Achilles' Verse Öko-Tattoo im Herzchenformat

Markenzeichen des eisernen Trainings: Wer sich täglich ins Sportlertrikot presst, kann mit sauberen Trennstreifen zwischen gebräunter und käsiger Haut angeben. So messerscharf ist die Trennlinie bei Wunderläufer Achim Achilles aber nicht - nun experimentiert er mit Klebeband und Selbstbräuner.

Schwimmprofi Michael Phelps: Scharfe Konturen entstehen nur, wenn man immer exakt dieselbe Kleidung trägt
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Meine Lauffreundin Gerda trabte noch offensiver als sonst auf mich zu. "Hier, guck mal", gluckste sie und hielt mir das obere Fünftel ihrer Brust entgegen. Huch, wie unangenehm. Wohin sollte ich nur schauen? Den Sexismus im Freizeitsport lehne ich völlig ab. Immer diese oberflächliche Bodyshow - widerwärtig. Niemand interessiert sich für die Anmut der Seele. Zeitfahrräder sind ohnehin viel aufregender zum Spannen. Konzentriert hielt ich Blickkontakt.

"Hihier", sirrte Gerda und deutete auf das obere Fünftel ihrer Brust. Also gut. Ich zwang den Blick nach unten. Meine Sportkameradin trug ein erschreckend weit ausgeschnittenes Leibchen, das sie sicher nicht bei den Spießern im Laufladen erstanden hatte. Na, und? Was war da? Meinte sie diesen Flecken Bürobleiche, inmitten der Express-Bräune, dem Hautkrebs von morgen?

"Hab ich neu - ein Öko-Tattoo", erklärte Gerda stolz. "Äh, was genau?", fragte ich. Tattoos waren doch diese Bauernmalereien, die leicht ins Witzige gleiten, wenn anspruchsvollere Sprachen wie Latein, Englisch oder Hochdeutsch mit im Bild sind. Oder Erinnerungen. Unterhaltsverweigerer zum Beispiel lassen sich gern die Namen ihrer Kinder auf den Unterarm sticheln. Ist ja auch weniger anstrengend als 20 Jahre Lärm. "Das ist ein Herz", erklärte Gerda. Ja, aber nach mehreren erfolglosen Transplantationen, dachte ich.

Für ihr beeindruckendes Körperkunstwerk hatte sie zwei Wochen lang einen Aufkleber im Dekolleté getragen, der die Sonne abhielt. Auf dem Rückflug hatte sie das Schönheitspflaster abgerupft und die Haare zum Glück gleich mit. Erst mussten die Flugbegleiter Begeisterung heucheln, jetzt wir Laufkameraden.

"Toll", sagte ich und pellte wortlos eine paar Millimeter meiner Spezialfaserhose den Hochleistungsoberschenkel empor. Gerda guckte fragend. "Das ist auch ein Öko-Tattoo", sagte ich, "Run-and-Bike-Tribal." Der Trennstreifen zwischen Gebräuntem und Käsigem zog sich leider nicht ganz messerscharf über meinen Oberschenkel. Unterschiedliche Hosenlängen sind der Tod der Öko-Tätowierung.

Dafür kann ich gleich mit sechs Linien trumpfen: zweimal Sockenoberkante, zweimal Hose, zweimal Ärmel. Würde ich öfter den Mut zum Ärmellosen finden, käme ich sogar auf acht. Und mit ein paar kunstvoll aufgebrachten Streifen Kinesio-Tapes wäre noch meine Handynummer einzubrennen.

Bio-Tattoos entstehen bei fleißigen Sportlern von ganz allein

Der Braunstreifen, früher das Markenzeichen des Straßenbauarbeiters, ist heute Nachweis strammen Trainings. Wer drei Wochen lang bei der Tour de France durch die Ozonlöcher der Alpenpässe radelt, hat sich eine bleibende Erinnerung an Arm und Bein geschaffen. Unkundige Partnerinnen fragen dann, ob es dem Herrn Radfahrer was ausmachen würde, noch rasch das St. Pauli-Trikot abzulegen.

Wer wie ich gern mal schwänzt oder im Familienrat kein Frühlingstrainingslager im Mittelmeerraum durchsetzen kann, bei den Gerdas dieser Welt aber dennoch wie ein eifriger Trainierer aussehen will, der muss nachhelfen. Meine ersten Versuche mit Selbstbräuner und Kreppklebeband waren nicht sehr erfolgreich gewesen. Das Scheckige in der Schrittgegend sah nicht nach Training aus, sondern nach explodierter Kaffeemaschine. Peinlich war auch, als ich im Fitnessstudio mehrfach mit Laufklamotten im Solarium erwischt wurde.

Wichtig bei der Mutation zum Streifenhörnchen ist die messerscharfe Linie. Glücklich der, der nur eine Hose und ein Hemd besitzt. Bei mir stehen Leistung und Sportwäscheauswahl leider in suboptimalem Verhältnis. Also brütete ich jedes Mal vor dem Schrank, welches meiner etwa 30 Hemden ich beim letzten Sonnenstrahl trug. Hoffnungslos. Also mit Sicherheitsnadeln die Ärmel vor dem Spiegel umgesteckt. Mit solch akribischer Vorbereitung kommt man übrigens auf eindrucksvolle Trainingszeiten. Am Hosenbein öffnet sich die kleinen Nadelbiester allerdings gern mal. So verschafft auch das Öko-Tattoo die angemessene Dosis Schmerz.

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insgesamt 3 Beiträge
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agua 31.07.2012
1. Danke
ich lach immer noch.Ich war am Sonntag (eines der wenigen Male)am Strand,als Zebra,umgeben von gleichmaessig gebraeunten oder schweinchenrosa getoenten Urlaubern.Da ich durch meine Arbeit bedingt,mich ueberwiegend im Freien aufhalte,versuche ich jedes Jahr mit verschieden geschnittenen Shorts,anders ausgeschnittenen T-Shirts,schutzfaktor 50,20 und 30 den unterschiedlichen Braeunungsgrad ohne Erfolg auszugleichen.Selbst bei absolut streifenfreien Selbstbraeuner,streift selbiger,wenn ich ihn anwende(Hinweis:Sie haben sich da hinten am Bein beschmutzt)Also ueberlasse ich dieses Produkt Menschen,die das hinbekommen....Vielleicht erstelle ich mir diesen Winter einen genauen Kleidungs.- und Einschmierplan,den ich mir dann ab dem naechsten Fruehjahr in das Badezimmer haenge?
ellereller 31.07.2012
2. Die Lösung,
lieber Herr Achilles, ist die Körpertusche, die "echte Ökotätowierer" verwenden. Mit dieser bemalen Sie sich diejenigen Hautpartien, die von ihrer knappsten Sportbekleidung nicht mehr, aber von ihrer weitesten gerade noch bedeckt wird. In drei Wochen ist die Tusche weg, aber die Haut darunter sieht schön käsig aus und die trennscharfe Linie zu den gebräunten Partien hält wesentlich länger als die Tusche!
nusseck.ch 01.08.2012
3. optional
Schlecht nur für den multisportiven Gartenbesitzer. Der ist nur unter der Badehose weiß.
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