingehen ist gefährlich: Entzündete Zähne, die über einen längeren Zeitraum unbehandelt bleiben, können fatale Folgen haben - vom Schmerz mal ganz abgesehen. "Möglich sind ernsthafte akute und chronische Erkrankungen", sagt Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK). So können Bakterien über den befallenen Zahn hinaus bis tief in die Kieferknochen eindringen. Über den Blutkreislauf kann es so zu einer manchmal lebensbedrohlichen Entzündung im Körper kommen. Ferner erhöhen chronische Zahnbettentzündungen laut Oesterreich das Risiko für Diabetes, Herzinfarkt und Schlaganfall.

Die Phobie wirkt sich neben der Gesundheit auch auf die Sozialisierung der Betroffenen aus. Zerstörte Zähne wirken ungepflegt und mindern häufig das Selbstbewusstsein. Weil mit entzündeten Zähnen und Zahnfleisch häufig auch mehr oder weniger starker Mundgeruch einhergeht, sind soziale Kontakte oft eingeschränkt.

Unter Vollnarkose auf den Behandlungssessel

Ohne Behandlung der Phobie geht es also nicht. "Das ist aber nicht Aufgabe von Zahnärzten, sondern von ausgebildeten Psychotherapeuten", sagt Wolf. Bei akuten Schmerzen, die eine zahnärztliche Therapie unaufschiebbar machen, kann der Zahnarzt seinen Patienten gegebenenfalls unter Sedierung oder Vollnarkose behandeln.

"Eine Vollnarkose sollte aber nur bei akut notwendiger Behandlung durchgeführt werden", sagt Oesterreich. Denn die Phobie ist damit nicht überwunden - und auch nicht das Problem, was sich womöglich dahinter verbirgt. Zudem birgt auch eine Vollnarkose Risiken. Darüber muss ein Patient aufgeklärt werden.

Wurzelbehandlung beim Waldspaziergang

Statt unter Vollnarkose können sich Patienten auch per Hypnose in einen Entspannungszustand versetzen lassen. Dabei werden die Gedanken des Patienten gezielt auf positive Erlebnisse gelenkt - ein Strandurlaub mit Meeresrauschen, ein Waldspaziergang mit Blumengeruch. Es gibt entsprechend fortgebildete Zahnärzte, die eine solche Hypnose zu Behandlungen anbieten.

Letztendlich kann aber nur ein Psychotherapeut mit dem Patienten den passenden Weg aus der Phobie finden. Betroffene können beispielsweise ein sogenanntes Anti-Angst-Training absolvieren. Dabei werden Patienten von einem Therapeuten behutsam an die Situation beim Zahnarzt herangeführt. "Beim ersten Zusammentreffen ist es wichtig, mit Informationen und Empathie das oft beim Patienten verloren gegangene Vertrauen gegenüber dem Zahnarzt wiederaufzubauen", erklärt Jöhren.

Schmerzfrei mit der Lieblingsmusik im Ohr

Einfühlsam sollte sich der Arzt nach den Wünschen des Patienten erkundigen und diese aufschreiben, damit sie bei der Behandlung nicht in Vergessenheit geraten. "Manchen Patienten hilft es etwa, wenn sie während der Behandlung über Kopfhörer ihre Lieblingsmusik hören oder einfach Entspannungsmusik im Hintergrund", sagt Oberarzt Wolf aus der Klinik für Zahnerhaltung, Präventiv- und Kinderzahnmedizin.

Heutzutage ist aufgrund moderner Verfahren in aller Regel eine schmerzfreie Zahnbehandlung möglich. "Damit die Psychotherapie dauerhaft Erfolg hat, ist entscheidend, dass der Patient bei den zahnärztlichen Behandlungen keine schlechten Erfahrungen macht", betont Jöhren. Schon kleinste Verstöße gegen die Abmachungen zwischen Therapeut, Zahnarzt oder Patient können zu erneutem Abwehrverhalten führen, warnt Jöhren: "Das Versprechen der schmerzfreien Behandlung darf keinesfalls gebrochen werden."

hle/dpa

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klausorth 13.05.2019
1. Phobie
Ja, das kennen "wir" nur zu gut. Ich habe mich gut 40 Jahre mit diesem Problem und den damit einhergehenden Schwierigkeiten geplagt. Als dann zwei Schneidezaehne wegbrachen war der erste Gedanke, mit allem Schluss zu machen. Ich habe es dann aber doch zu der hiesigen Uni-Klinik geschafft und traf auf einen Zahnarzt, dem Phobie Probleme vertraut waren. Nach einer 6-stuendigen OP unter Vollnarkose (Entfernung der meisten Zaehne etc). kann ich heute nur sagen: ich habe es geschafft. Bei meinen regelmaessigen vierteljaehrlichen Zahnarztterminen sind Schweissausbrueche, Herzrasen und anere Symptome nicht mehr vorhanden. Man muss auf einen Dentisten treffen, der sich mit diesem Thema sehr gut auskennt und entsprechende Behandlungsmethoden anbietet. Uebrigens, bei mir passierte dies alles in Japan, wo ich seit fast 30 Jahren lebe. Und dank der "neuen Beisserchen" ist das Leben wieder lebenswerter geworden.
dasfred 13.05.2019
2. Kannte ich früher auch
Dann bin ich an einen Zahnarzt geraten, bei dem die Behandlung mit einer Kopfmassage durch die Assistentin begann. Ich war noch nie so entspannt. Einige Jahre später, bei einem anderen Zahnarzt habe ich mir eingeredet, es ist ein SM Spiel, bei dem ich mich dem Meister anvertraue, weil er genau weiß, wie weit er gehen darf. Mit dieser Phantasie war die Zahnbehandlung fast ein erotisches Erlebnis. Heutzutage weiß ich, Angst vor dem Zahnarzt ist nur Angst. Keine Realität. Man darf sie getrost verdrängen, weil die Behandlung nie schlimmer ist, als nichts zu tun. Bei Höhenangst sehe ich nicht direkt nach unten, sondern suche einen Fixpunkt in der Ferne. In der Praxis konzentriere ich mich auf das Ambiente und die, heutzutage, sehr aufgeschlossenen Mitarbeiter. Da bleibt wenig Zeit, Angst zu entwickeln. Auch, wenn man sich von Freunden einen Zahnarzt empfehlen lässt, geht man schon eher mit einer gespannten Erwartungshaltung, statt mit Panik hin. Irgendwann weiß ich auch, was ich an Schmerzen maximal erwarten kann und dass diese nur eine kleine unangenehme Episode sind, gegenüber stundenlangem Zahnschmerz. Man kann die Angst verdrängen oder überwinden, wenn man sich vor Augen führt, dass man da sowieso durch muss.
rainer-rau 13.05.2019
3. Angst nicht nur vor der Behandlung, sondern auch vor der Rechnung.
Die "Preisgestaltung" ist äußerst flexibel und erinnert stark an unsere Vermietermentalität.
mirage122 13.05.2019
4. Reine Erziehungs-Sache
Es liegt an den Eltern. Wichtig ist nämlich, dass die Kinder bei der eigenen Zahnbehandlung dabei sind, und der Zahnarzt sie dann auch kurz auf den Stuhl setzt, in dem sie einmal hoch und runter fahren dürfen und ihnen ganz genau erklärt, wie wichtig das Zähne-Putzen ist. Nur Lego-Steine im Wartezimmer nutzen leider nichts. Und hinterher noch ein Lolli oder Traubenzucker! Das habe ich leider schon erlebt. Bei meinen Kindern und Enkel gab es keine Angst vor Zahnärzten, sie gingen mit Freude zweimal im in Jahr zur Prophylaxe. Leider gibt es aber viele Menschen, die lieber halbwegs zahnlos herum laufen anstatt zum Zahnarzt zu gehen. Das ist einfach erschreckend und muss wirklich nicht sein.
hasselblad 13.05.2019
5.
Die Ursachen liegen häufig in der Kindheit - stimmt. Mein erster Zahnarzt, mit 7 oder 8 Jahren in den 1980ern, war so einer vom alten Schlag: Spritze tut mehr weh als bohren, Indianer kennen keinen Schmerz, das komplette Bullshit-Programm. Ergebnis: ich habe meine Jugend in Zahnarzt-Vermeidung verbracht und bin stets so lange nicht hingegangen, bis es absolut nicht mehr aushaltbar war, mit dem Ergebnis, dass der Schaden jedesmal viel größer war als er hätte sein müssen. "Heilung" brachte erst das Ziehen eines beim Sport abgebrochenen Zahns mit lokaler Betäubung und der Erkenntnis, dass die Spritze eben überhaupt nicht wehtut sondern macht, dass die gesamte Behandlung schmerzfrei vonstatten geht. Es klingt pervers, aber mittlerweile gehe ich sogar gern zum Zahnarzt, die letzte "echte" Behandlung ist 7 Jahre her und ich war so entspannt, dass ich dabei eingeschlafen bin. Ich freue mich für die jüngeren Generationen, dass sie mit Zahnärzten aufwachsen, die ihnen keine dummen Jungs-Klischees aus dem letzten Jahrtausend einreden. Wer den prägenden ersten Zahnarztbesuch als etwas positives erfährt, wird im Leben niemals Angst vor einer Behandlung haben.
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