Zahnspangen Sechs Fragen und eine große Wissenslücke

Mehr als die Hälfte der Kinder in Deutschland bekommt eine Zahnspange. Wann ist das notwendig? Welchen Nutzen und welche Risiken hat die Behandlung? Die wichtigsten Antworten im Überblick.

Ob Zahnspangen langfristig nutzen, ist weitgehend ungeklärt
Elisabeth Schmitt/ Getty Images

Ob Zahnspangen langfristig nutzen, ist weitgehend ungeklärt


Rund 1,15 Milliarden Euro haben allein die gesetzlichen Krankenkassen 2018 für kieferorthopädische Behandlungen ausgegeben. Dazu kommen noch Kosten für Therapien, die Eltern selbst zahlen, weil die Kassen diese nicht übernehmen - etwa das Schließen einer Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen.

Der Bundesrechnungshof kritisiert, dass wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über den medizinischen Nutzen von Zahnspangen fehlen. Eine Bestandsaufnahme.

Wann ist eine Zahnspange bei Kindern medizinisch notwendig?

Diese Frage ist schwierig zu beantworten, weil Untersuchungen fehlen, wie sich die Korrekturen langfristig auf die Gesundheit auswirken. Das geht aus dem Gutachten des Iges-Instituts hervor, das das Bundesgesundheitsministerium nach Kritik des Rechnungshofes 2018 in Auftrag gegeben hatte.

Darin heißt es: Dass Zahnkorrekturen Probleme wie Karies, Parodontitis oder Zahnverlust verringern, könne nicht belegt, aber auch nicht ausgeschlossen werden. Die Krankenkassen richten sich nach den Kieferorthopädischen Indikationsgruppen (KIG). Dabei sind Gruppen 1 und 2 eher kosmetische Fehlstellungen, 3 bis 5 medizinisch behandlungsbedürftig. Die Kosten werden nur bei Kindern und Jugendlichen mit der Diagnose Gruppe 3 bis 5 übernommen, wenn die Patienten zwischen 10 und 18 Jahre alt sind.

Warum tragen so viele Kinder eine feste oder lose Klammer?

Nach Schätzungen unterziehen sich mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen in Deutschland einer kieferorthopädischen Behandlung. Genaue Zahlen gibt es dazu nicht, die Datenlage ist undurchsichtig. Nach einer Befragung der hkk Krankenkasse von Kindern und Jugendlichen sowie deren Eltern geben oft ästhetisch-optische Gründe den Ausschlag für die Behandlung. Sie wollten "einfach besser aussehen" oder "wegen ihres schrecklichen Gebisses" nicht mehr gehänselt werden, lauteten Begründungen. Knapp die Hälfte gab an, dass sie vor der Behandlung keine Beschwerden mit ihrem Gebiss hatten.

Werden die Behandlungen immer teurer?

Nach Schätzung des Verbands der Ersatzkassen werden für eine kieferorthopädische Behandlung im Durchschnitt rund 3700 bis 4000 Euro von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Die Eltern müssen einen Eigenanteil von 20 Prozent aufbringen, den sie allerdings am Ende der Behandlung erstattet bekommen. Laut dem Iges-Gutachten stiegen die Behandlungskosten, obwohl die Zielgruppe der 10- bis 18-Jährigen kleiner wird. Der Berufsverband der Deutschen Kieferorthopäden (BDK) weist den Vorwurf hoher Ausgaben zurück. Die Kosten seien zwischen 2005 und 2016 um 25 Prozent gestiegen, dies entspreche anderen zahnärztlichen Leistungen.

Warum zahlen dann Eltern häufig trotzdem hohe Beträge dazu?

Nach Angaben der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung wünschen die Patienten immer häufiger Extraleistungen, die sie selbst bezahlen müssen. Die Klebeplättchen (Brackets) bei festen Klammern gibt es längst nicht mehr nur aus Metall, sondern auch aus Keramik oder Kunststoff, in Miniaturform oder fast unsichtbar in Zahnfarbe. Auch die herausnehmbaren Spangen gibt es in verschiedenen Design-Varianten, etwa mit regenbogenfarbener, glitzernder Gaumenplatte.

Welchen Erfolg haben Zahnspangen?

Die Iges-Studie sieht Erfolge: Tatsächlich würden falsch stehende Zähne korrigiert - dies wirke sich auch positiv auf das Lebensgefühl aus. Die hkk-Befragung von rund 430 Jugendlichen ergab ebenfalls, dass 86 Prozent mit der Behandlung insgesamt sehr zufrieden oder zufrieden waren.

Doch laut der Iges-Untersuchung ist ungeklärt, wie stark die Korrekturen den Patienten langfristig nutzen. So fehlen etwa Untersuchungen dazu, wie sich die Korrekturen später auf die Entwicklung von Zahnverlust, Zahnlockerung, Entzündungen oder Schmerzen auswirken. Wichtige Fragen blieben also offen.

Gibt es Risiken und Nebenwirkungen bei der kieferorthopädischen Behandlung?

In ganz seltenen Fällen trete eine Nickelallergie auf, sagt Köning. Ein Problem: Das Zähneputzen bei einer festen Klammer ist weit aufwendiger und dauert länger. Dabei sollten spezielle kleine Bürsten zur Hilfe genommen werden. Wer dies vernachlässigt, dem drohen Zahnfleischentzündungen und Karies. Auch können weiße Stellen auf den Zähnen bleiben, wenn die Brackets wieder abgenommen werden. Es sei auch Aufgabe des Kieferorthopäden, die Jugendlichen zur Zahnpflege zu motivieren, betont der Verbandschef. Auch kann sich die Behandlung länger als die vorgesehenen etwa 1,5 Jahre hinziehen, wenn Patienten zum Beispiel die Gummis der festen Spange nicht 24 Stunden tragen.

wbr/dpa



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