Achilles' Verse Supersellerie, Superfood

Unser heimisches Gemüse hat ein Imageproblem, findet Anna Achilles. Es ist nicht sexy genug. Aber wie macht man Sellerie und Wirsing attraktiv?

Sellerie
imago/ CTK Photo

Sellerie


Jedes Jahr wird ein neues Lebensmittel für heilig erklärt. Aloe Vera war mal ganz oben. Heute interessiert sich nicht mal der abgehalftertste Aerobictrainer für das grüne Gewächs. Wer was auf seine Gesundheit hält, isst jetzt Chia-Samen, Goji-Beeren, Quinoa - sogenannte Superfoods. Die sind angeblich gut fürs Herz, schützen vor Krebs, machen jung, schlank, bla bla. Vor allem aber stehen sie für Natürlichkeit.

In einer Gesellschaft, für die Analogkäse und Antibiotika im Fleisch selbstverständlicher geworden sind als der Besuch auf einem Bauernhof, sehnt man sich nach dem Gefühl von Ursprünglichkeit. Dafür wirft der moderne Mensch auch seine Prinzipien über Bord. Wird sonst jedes Produkt durchgecheckt und auf das Preis-Leistungs-Verhältnis geprüft, lässt er sich bei der Ernährung an der Nase herumführen.

Sobald "bio", "Superfood" oder ein exotisches Herkunftsland auf der Packung stehen, darf man sich das schon was kosten lassen. Fünf Euro für ein paar Löffel peruanischer Chia-Samen? Kein Problem. Dass man die heimischen Leinsamen - ebenso eiweiß- und ballastoffreich - für einen Bruchteil des Preises bekommen könnte? Nebensache. Anfangs zumindest. Denn der moderne Mensch ist nicht doof, irgendwann bemerkt er die Produktenttäuschung.

Dann ist die Chance gekommen für einen neuen Ernährungstrend: die Stunde des German Superfood. Der Weg dahin ist ganz einfach.

"Leistungsbooster" und Exotik = Supergut

Als Erstes braucht man einen USP. Marketingsprache für: herausragendes Leistungsmerkmal, das beworben werden soll. Zu Deutsch: völliger Unsinn, aber klingt gut. Je nach Zielgruppe kann das variieren. Bei Fitnessfreaks bieten sich Botschaften wie "Leistungsbooster" an. Ältere Menschen und Reizdarmgeplagte kaufen gerne "leicht verdaulich" ein. Immer gut gehen Begriffe wie: "Schlankmacher", "antibakteriell" und "antioxidantisch".

Zweitens ist problematischer: ein exotisch klingender Herkunftsort. Je mehr Kilometer das Produkt zurücklegen muss, bis es in einem deutschen Supermarkt landet, umso besser klingt es eigentlich. Gesundheitsfanatismus schlägt Ökobilanz. Gut geeignet sind deshalb: chinesische Provinzen, die Höhenlagen der peruanischen Anden, das Amazonasgebiet. Wichtig sind Phrasen wie "schon die Ureinwohner nutzten die Kraft ..." - das unterstützt die Glaubwürdigkeit des Produkts.

Das Problem: Die Exotik wirbt für das Falsche. Eigentlich hätte unser heimisches, deutsches Gemüse eine solche Werbekampagne verdient. Sellerie, Wirsing, Pastinaken, Lauch - alles Gemüse, das in Deutschland wächst, im Herbst Saison hat, aber im Supermarkt trostlos aus der Kiste lugt. Noch. Denn eigentlich spricht viel für unser heimisches Superfood.

Supersellerie aus Dingolfing

"Supersellerie" etwa ist (Achtung USP): antientzündlich, weil reich an antioxidativen Flavonoiden (versteht kein Mensch, aber klingt gesund). Er wächst im niederbayerischem Dingolfing (exotischer Herkunftsort) und schon die bayerischen Ureinwohner (Glaubwürdigkeit) wussten bestimmt die anregende Wirkung des Selleries zu schätzen und nutzen.

Oder Wirsing. Er ist reich an den Vitaminen C, E, K ("stärkt das Immunsystem"). Hat wenig Kalorien ("Schlankmacher") und man baut ihn seit dem 18. Jahrhundert in Deutschland an ("Traditionsgemüse").

Das einzige deutsche Gemüse, das das Prinzip schon halbwegs verstanden hat, ist der Grünkohl. Auf Weihnachtsmärkten steht man Schlange für ihn, Jan Böhmermann lädt zum öffentlichen Grünkohlessen ein und im Norden der Republik streiten sich Städte um die Vormundschaft des Kreuzblütengewächses. Sogar das hippe New York reißt sich um das norddeutsche Kohlgewächs.

Wer Aufmerksamkeit will, muss laut sein. Bescheidenheit ist zwar eine Tugend, aber kein Verkaufsargument. Deutsches Gemüse bekommen Sie übrigens ziemlich günstig in jedem Supermarkt. Sollten die Preise aber demnächst schlagartig in die Höhe gehen, dann wissen Sie sicherlich, woran das liegt. Gutes Marketing schlägt sich nun mal im Preis nieder.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
hektor2 24.11.2016
1. Namen
Anderes Beispiel für die Idiotie der Verbraucher: Als die deutsche Rauke noch Rauke hieß, wollte sie niemand essen. Flux umbenannt in Rucola und schon läuft die Sache ... Vielleicht sollte man Wirsing nicht als Wirsing bewerben sondern als "Savoy", das klingt so mondän. Sellerie könnte man umbenennen in "Apio" oder vielleicht "Sedano". Ich bin mir sicher, dass die beiden Gemüse damit einen Senkrechtstart hinlegen, weil jeder "hippe" Dorfdepp das dann kauft. Ansonsten: Prima Artikel und so wahr!
Räuber Hotzenplotz 24.11.2016
2. Jooo!
Zitat von hektor2Anderes Beispiel für die Idiotie der Verbraucher: Als die deutsche Rauke noch Rauke hieß, wollte sie niemand essen. Flux umbenannt in Rucola und schon läuft die Sache ... Vielleicht sollte man Wirsing nicht als Wirsing bewerben sondern als "Savoy", das klingt so mondän. Sellerie könnte man umbenennen in "Apio" oder vielleicht "Sedano". Ich bin mir sicher, dass die beiden Gemüse damit einen Senkrechtstart hinlegen, weil jeder "hippe" Dorfdepp das dann kauft. Ansonsten: Prima Artikel und so wahr!
Schon tragisch, wie sich die Leute vor lauter Gier nach "Neuigkeiten" veräppeln lassen und sich die hart verdiente Kohle aus dem Geldbeutel angeln lassen. Und dann kein Geld für Gesundheits- und Altersvorsorge haben...einfach mal das Gehirn einschalten und kurz im www recherchieren, ob die angepriesene "Neuigkeit" denn auch irgendeinen Mehrwert bietet, außer daß man auch so trendy ist, oder ob es das bekannte Obst&Gemüse vom Bauer um die Ecke genauso oder noch besser tut...günstiger und ökololscher ist es ohnehin. Wer dann auch noch Omas Kochbuch hat, ist sowieso uneinholbar vorne...
Thomas Schnitzer 24.11.2016
3.
""Supersellerie" etwa ist (Achtung USP): antientzündlich, weil reich an antioxidativen Flavonoiden (versteht kein Mensch, aber klingt gesund). Er wächst im niederbayerischem Dingolfing (exotischer Herkunftsort) und schon die bayerischen Ureinwohner (Glaubwürdigkeit) wussten bestimmt die anregende Wirkung des Selleries zu schätzen und nutzen" Der Ansatz ist super, die Umsetzung wird dennoch scheitern: 1. Wesentliche Teile der Menschen in meinem Umfeld wissen, dass Sellerie Verdauungsprobleme auslöst. 2. Gleichermaßen kommt Audi aus Dingolfing, was angesichts der Zugehörigkeit zum Volkswagenkonzern andeutet, dass man zum gemeinen Volk gehören könnte, sofern man Produkte von dort kauft, und 3. ist relativ bekannt, dass die bayerischen Ureinwohner ein "diebisches Bergvolk" waren bzw. sind. Sellerie kann also gar nicht der neue Hype werden ;-)
cindy2009 24.11.2016
4. Sellerie
Das Zeug müsste sich doch eh schon verkaufen. Ist doch ein natürliches Potenzmittel!
Phi-Kappa 25.11.2016
5. Fiji Water
Dieselbe Masche wirkt bei zum Beispiel beiFiji Water. Wirklich wahr: Von je weiter weg ein hundsnormales Lebensmittel eingeflogen wird, und je schlechter damit die Öko-Bilanz, desto gesünder angeblich das Zeugs. In einigen Jahrzehnten verlängern wir unser Leben womöglich mit Mars-Kartoffeln und Mond-Spinat!
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