Achilles' Verse Chill mal, Alter, echt jetzt

Lauf-Junkie Achim Achilles soll ein paar entspannte Ostertage verbringen - samt Gattin und Nachwuchs. Doch Entspannen und Abhängen sind so gar nicht seins. Heimlich nutzt er jede Gelegenheit, um seine Sucht zu befriedigen.

Schatten eines Pärchens: Nettes Miteinander, einfach nur Abhängen - für Lauf-Junkie Achim Achilles eher ein Graus
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Schatten eines Pärchens: Nettes Miteinander, einfach nur Abhängen - für Lauf-Junkie Achim Achilles eher ein Graus


Elende Ferienfeiertage. Ich will Training, Mona aber besteht auf Ausflug, mit Familie, also mir. Kopfbild: nettes Miteinander. Realität: Auf einer mit adipösen Lemuren überfüllten Kaffeekuchen-Terrasse in eine windstille Ecke quetschen, knisterndes Fleece um die knackblaue Daunenwurstjacke wickeln, Gesicht in die Sonne halten, angestrengt entspannt sein und die Dummdialoge der letzten Jahre wiederholen.

Sie, gespielt geerdet: "Die haben schon richtig Kraft, die Sonnenstrahlen." Er, neidisch auf vorbeilaufende Schönwetterjogger starrend: "Hmmm." Der schwer atmende Mittdreißiger am Tisch nebenan saugt Wurstsalat und Bier auf. Was als feiertägliche Achtsamkeitsmeditation für Paare angelegt ist, endet mit den üblichen Gewaltfantasien.

Der Ausdauersportler solle mal ausruhen, sagen die Trainingsgurus. Er will aber nicht. Statt Erholung keimt schlechtes Gewissen. Der Körper ist tägliche Belastung gewohnt. Und jetzt soll er rumliegen. Schrecklich. Läufer sind Läufer, weil sie nicht stillsitzen können. Ruht der Körper, leidet die Seele. Chillen führt zur Erholungsdepression. Werde den Kindern eine Handvoll Ritalin mopsen. Ich spüre das Schrumpfen jeder einzelnen Muskelfaser. Nebenbei verhungere ich: Nicht laufen heißt ja auch: nicht essen. Die Gattin seufzt und murmelt was mit "Wärme". Nee, klar.

Nie hast du Zeit für uns

Ausflug, warum gibt es dich? Hätte man vielleicht früher aufstehen sollen? Aber da war ja schon Osterfrühstück, auch mit Familie, auch eine Art Ausflug, nur ohne Wegfahren. Vorsichtige Frage, ob man nachher vielleicht ein Stündchen laufen gehen könne, wird umgehend niedergebrüllt: Nie hast du Zeit für uns, immer denkst du nur an dich - ich will ein Eis.

Und ich will meinen vertrauten Werktag zurück, an dem ich ungestört laufen kann, ohne dass unzählige Warmduschathleten durch den Wald stolpern, die den Winter feige mieden. Hoch lebe die frei gestaltete Mittagspause mit 35 Minuten niedrigschwelliger Bewegung im leeren Park, bevorzugt dialogfrei.

Ich soll meine Base chillen, sagt der Sohn. Ist das wie Beckenboden? Sitze ich also neben meiner sonnenduschenden Gattin und ziehe die Eingeweide zusammen. Dabei atmen. Gedanken loslassen. Geht nicht. Der Gedanke, "eigentlich könntest du jetzt gut trainieren anstatt hier dämlich rumzusitzen", ist schrecklich klebrig. Ich strecke mein Bein ganz lang, bis es sich anfühlt wie Stretching. Zusammen mit dem Beckenboden ist es fast Sport. Ich werde auf dem Weg zum Klo heimlich die Pulsuhr starten. Oder am Waldrand Schnäuzen üben. Da ging die letzten Jahre häufiger mal was schief.

Hans kommt vom Seeufer zurück. Er wollte mit seinem Fuß einen Stock aus dem Wasser angeln. Stock weg, dafür Bein nass. Großartig. Ich sprinte zum Auto, sinnlos aber voller Leidenschaft. Wechselklamotten haben wir natürlich nicht dabei. Aber zumindest ist auf der Pulsuhr was los. Mit einem Kilometerschnitt von 5,36 pro Minute kehre ich zurück. Die Gattin hat den Kleinen längst in die Decke gewickelt. Jetzt gucken beide blödgesichtig in die Sonne. Das Imperium chillt zurück.

Vom Klo aus rufe ich bei meinem Laufpartner Klaus-Heinrich an. Er sei laufen, lautet seine angeberische Mailbox-Ansage. Chill mal, Alter, echt jetzt.

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insgesamt 7 Beiträge
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bekmes 05.04.2015
1. süchtig
Sehr geehrter Herr Achilles, scheinbar sind sie sportsüchtig. was sich wie ein Kompliment für sie liest ist die Benennung einer psychischen Erkrankungen. durch ihr Trainingsprogramm schaden sie ihrem Körper mehr als wenn sie sich gar nicht bewegen würden. dazu gefährden sie ihre sozialen Netzwerke. ich kann Ihnen nur raten, sich professionelle Hilfe bei einem auf sucht spezialisierten Therapeuten zu suchen.
rudi.waurich 05.04.2015
2. Ich will auch
Radeln gehen und darf nicht! Weil nachher die Kinder kommen! Es ist so schlimm, daß ich hier rumsitze und Achilles - Artikel lese!!! Schöne Ostern :)
hbm-1291214196194 05.04.2015
3.
lustig, wenn es nur nicht so tragisch nah an der Realität wäre...
Hugo Meier 06.04.2015
4. Nee is klar....
Zum ersten Beitrag hier : Es ist natürlich wesentlich besser, Torte essend und Proseco trinkend rumzusitzen. Deswegen gibt es auch immer mehr Fette in unserer Gesellschaft. Die dann natürlich immer sofort von Sportsucht sprechen, wenn sie einen Läufer vorbei laufen sehen, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Viel Spaß beim Laufen und frohe Ostern!
Ballachulish 06.04.2015
5. Bitte nicht versuchen lustig zu sein
Achilles' Verse ist ein grauseliger Vertreter der heutigen Medienlandschaft, mit nicht gelungener Ironie und angedeuteter Coolness lustig zu sein. Es schmerzt in den Augen und strapaziert die Gedanken. Selbst Schuld, einen solch schlechten Autor zu lesen. Aber kommt ja mal vor. Auch lustig seine Frau und Kinder schmählich zu beschreiben - ein Scherz, gewiss, aber ohne Stil, ein Repräsentant unserer stillosen Spassgesellschaft. Es gibt leider zu viel davon, zum Glück nicht so viele im SPON. Das hier ist mein erster Kommentar nach Jahren, er musste mal raus.
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