Non-Profit-Organisation Shoe4Africa "Ich wäre glücklich, wenn ich meinen Job verlieren würde"

Viele Kenianer trainieren 160 Kilometer pro Woche - ohne Laufschuhe. Deshalb verschenkte der ehemalige Top-Läufer Toby Tanser nach einem Wettkampf alle seine Schuhe und flog barfuß zurück. Die Erfahrung hat sein Leben verändert.
Spitzenläufer Tanser (l.): Schuhe sammeln für Kenianer

Spitzenläufer Tanser (l.): Schuhe sammeln für Kenianer

Foto: Toby Tanser/ SHOE4AFRICA.ORG
Zur Person

Toby Tanser, Jahrgang 1970, ist ein ehemaliger Profiläufer aus Schweden. 1995 gründete er die Non-Profit-Organisation Shoe4Africa, die gebrauchte oder neue Laufschuhe sammelt und in Kenia verteilt. Selbst Cristiano Ronaldo, Snoop Dogg, Jérôme Boateng oder Natalie Portman haben schon Schuhe gespendet. Tanser baut derzeit das erste Kinderkrankenhaus in Ost- und Zentralafrika. Es kostet mehrere Millionen Euro und ist zu 85 Prozent fertig (Stand: Dezember 2014). Die Eröffnung ist für Anfang des Jahres geplant. Tanser lebt und arbeitet in New York und Kenia.

SPIEGEL ONLINE: Herr Tanser, wie kamen Sie auf die Idee, Schuhe zu sammeln und zu verschenken?

Tanser: Als ich 1995 das erste Mal in Kenia war, habe ich an einem Wettkampf teilgenommen. Am Start, zwischen rund 500 Kenianern, fiel mir auf, dass ich als Einziger voll ausgestattet war - damals wurde ich gesponsert. Wenn Sie einen Kenianer fragen: Welche Schuhgröße hast du?, sagt er: deine Größe. Übersetzt heißt das: "Danke, ich nehme deine Schuhe gerne an." Ich habe damals alle meine 20 Paar Laufschuhe und meine gesamte Ausrüstung verschenkt. Die Leute waren so dankbar.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ohne Schuhe zurück nach Schweden gereist?

Tanser: Ja, ich war barfuß im Flugzeug. Als ich in Paris zwischenlandete, nahm mich die Polizei fest. Sie hielten mich für einen Landstreicher. Also legte ich mein Geld, rund 2000 Dollar, auf den Tisch. Danach hielten sie mich für einen Drogendealer. Sie wühlten in meinen Taschen und fanden die 20 Kilo Maismehl, die ich mitgenommen hatte, um das kenianische Nationalgericht Ugali zu kochen.

SPIEGEL ONLINE: Sie müssen ein merkwürdiges Bild abgegeben haben.

Tanser: Als ich in Schweden ankam, nahm mich eine Frau im Auto mit. Am Ende der Fahrt schenkte sie mir ihre Schuhe - und lief barfuß durch den Schnee zurück zum Auto. Das war ein starkes Bild.

SPIEGEL ONLINE: Sie sammeln seit 20 Jahren Schuhe. Die Hilfe scheint nicht besonders nachhaltig zu sein, oder?

Tanser: Guter Punkt. Die Kenianer, die unsere Schuhe bekommen, laufen zum Teil 160 Kilometer in der Woche. Das heißt, die Schuhe halten nicht besonders lange. Fakt ist: Es werden keine Laufschuhe in Afrika hergestellt. Man muss sie importieren.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist teuer?

Tanser: Genau. Das Durchschnittseinkommen eines Kenianers liegt bei rund 1,50 Euro am Tag. Wie in aller Welt soll er davon Laufschuhe bezahlen? Wenn eine der großen Laufschuhfirmen eine Fabrik in Afrika aufbauen würde, wäre ich meinen Job los. Das würde mich sehr glücklich machen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie verschenken die Schuhe nicht nur aus sportlichen Gründen?

Tanser: Nein, es geht um Gesundheit. Die Schuhe sind ein Anknüpfungspunkt, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und sie über Hygiene, Gefahren und Krankheiten wie Aids zu informieren. Im Dezember haben wir einen Lauf, an dem Tausende Frauen teilnehmen, die sonst nicht laufen. Du musst die fünf Kilometer absolvieren, um Schuhe zu bekommen. Es soll ein Anreiz sein.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit lassen Sie ein spendenfinanziertes, öffentliches Kinderkrankenhaus bauen - für mehrere Millionen Euro. Warum bauen Sie keine Klinik für alle?

Tanser: Wenn im Westen ein Kind in ein normales Krankenhaus kommt, hat es immer Vorrang. In Afrika ist es anders. Dort haben die Familien häufig sechs bis acht Kinder. Also musst du dich erst um den kümmern, der sich um die Familie kümmert. Das Kind stellt sich immer hinten an. In den USA gibt es mehr als 150 Kinderkrankenhäuser, in Ost- und Zentralafrika gibt es bislang kein einziges. Jedes achte Kind stirbt vor dem fünften Geburtstag. Und 80 Prozent dieser Kinder haben in ihrem Leben nie medizinisches Personal gesehen. Ich wollte eine Klinik bauen, in der das Kind oberste Priorität hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben am eigenen Leib erlebt, wie wichtig ein funktionierendes Gesundheitssystem ist.

Tanser: Ja. Mit elf bin ich von einer hohen Leiter auf meinen Kopf gefallen und war ein halbes Jahr im Krankenhaus. Ich habe schöne Erinnerungen daran: Es gab Fernsehen und gutes Essen - wie im Hotel. Letztes Jahr wurde ich in New York beim Radfahren von einem Auto angefahren. Jetzt habe ich buchstäblich überall am Kopf Metallplatten. Und 1999 wurde ich am Strand von zwei Unbekannten überfallen. Sie haben mir mit einer Machete eins über den Schädel gezogen und mir die Schuhe gestohlen.

SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet Ihnen?

Tanser: Ja, zu der Zeit hatte ich schon Tausende von Schuhen verschenkt. Ich hätte sie ihnen gegeben, wenn sie gefragt hätten.

Wer Schuhe oder Geld für den Schuhversand oder das Krankenhaus spenden möchte, kann das hier  tun.

Das Interview führte Frank Joung