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10. Juni 2015, 15:06 Uhr

Kieferorthopädie

Kritik an Zahnspange unerwünscht

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Fast die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen wird von Kieferorthopäden behandelt, doch der Nutzen ist fraglich. Ein Forscher der Uni Greifswald hatte dies in einem Fachaufsatz thematisiert - und hat nun keine Stelle mehr.

Ein wissenschaftlicher Artikel in einer medizinischen Fachzeitschrift hat ihn vielleicht seinen Job gekostet. Die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre ist in Deutschland ein Grundrecht, doch in der Kieferorthopädie wird gerade mit harten Bandagen gekämpft. Alexander Spassov, bis September 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Poliklinik für Kieferorthopädie der Universitätsmedizin Greifswald, hat die medizinische Berechtigung für kieferorthopädische Therapien untersucht - ein Minenfeld.

Denn die Verbandsfunktionäre der deutschen Kieferorthopädie wehren sich mit Händen und Füßen gegen eine Debatte um den Nutzen von Zahnspangen. Schließlich werden fast 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen behandelt, es geht also auch um die wirtschaftlichen Interessen von rund 3.000 Kieferorthopäden in Deutschland.

Alexander Spassov hat in einem Fachartikel mit Kollegen internationale Forschungsergebnisse zusammengetragen, die zeigen, auf welch tönernen Füßen die kieferorthopädische Praxis in Deutschland steht: Obwohl die Spezialisten ihre Tätigkeit meist damit begründen, dass bestimmte Abweichungen von Zahn- oder Kieferstellungen die Mundgesundheit und die Funktionsfähigkeit des Gebisses gefährden, lasse sich das wissenschaftlich nicht nachweisen.

Arbeitsverhältnis "regulär beendet"

Spassovs Schlussfolgerung: Die bloße Existenz von Kiefer- oder Zahnfehlstellungen sei keine legitime Begründung für eine kieferorthopädische Therapie, "da deren Konsequenzen für die orale Gesundheit unklarer beziehungsweise eher spekulativer Natur sind".

Das rüttelt an den Grundfesten der Kieferorthopädie. Spassov vermutet, dass dieser Artikel der Grund dafür ist, dass er nun nicht mehr in der Poliklinik für Kieferorthopädie Greifswald arbeiten darf. Sein Artikel war am 4. März 2014 im Fachblatt "Ethik der Medizin" erschienen. Am 22. März schickte die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie (DGKFO) eine E-Mail an den Direktor der Poliklinik, Karl-Friedrich Krey.

Zwei Tage später, am 24. März, erließ Krey "aufgrund aktueller Vorkommnisse" die Dienstanweisung, dass ihm "sämtliche Veröffentlichungen vor dem Einreichen" vorzulegen seien. Als sich die Landesregierung einschaltete, nahm der Direktor die Anweisung wieder zurück. Spassovs bis zum 30. September 2014 befristeter Vertrag jedoch wurde nicht verlängert, trotz laufender Lehrtätigkeit und angestrebter Habilitation und obwohl ihm eine Verlängerung zumindest mündlich in Aussicht gestellt worden war. So berichtet es Spassov. Er bewarb sich auf eine in der Poliklinik ausgeschriebene Stelle, wurde aber nicht berücksichtigt.

Das Arbeitsverhältnis sei mit Ablauf der Befristung "regulär beendet" worden, teilte die Universitätsmedizin Greifswald mit. Weitere Angaben zur Person Spassovs wollte die Universität wegen eines laufenden Rechtsstreits nicht machen.

Sind schiefe Zähne eine Krankheit?

Geschah all dies auf Druck der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie? Deren Präsidentin Ursula Hirschfelder bestätigt gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass sie Direktor Krey eine E-Mail geschrieben hat. Sie habe ihn darin über einen Fachartikel von Spassov informiert. "Richtig ist auch, dass ich die Veröffentlichung von Herrn Dr. Spassov kritisiert habe." Sie halte dessen Feststellung, dass Kiefer- und Zahnfehlstellungen keine Krankheit darstellten und deshalb keine Behandlung erforderten, für "äußerst problematisch". Das widerspreche der "national und international herrschenden Einschätzung".

Tatsächlich basiert das Behandlungskonzept der deutschen Kieferorthopäden auf einem Urteil des Bundessozialgerichtes, mit dem Kiefer- oder Zahnstellungs-Anomalien seit 1972 als Krankheit gelten. Maßgeblich ist dabei die mögliche zukünftige Schädigung des Gebisses, auch ohne Schmerzen und Beschwerden. Laut Gesetz über die Ausübung der Zahnheilkunde ist denn auch "jede von der Norm abweichende Erscheinung" als Krankheit anzusehen.

Doch das wird seit Längerem infrage gestellt. Da kaum ein Mensch von Natur aus das in der Kieferorthopädie angestrebte ideale Gebiss habe, könne ein solches Ideal nicht als Grundlage für eine Therapieentscheidung gelten, kritisiert etwa Jens Türp, Sprecher des Fachbereichs Zahnmedizin im Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin. Die Zahnärzteschaft müsse sich dringend mit dem Krankheitsbegriff auseinandersetzen.

Nutzen umstritten

Dass die Datenlage zum Versorgungsbedarf und zum Verhältnis von Kosten und Nutzen in der Kieferorthopädie dürftig ist, bemängelte bereits 2001 der "Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen" und 2008 das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI).

Wurde nun in Greifswald ein kritischer Geist abgestraft? Der Vorgang hinterlasse Fragezeichen, sagt Türp. Spassov sei einer der wenigen deutschsprachigen Zahnmediziner, der Dogmen und eingefahrene Vorgehensweisen hinterfrage. Dass dies "nicht immer auf Gegenliebe" stoße, so Türp, wisse er aus eigener Erfahrung.

Auch Henning Madsen, niedergelassener Kieferorthopäde aus Ludwigshafen, bekommt immer wieder Druck zu spüren. Seit Jahren befasst er sich mit der Evidenz in seinem Fach - also mit der Frage, welche Belege aus hochwertigen wissenschaftlichen Studien vorliegen. Seine Bilanz ist niederschmetternd: Eine kieferorthopädische Behandlung mag ästhetische Vorteile bringen - einen gesundheitlichen Nutzen hat sie im Normalfall nicht.

Die internationale Forschung, sagt Madsen, "sieht keine oder nur eine schwache Wechselbeziehung zwischen kieferorthopädischen Behandlungen und der Gesundheit". Nur in Deutschland wolle das niemand hören. Dabei sprenge der deutsche Versorgungsgrad in der Kieferorthopädie jeden internationalen Rahmen. "Es muss die Frage erlaubt sein, in welchem Ausmaß die Kieferorthopädie als öffentliche Gesundheitsleistung gerechtfertigt ist."

Alexander Spassov wehrt sich vor dem Arbeitsgericht Stralsund gegen die Nichtberücksichtigung seiner Bewerbung. Eine Entscheidung wird Mitte Juni erwartet. Der "Widerstand gegen wissenschaftliche Erkenntnisse" gefährde die Gesundheit der Patienten, die sich im guten Glauben an gesundheitlichen Nutzen kieferorthopädisch behandeln ließen, kritisiert Spassov. "Wir müssen das endlich thematisieren. Wer möchte, kann ja weiterhin Zähne begradigen lassen, etwa aus Gründen der Ästhetik und der Lebensqualität."

Nachtrag der Redaktion, 18. Juni 2015: Am 17. Juni 2015 legte die Richterin Alexander Spassov als Kläger die Rücknahme seiner Klage nahe. Dieser willigte ein. Strittige Details der Stellenausschreibung wurden vor Gericht nicht thematisiert.

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