Kritik an Kieferorthopäden "Wieso dürfen die das?"

Die Krankenkassen zahlen jedes Jahr eine Milliarde Euro für Zahnbegradigungen - Nutzen ungewiss. Trotzdem schafft das Gesundheitsministerium keine Transparenz. Kritiker fordern eine durchgreifende Reform.

Zahnspangen: "Ohne seriöse wissenschaftliche Evidenz über Nutzen, Risiken und Nebenwirkungen"
Patrick Pleul/ DPA

Zahnspangen: "Ohne seriöse wissenschaftliche Evidenz über Nutzen, Risiken und Nebenwirkungen"


Die Kritik war deutlich: Kaum ein gutes Haar ließ der Bundesrechnungshof im April 2018 an der Kieferorthopädie. Obwohl die gesetzlichen Krankenkassen mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr für Zahnbegradigungen ausgeben, gebe es bei vielem keine Transparenz: Es fehlten Zahlen, wie viele Kinder und Jugendliche genau behandelt werden, wie lange und mit welchem Ergebnis. Als Konsequenz bestellte das Bundesgesundheitsministerium ein zweites Gutachten (PDF) - und schweigt seither.

Dabei bestätigte das zweite Gutachten die Wissenslücken, die der Bundesrechnungshof angeprangert hatte. Auch hier die Bilanz: Der Nutzen von Zahnspangen sei unklar und müsse besser erforscht werden, so das beauftragte IGES-Institut. "Bei so vielen Unklarheiten muss man deutlich zurückhaltender sein in Therapie und Diagnostik", sagt Kieferorthopäde Alexander Spassov aus Greifswald, der mehrere Forschungsarbeiten dazu veröffentlicht hat. "Und Versicherte sollten über diese Unklarheiten informiert werden." Wie Spassov fordern Kritiker nun Konsequenzen.

Gesundheitsministerium drückt sich

Doch danach sieht es beim sonst so umtriebigen Bundesgesundheitsministerium derzeit nicht aus. Anfang Januar hatte das Ministerium mitgeteilt, man werde "mit den beteiligten Organisationen den weiteren Forschungsbedarf und weitere Handlungsempfehlungen erörtern". Auf Anfrage des SPIEGEL heißt es nun, diese Gespräche sollen bis zum Sommer dauern. Aufgrund der schlechten Studienlage seien die "fachlichen und konzeptionellen Fragen (...) umfangreich" und "ohne das fachliche Wissen und die Versorgungsnähe der Zahnärzteschaft und der Krankenkassen nicht zu beantworten".

Doch der Rechnungsprüfungsausschuss des Bundestages hat Spahn bereits eine Frist gesetzt: Bis zum 30. August 2019 erwarte man einen Bericht des Bundesgesundheitsministeriums "über die durchgeführten bzw. beabsichtigten Maßnahmen". Der Ausschuss forderte das Ministerium bereits im vorigen Mai auf, ein Gutachten über die langfristigen Auswirkungen von Zahnspangen erstellen zu lassen.

Schon 2001 und 2008 hatte es Kritik von zwei Institutionen an der Kieferorthopädie gegeben. "Bei so viel Beharrungsvermögen einer ganzen Berufsgruppe muss man sich fragen: Wieso dürfen die das?", sagt Patientenvertreter Gregor Bornes. Man behandle meist Kinder und das ohne seriöse wissenschaftliche Evidenz über Nutzen, Risiken und Nebenwirkungen. "Kieferorthopäden verdienen überdurchschnittlich gut im System der gesetzlichen Krankenkasse und rechnen trotzdem Privatleistungen ab", so Bornes. Die Krankenkassen spielten das Spiel seit Jahren mit und die Politik habe bei den wirklich wichtigen Fragen bisher nichts bewegt: "Niemand weiß, ob begradigte Zähne länger halten oder gesünder sind oder wie viele Zähne durch die Behandlung Schaden nehmen", kritisiert der Patientenschützer.

Der Bundesrechnungshof hatte bereits klare Empfehlungen ausgesprochen - und Stillstand geahnt: Das Bundesgesundheitsministerium sei den Hinweisen auf diese Missstände "seit Jahren nicht nachgegangen" und dürfe nun "in Hinblick auf die unstreitigen Feststellungen des Bundesrechnungshofes nicht untätig bleiben und auf die Akteure in der gesetzlichen Krankenversicherung hoffen". Das Ministerium könne laut Sozialgesetzbuch etwa das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) unmittelbar beauftragen.

Auf die Nachfrage des SPIEGEL, wie man die Empfehlungen des Bundesrechnungshofes umsetzen wolle, bleibt das Ministerium unkonkret. Diese Aspekte seien "allesamt Gegenstand der laufenden Gespräche", diesen könne man "leider nicht vorgreifen".

Der Kostenpunkt
    Kieferorthopädische Behandlungen sind teuer: Im Jahr 2016 zahlten die gesetzlichen Krankenversicherungen dafür mehr als 1,1 Milliarden Euro, das sind laut IGES-Gutachten knapp 8 Prozent der Gesamtausgaben für zahnmedizinische Behandlungen. Hinzu kommen private Kosten für Zusatzleistungen. Untersuchungen einzelner Krankenkassen zeigen, dass etwa die Hälfte der Eltern mehr als 1000 Euro dafür ausgibt. Ebenso gibt es laut IGES-Gutachten Hinweise auf Versorgungsdefizite wie etwa "eine zu lange durchschnittliche Behandlungsdauer und die routinemäßige Durchführung einer nicht zwingend indizierten Röntgendiagnostik". Größte Gruppe unter den Patienten sind laut IGES Kinder und Jugendliche von 10 bis unter 15 Jahren. In dieser Altersgruppe erhielten fast 50 Prozent der Mädchen und etwa 40 Prozent der Jungen kieferorthopädische Leistungen.

Eine der Empfehlungen, dass nämlich dringend unabhängige Patienteninformationen gerade zu Selbstzahlerleistungen nötig seien, befürwortet immerhin der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen und schlägt vor, "hierfür die Gesundheitsinformationen des IQWiG um den Bereich der Kieferorthopädie zu erweitern".

Verkaufsverhalten wissenschaftlich untersuchen

Achim Kessler, Obmann der Fraktion Die Linke im Gesundheitsausschuss des Bundestages, reicht das nicht. Seine Fraktion hatte bereits im Oktober 2018 eine Kleine Anfrage zur "Wirksamkeit und Transparenz in der Kieferorthopädie" an die Bundesregierung gestellt. "Wir können uns gut vorstellen, das Verhalten der Kieferorthopäden beim 'Verkaufen' ihrer Leistungen wissenschaftlich zu untersuchen", sagt Kessler. Auch sollten Kieferorthopäden angebotene Zusatzleistungen der Kasse melden müssen.

Diesen Vorschlag des Bundesrechnungshofes hat das Ministerium bereits abgewehrt. "Wer das ablehnt, setzt sich dem Vorwurf aus, verschleiern zu wollen", meint Kessler. "Wir werden beim BMG nachhaken und auf weitere Schritte drängen."

"Die Bundesregierung hat zu lange weggeschaut", kritisiert auch Kirsten Kappert-Gonther, Obfrau der Grünen im Gesundheitsausschuss. "Das Gesundheitsministerium muss die Patientinnen und Patienten stärker vor Eingriffen mit fragwürdigem Nutzen schützen."

Das Gesundheitsministerium aber zeigt auf andere: Die Nutzenbewertung von Behandlungsmethoden sei "keine staatliche Aufgabe", dafür sei der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) zuständig. Das ist formal korrekt, nur hält sich Gesundheitsminister Spahn bei anderen Themen auch mal nicht an diese Regel.

Auf Nachfrage bleibt aber auch der G-BA vage und will den Gesprächen nicht vorgreifen. "Wenn sich herausstellen sollte, dass die Kieferorthopädie-Richtlinien des G-BA nicht mehr dem aktuellen Stand der medizinischen Erkenntnisse entsprechen", sagt Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender, gegenüber dem SPIEGEL, "wird der G-BA diese Richtlinien überprüfen."

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asentreu 08.05.2019
1. Es wird aber etwas vergessen
Die medizinische Relevanz mag umstritten sein, okay. Was jedoch vergessen wird: ein schiefes Gebiss ist entstellend und kann vom Betroffenen kaum oder gar nicht selbst korrigiert oder kaschiert werden. Dies stellt im späteren Leben (die Teenager von heute sind die Arbeitnehmer von morgen) einen massiven Nachteil dar, dieser wiegt auch deutlich schwere als eine schiefe Nase oder Segelohren (letztere anzulegen ist ja sogar eine Kassenleistung und sogar die Nase kann eine Kassenleistung sein, wenn die Atmung stark beeinträchtigt ist. Ein schiefes Gebiss wird von vielen Menschen mit Ungepflegtheit gleichgesetzt. Überdies möchte ich in keinem Land leben, in dem der Wohlstand des Elternhauses am Gebiss des Kindes ablesbar ist. Statt hier die Kosten für Kieferorthopäden zu monieren, wie wäre es mit einem Abbau bei der Anzahl der Krankenkassen, deren Verwaltung sowie deren Bauprojekten und überdies einem Verbot der Erstattung von Quacksalberei wie Homöopathie, Akkupunktur, Heilpraktiker- Rechnungen etc? Ich bin mir sicher, das hat enormes Einsparpotential ohne dass Kranke Nachteile hinnehmen müssen.
im_ernst_56 08.05.2019
2. Man muss Prioritäten setzen
Zitat "Das Gesundheitsministerium aber zeigt auf andere: Die Nutzenbewertung von Behandlungsmethoden sei "keine staatliche Aufgabe", dafür sei der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) zuständig. Das ist formal korrekt, nur hält sich Gesundheitsminister Spahn bei anderen Themen auch mal nicht an diese Regel." Gemeint ist wohl die Initiative von Herrn Spahn, am G-BA vorbei die Liposuktion (Fettabsaugung) zur Kassenleistung zu machen. Schiefe Zähne und eine ungünstige Fettverteilung haben beide auch einen kosmetischen Effekt. Die ungünstige Fettverteilung sieht man aber sofort, die schiefen Zähne erst, wenn der/die GKV-Versicherte den Mund aufmacht. Und für die meisten Gesundheitspolitiker ist die Zahngesundheit gesundheitspolitisch ohnehin ein sekundäres Betätigungsfeld. Ich habe zu dem Thema z.B. von Herrn Prof. Dr. Lauterbach noch nie etwas gehört.
Grünspahn 08.05.2019
3.
Kieferorthopäden erklären einem, was warum zu machen ist - so zu mindest meine Erfahrung. Meine beiden Kinder brauch(t)en eine Korrektur der Zahfehlstellung. Bei meiner Tochter, die die Spange wieder draußen hat, ist der Erfolg deutlich zu sehen. Die Zähne, die vorher schief wuchsen sind jetzt gerade. Bei meinem Sohn sind Erfolge sichtbar, auch wenn die Behandlung noch nicht zu Ende ist. Gut ich bin privatversichert und es gab kein Problem mit de Kasse, aber warum sollen Kassenpatienten mit schiefen Zähnen nicht auch eine solche Behandlung bei Bedarf erhalten? Laut meinem Zaharzt und des KiefO wäre sonst im Alter die jeweiligen Zähne zum Problem geworden und hätten entfernt werden müssen bzw. die "Gegenzähne" wären locker geworden.
citizen_k 08.05.2019
4. Beihilfe für kosmetische Korrekturen
Hintergrund der Spahn‘schen Zurückhaltung könnte sein, dass für ihre Kinder Beihilfeberechtigte für kosmetische Zahnstellungskorrekturen die vollen Kosten in Höhe von bis zum Preis eines kleinen Neuwagens komplett erstattet bekommen. Für gesetzlich Versicherte gilt - durchaus vernünftigerweise - dass ein bestimmter medizinischer Grad der Fehlstellung diagnostiziert wird und selbst im Erfolgsfall der Korrekturmaßnahmen ein hoher Selbstbehalt bleibt. Wenn jetzt der Einwand der eigenen privaten Versicherung der Kinder kommt, die Prämien sind moderat, da nur 20 bzw. 30 Prozent (Bund, Länder, Kommunen) abgesichert werden müssen.
curly988 08.05.2019
5. Geld Geld Geld
Ach ja die Zahnspange. Eine Gelddruckmaschiene. Ich habe mit ca. 13 eine feste Zahnspange bekommen. Sie sollte nur 2 Jahre drin bleiben. Raus gekommen ist sie letztlich kurz nach meinem 18 Geburstag ( welch Überraschung da zahlt die Krankenkasse ja nicht mehr so gut). Über 1000 Euro, mal mit mal ohne Gaumenbügel/Gummis und bis heute ist der Retainer drin. Ich habe immer noch ein paar kleine Zahnlücken ( nichts dramatisches) aber nach 5 Jahren hieß es aufeinmal " tja ihre Zähne sind zu klein, mehr geht nicht da müssen wir aufüllen ( natürlich zahlt man selbst)" Ob das Ding medizinisch generell sinnvoll ist weiß ich nicht. Das es aber eine Gelddruckmaschiene ist durfte ich selbst erleben.
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