Achilles' Verse Läuferdiagnose Zahlenmystik

Marathon knapp über vier Stunden, Trainingsrunde nur 9,37 Kilometer? Da wird der Läufer schnell böse, weiß Achim Achilles. Denn alle Turnschuhjünger leiden unter pathologischem Aberglauben.

Keine zehn Kilometer? Trainingsstrecken im einstelligen Bereich bringen Pech
Corbis

Keine zehn Kilometer? Trainingsstrecken im einstelligen Bereich bringen Pech


Wir Läufer sind simple Zeitgenossen. Für unser Menschenbild brauchen wir nur die Ziffern drei, vier und fünf. Wer den Marathon unter drei Stunden läuft, der ist prima, wer unter vier bleibt, halbwegs okay. Der Sub-Fünf-Renner, naja, der soll halt alkoholfreies Bier holen gehen, so wie ich. Und der Rest? Eh wurscht. Das ist keine Arroganz, sondern schlimmer - Zahlenmystik, eine Krankheit, die fast alle Läufer erwischt hat.

Am Samstag habe ich zum Beispiel wieder Pech gehabt: Trotz ewigen Gerennes durch den Grunewald blieb die Laufuhr am Ende bei 9,37 Kilometern stehen. Mist: 664 Meter zu wenig. Es bringt aber Unglück, wenn man unter einer zweistelligen Zahl bleibt. Noch mehr Unglück bringt es allerdings, dauernd auf die Uhr zu gucken. Kann ja jeder. Also renne ich noch ein paar Runden auf dem Parkplatz, immer ums Auto, auf die Gefahr hin, dass mich die anderen Waldbesucher für behämmert halten. Aber die laufen zum Glück auch alle um ihr Auto, manche seit Stunden. Natürlich könnte ich den Arm auf der Heimfahrt aus dem Autofenster halten. Endbeschleunigung soll ja gut sein. Könnte allerdings passieren, dass man mir die 73 Stundenkilometer auf den letzten sieben Kilometern nicht abnimmt.

Wenn man jedes Jahr mehrere hundert Stunden in der Natur verbringt, oft allein, dann wird man halt wunderlich. Aber nur weil man an pathologischem Aberglauben leidet, heißt das ja noch lange nicht, dass bestimmte Zahlen nicht heilig wären. Die 42 Kilometer zum Beispiel - heiliger Marathon. Ist doch kein Zufall, dass ringsum zwei Primzahlen liegen. Die Hälfte davon gibt wiederum exakt die Zahl unseres Jahrhunderts an, das Jahrhundert des Halbmarathons. Früher war man mit 21 volljährig. Der Läufer ist erst nach absolviertem Halbmarathon erwachsen. Magisch, oder?

Sieben Stunden für den Marathon?

Fortgeschrittene Esoterik-Sportler laufen am liebsten ihr Geburtstagsdatum, so wie Waldorfschüler ihren Namen tanzen. Wer zum Beispiel am 22. April Geburtstag hat, darf 22:04 Minuten auf fünf Kilometer brauchen.

Natürlich sind nicht alle Zahlen Wunderwerk, manche tun nur so. Die 65 zum Beispiel. Es gibt ja wirklich Menschen, die meinen, mit 65 Jahren könne man nicht mehr arbeiten oder glauben, kurz danach fange das Leben erst an. Missverständnis drei: Wir glauben, uns die ersten beiden Missverständnisse noch viele Jahre leisten zu können.

Auch die Eins wird maßlos überbewertet. So glaubt das ganze Land, man könne nur am 1. Tag des Jahres sein Leben ändern. Am 1. Januar geht der Unsinn mit den guten Vorsätzen wieder los, ausgerechnet an einem Tag, wo der Schädel brummt, das Wetter absehbar schlecht ist und sich viel zu viele andere wankende Honks durch die Parks schleppen, weil sie den gleichen Unsinn glauben. Spätestens am 7. Januar ist der Spuk dann wieder vorbei. Immerhin: In dieser einen Woche haben die Fitnessstudios ihren Jahresumsatz weitgehend eingespielt. Dabei weiß doch jeder, dass die Sieben verdammt ist. Oder will jemand im Walkertempo von sieben Stundenkilometern wackeln, geschweige denn sieben Stunden für den Marathon brauchen? Na also.

Esoterik statt Vernunft

Natürlich gibt es Zufallszahlen wie die 25. Für manche Sportsfreunde ist ein BMI von 25 prima, für andere die Hölle. Oder die 150. Manche liegen bei einem solchen Puls pumpend auf der Tartanbahn, andere wachen damit auf. Nicht magisch.

Die Zehn wiederum ist hochmagisch - als Tag des Neuanfangs. Deswegen empfehlen Zahlenmystiker den zehnten Tag eines Monats, um mit guten Vorsätzen wie regelmäßigem Laufen zu beginnen. Wer am 10. Dezember anfängt zu rennen, also das tut, was er sich drei Wochen später seit Jahren immer wieder vergeblich vornehmen wird, der hat weniger Zeit zum Spachteln. Außerdem vertrödelt er nicht ganz so viele sinnlose Stunden im Shoppingwahn, hat schon mal die ersten 5000 Kalorien Weihnachtsspeck weggerannt und kann am 1. Januar ohne schlechtes Gewissen schwänzen.

Wenn Vernunft nicht hilft, muss es eben ein wenig esoterisch sein. Am Zehnten geht's los zum Laufen. Um 3 Uhr 45 Uhr.

Bestes Mittel gegen schwindende Vorsätze: "Laufen und Lust - in zehn Schritten zu mehr Spaß am Leben"

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
xaka 09.12.2014
1. köstlich ...
... Laufen kann wirklich Spaß machen ;-)))
georg14ofone 10.12.2014
2. Auch Ernährung kann Spass machen
Wie wäre ein langes Leben ohne angestrengtes Herumhumpeln lediglich mit Ernährung? Zink, Eisen und Aminosäuren bis zum Abwinken Das wäre irgendwie komisch nach all dem planlosem Herumhumpeln. Obwohl dieses planlose Herumhumpeln ist irgendwie gut fürs Herz. Aber wo bleibt die Ernährung in der Unterrubrik Ernährung hier? Muss ich den ganzen Laden als registrierter Leser hier alleine schmeissen?
georg14ofone 10.12.2014
3. Die Pathologie ist weitershin gefragt
Wie wäre ein langes Leben ohne angestrengtes Herumhumpeln lediglich mit Ernährung? Zink, Eisen und Aminosäuren bis zum Abwinken Das wäre irgendwie komisch nach all dem planlosem Herumhumpeln. Obwohl dieses planlose Herumhumpeln ist irgendwie gut fürs Herz. Aber wo bleibt die Ernährung in der Unterrubrik Ernährung hier? Muss ich den ganzen Laden als registrierter Leser hier alleine schmeissen? Oder wäre ein interdisziplinäres Vorgehen hier für die Reaktion und uns Leser sinnvoll?
georg14ofone 10.12.2014
4. Ab in die Pathologie
Ich bitte um Entschuldigung. Ich war vormals bei der fr-online. Jetzt bin ich bei spiegel.de registriert. Sie haben zwar keinen Herr Frank, Frau Gerlach und Frau Günther als Autoren wie bei der fr-online. Aber Sie bei spiegel.de sind besser in der Lesermoderation. Ich persönlich empfinde Leserbeteiligung als einer der der wichtigsten Güter einer Online-Zeitung im Jahre 2014. Und Laufen empfinde ich als krank. Ich mag diesen kranken Herrn Achilles nicht. Vielleicht postet er seine Ernährung hier? Aufgeregt herumzuhüpfen verlängert keine Leben der Leser.
vitma 10.12.2014
5.
Ich laufe eigentlich auch nur volle Kilometer oder Meilen. Warum? Keine Ahnung...wahrscheinlich weil es ein eindeutigeres Ziel ist und einfacher zu merken? Vielleicht auch eine Hilfe zur Motivation um das gesteckte Ziel zu erreichen und nicht einfach bei 7.56 Meilen stehen zu bleiben?
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